NRW - ein Opfer der Einheit?

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Bonn - Nordrhein-Westfalen war das Herzstück der Bonner Republik. Heute sieht sich das bevölkerungsreichste Bundesland mitunter etwas an den Rand gedrückt.

Wenn man im Bonner Hauptbahnhof ankommt und dort in die U-Bahn steigt, könnte man glauben, die Bundesregierung säße noch am Rhein. Es gibt eine Station mit dem Namen "Auswärtiges Amt", und an der Haltestelle "Heussallee" weisen Schilder den Weg zum "Bundeskanzleramt". Gemeint ist das Palais Schaumburg - offiziell der zweite Dienstsitz von Angela Merkel, faktisch aber schon lange im Dornröschenschlaf.

Wer etwas jünger ist, kann sich wohl kaum noch vorstellen, dass in dieser Stadt der Kieswege, Rosensträucher und akurat geschnittenen Hecken einmal die deutsche Politik gemacht wurde. Doch was gefühlsmäßig in grauer Vorzeit zu liegen scheint, ist gerade einmal 15 Jahre her. Der Stadt selbst geht es seitdem nicht schlechter, sie wächst und gedeiht. Aber die Bedeutung, die sie hatte, als noch in fast jeder "Tagesschau" einmal das Abgeordnetenhaus "Langer Eugen" oder andere Gebäude des Bundesviertels zu sehen waren, die ist natürlich weg. Und so geht es - sagen viele - nicht nur Bonn, sondern dem ganzen Bundesland Nordrhein-Westfalen.

NRW war das Kernland der alten Bundesrepublik, nicht nur geografisch und wirtschaftlich, sondern in vielerlei Hinsicht auch politisch. Die Bundes-SPD zum Beispiel war zu einem ganz wesentlichen Teil die NRW-SPD, die das bevölkerungsreichste Bundesland mit absoluter Mehrheit regierte. Allein Johannes Rau war 20 Jahre Ministerpräsident.

Viele an Rhein und Ruhr sagen, der Osten sei seit 1990 auf Kosten des Westens aufgestiegen. Christoph Nonn, Historiker an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, meint dagegen: "Objektiv sehe ich keinen größeren Bedeutungsverlust als in den anderen alten Bundesländern auch." Dass es von vielen anders wahrgenommen werde, sei eher ein subjektives Gefühl. "Die Fahrt bergab hat ja im Grunde schon in den späten 50er und 60er Jahren angefangen." Kohlekrise, Textilkrise, Stahlkrise - damit waren alle klassischen Industriesparten NRWs betroffen.

"Man hat sich damals, gerade in der Ära Johannes Rau, aus der Verantwortung gemogelt", kritisiert Nonn. "Man hat lange Zeit so getan, als sei das alles gar nicht so schlimm, und gleichzeitig hat man sich einen Sündenbock gesucht. Das war in den 80er Jahren die schwarz-gelbe Bundesregierung und danach die Deutsche Einheit."

Mit dieser Sicht steht der Autor einer kompakten "Geschichte Nordrhein-Westfalen" nicht allein. Noch vor wenigen Wochen verursachte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im Revier einige Aufregung, als er erklärte, es sei keineswegs so, dass das Ruhrgebiet zugunsten der neuen Länder finanziell vernachlässigt worden sei: "Das gehört zu den vielen Lebenslügen, die in dieser Region fast kultartig gepflegt werden", sagte der gebürtige Bochumer.

Auch David H. Gehne vom Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Ruhr-Universität Bochum betont: "Auf keinen Fall ist NRW ein Opfer der Einheit. Der wirtschaftliche Strukturwandel hier hat eigene Ursachen." Solidarpaktzahlungen, die klamme Kommunen im Ruhrgebiet über Verschuldung finanzieren müssen, sieht er allerdings auch kritisch: "Strukturförderung sollte sich künftig nicht mehr allein an Himmelsrichtungen - Ost oder West - orientieren. Mittel sollten dahin fließen, wo sie wirklich gebraucht werden, zum Beispiel ins Ruhrgebiet."

Im übrigen schätzt er die Lage im Westen als "mittelprächtig" ein: Mit Bayern oder Baden-Württemberg könne sich NRW wirtschaftlich natürlich nicht messen, aber es sei auch kein Land im Niedergang. Regionen wie die Rheinschiene oder Ostwestfalen stünden zum Beispiel sehr gut da. Und es gibt noch einen Lichtblick: "Wenn die Flüchtlinge dahin gehen dürften, wohin sie wollten, würden sie fast alle nach NRW kommen, einfach wegen der großstädtischen Struktur. Wir sind das Hauptzuwanderungsland. Das hilft auch mit Blick auf den Fachkräftemangel."

Quelle: wa.de

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