Sprengattacken auf Geldautomaten: Prozessauftakt in Siegen

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Ein Dutzend Geldautomaten soll ein 46-jähriger Siegener, der hier mit seinem Anwalt Carsten Marx im Gericht sitzt, von 2007 bis 2015 in die Luft gesprengt haben.

Siegen - Nach einer Serie von Sprengattacken auf Geldautomaten in fünf Bundesländern steht jetzt ein mutmaßlicher Einzeltäter in Siegen vor Gericht. Mit einem Gas-Luft-Gemisch soll der 46-jährige Siegener über einen Zeitraum von acht Jahren immer wieder Geldautomaten in die Luft gejagt und geplündert haben.

Zum Prozessauftakt am Donnerstag vor dem Landgericht in Siegen wurde lediglich die Anklage verlesen. Insgesamt ein Dutzend Taten wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor, der wegen Herbeiführens von Sprengstoffexplosionen angeklagt ist. Außerdem werden dem Fan von PS-starken Autos eine Vielzahl von Tankbetrügereien zur Last gelegt.

Meist soll der mutmaßliche Täter im Umfeld seiner Heimatstadt Siegen aktiv gewesen sein. Jahrelang versteckte er sich offenbar in Schleswig-Holstein und Hamburg. Er wurde im November 2015 in einer Lagerhalle der Hansestadt nach Zeugenhinweisen festgenommen. Mehrfach wurde mit Hilfe der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" nach dem Täter gefahndet. Die Tatorte liegen in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Hamburg und Schleswig-Holstein.

Bei den meisten Sprengattacken kam der Täter nicht ans Geld, weil die Technik standhielt. Bei einigen Taten soll er hohe Beträge erbeutet haben: An einem Automaten an der Universität Siegen beispielsweise fast 100.000 Euro, an einem Automaten in Hamburg 80.000 Euro.

Die rücksichtslosen Attacken hatten Trümmerfelder zur Folge: In einem Fall flogen Splitter eines Wintergarten-Vorbaus, in dem der Automat stand, 20 Meter weit. Ein anderes mal ging die Druckwelle nach hinten in einen Tresorraum und richtete dort immensen Sachschaden an.

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass nur durch Glück niemand verletzt wurde. Über einer betroffenen Bankfiliale wohnte eine Familie. Ein anderes Mal soll der Mann einen Geldautomaten auf einer Raststätte bei Siegen in die Luft gejagt haben, während im Stockwerk darüber Gäste im Restaurant saßen. "Eine Zeugin berichtete von Todesangst. Sie habe an einen Terror-Anschlag geglaubt", sagte Staatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss bei der Anklage-Verlesung.

Diese Frau und eine Vielzahl anderer Zeugen - insgesamt 40 - hat das Gericht geladen. Denn bisher hat der Angeklagte seit seiner Festnahme im vergangenen November in Hamburg geschwiegen. Doch sein Anwalt kündigte an, dass sein Mandant bereit sei, sich zu äußern, wenn man sich mit dem Gericht zuvor auf eine Höchststrafe verständigen könne.

"Wenn er nichts sagt, können das auch schnell 30 oder mehr Prozesstage werden", sagte Anwalt Carsten Marx. Das Gericht müsse dem Angeklagten zugute halten, dass bei den Sprengattacken niemand verletzt wurde und dass er "nicht die Blaupause eines Berufskriminellen, sondern eher normal bürgerlich" sei. Der 46-Jährige sei "beeindruckt" von der fast sechs Monate andauernden Untersuchungshaft". Der Prozess wird am 1. Juni fortgesetzt. - lnw

Quelle: wa.de

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