Schulstudie: Bei Ganztagszeiten bietet NRW nur "Schmalspur-Variante"

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Gütersloh - Wenn an einer Schule "Ganztag" steht, ist nicht immer Ganztag drin. Das gilt besonders für Nordrhein-Westfalen: Die Angebote sehen nur rund vier Extra-Stunden pro Woche vor. Damit gehört NRW zu den Schlusslichtern.

Bei den Öffnungszeiten von Ganztagsschulen erfüllt Nordrhein-Westfalen nur Mindeststandards und gehört damit zu den Schlusslichtern. Das zeigt ein am Donnerstag von der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh vorgestellter Bundesländervergleich zu den Lernbedingungen der insgesamt 1,27 Millionen Schüler in gebundenen Ganztagsschulen. 

Allerdings setzt NRW im Ganztag mehr Lehrkräfte ein als andere Länder. Stehen Ganztagsschülern der höheren Klassen im Bundesdurchschnitt rund acht zusätzliche Stunden wöchentlich zur Verfügung, sind es in NRW nur 4,6 an Gymnasien und 3,9 Stunden an den anderen weiterführenden Schulen. 

Dies ergibt sich dadurch, dass die Regelungen des Schulministeriums lediglich an drei Tagen pro Woche eineinhalb Stunden Extra-Zeit am Nachmittag vorschreiben. Ähnlich schlecht stehen die meisten ostdeutschen Flächenländer mit Ausnahme von Brandenburg da. "Das ist die Schmalspur-Variante der Ganztagsschule, die sich an den bestehenden Mindestvorgaben der Kulturministerkonferenz orientiert", sagte Studienautor Dirk Zorn. 

Spitzenreiter Hessen bietet dagegen an fünf Tagen die Woche ein deutlich ausgedehnteres Angebot an. "NRW wäre möglicherweise gut beraten, die Lernzeiten auszudehnen, um dadurch die individuellen Fördermöglichkeiten auszubauen", sagte Zorn. Denkbar sei es dabei auch, auf einen größeren Personalmix zu setzen, wie andere Bundesländer dies tun: "Auch Schulsozialarbeiter leisten wichtige Arbeit und tragen zu lernförderlichen Bedingungen an einer Schule bei." Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) entgegnete, die Studie lasse unberücksichtigt, dass es sich um vorgegebene Mindestzeiten handele. "Tatsächlich gehen die Ganztagsangebote der Schulen weit über das festgeschriebene Mindestmaß hinaus", sagte Löhrmann.

Klare Erfolge

NRW habe beim Ausbau des Ganztags bereits klare Erfolge vorzuweisen, betonte die Ministerin. Mit rund 770 Millionen Euro werde das Land auch 2016 weiter investieren. Vier von zehn Schülern nutzen mittlerweile ein Ganztagsangebot, auch im Grundschulbereich steige im kommenden Jahr die Zahl der angebotenen Plätze. 

Dass sich NRW die Ganztagsbetreuung im Durchschnitt mehr kosten lässt als viele andere Länder, geht auch aus der Studie hervor. Weil NRW auf ausreichend Lehrkräfte setzt, liegen die zusätzlichen Personalausgaben an weiterführenden Schulen mit rund 20.000 Euro pro Klasse und Jahr über dem Bundesschnitt von etwas mehr als 15.000 Euro. Die Ganztags-Studie stelle der Schulpolitik der rot-grünen Landesregierung eines schlechtes Zeugnis aus, kritisierte die Landtags-CDU.

Kritik von der FDP

Es zeige sich, dass sie ihr "schulpolitisches Lieblingsprojekt nicht im Griff hat", teilte der Vize-Fraktionsvorsitzende Klaus Kaiser mit. Die FDP warf der rot-grünen Landesregierung vor, verbindliche Qualitätsstandards beim Ganztag zu blockieren. Dass Schulen und Lehrer unter den gegebenen Bedingungen vorbildliche Arbeit im Ganztag leisten können, zeigt das Beispiel der Gesamtschule Wuppertal-Barmen: Für ihr Engagement erhielt die Schule 2015 den Deutschen Schulpreis. 

Das Ganztagsangebot ist laut Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis auch deshalb Teil des Erfolgsrezepts, weil es sich nicht nur als bloße Nachmittagsbetreuung versteht. "Wenn ich Menschen bilden will, gehört dazu sehr viel mehr, als nur die lehrplangemäßen Lerninhalte zu vermitteln", sagte Kubanek-Meis im dpa-Interview. Ansätze wie diese, die verpflichtendes Lernen und freiwillige AGs kombinierten und auf viele außerschulische Partner setzten lobte auch die Schulministerin: "Das ist ein wichtiger Beitrag zur Qualitätssicherung und zur individuellen Förderung", so Löhrmann. - dpa

Quelle: wa.de

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