45 Förderschüler aus Soest an Bord

Stolz auf couragierte Lehrer: Sie stoppten betrunkenen Busfahrer

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Die Lehrer Dirk Scholten (links), Jennifer Stüttgen und Rainer Mätzig holten die Schüler aus dem Bus.

Soest - In der Schule, im Busfahrt-Unternehmen, bei der Polizei und bei den Aufsichtsbehörden: Überall herrscht in Soest auch am Tag danach Ratlosigkeit, was einen 53-jährigen Busfahrer geritten hat, sich betrunken ans Steuer eines Schulbusses zu setzen, um 45 Kinder nach Hause zu bringen. Der Fahrer ist seither abgetaucht.

Die 45 Förderschüler aus Soest sitzen nach dem großen Schwimm-Wettkampf in Lippstadt bereits angeschnallt auf ihren Sitzen. Gleich rollt der Bus zurück zur Bodelschwinghschule nach Soest. Die Mädchen und Jungen sind groggy vom Sportfest, bei dem sie sich mit Schülern anderer Förderschulen den ganzen Tag gemessen haben.

 „Jetzt haben sie Hunger und wollen nur noch los“, schildert ihre Lehrerin Jennifer Stüttgen. Als letzter steigt ihr Kollege Rainer Mätzig in den Bus. „Mir fiel der Gang des Busfahrers auf; der schwankte so!“ 

Der erfahrene Pädagoge will es genau wissen und stellt den Fahrer zur Rede: Doch anstelle einer guten Antwort schlägt dem Lehrer eine mächtige Alkoholfahne ins Gesicht. „Wir steigen aus!“, ordnet nun Lehrerin Stüttgen an. Um die geistig-behinderten Kinder nicht unnötig zu beunruhigen, fügt sie noch hinzu: „Der Bus ist kaputt.“

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Als alle Schüler von Bord sind und Stüttgen die Polizei ruft, ergreift der Busfahrer die Flucht. Er baut noch einen Unfall und wird zehn Kilometer weiter von der Polizei geschnappt. Der Alkohol-Test ist eindeutig: 2,32 Promille.

Eine Runde Eis beruhigt die Kinder

„Gott sei Dank ist den Kindern nichts passiert“, sagt am Tag danach Schuldezernentin Maria Schulte-Kellinghaus. Sie hat das Bus-Unternehmen aufgefordert, eine Stellungnahme abzugeben, wie so etwas passieren konnte.

„Zum Glück haben die Lehrer mitgedacht und sich sofort eingeschaltet und super reagiert.“ Das erfordere Courage, schließlich mussten alle Schüler erst einmal wieder aussteigen und haben danach eine Stunde am Schwimmbad warten müssen.

Als sie dann sahen, dass „ihr“ Bus doch vom Hof fuhr, waren sie „erst recht sauer“. Denn zuvor hatten ihnen ihre Lehrer erklärt, der Bus sei defekt – um mögliche Panik zu vermeiden. „Eine Runde Eis für alle“ haben die Gemüter beruhigt, schildern ihre Lehrer. „Die 36 Euro haben wir zusammengeworfen.“

Unternehmens-Chefin Gisela Karrie "total erschüttert"

„Wenn ich das nur wüsste!“, sagt die Chefin der Firma, Gisela Karrie. „Ich habe alle Fahrer befragt, keinem ist was aufgefallen.“ Nie in der über 100-jährigen Firmengeschichte sei Vergleichbares vorgefallen. 

Vergeblich versucht die Unternehmerin, ihren Mitarbeiter zu sprechen; doch der ist abgetaucht, ruft weder an noch geht er selber ans Telefon. „Ich bin total erschüttert“, so die Chefin. „Ich habe das noch immer nicht verdaut und würde so gern den Fahrer sprechen, was er sich dabei gedacht hat.“ 

Gisela Karrie ist jetzt 74 und arbeitet seit über 50 Jahren in der Firma mit, die sie nach dem Tod ihres Mannes inzwischen allein führt. Doch so ein grauenhafter Tag ist ihr noch nicht untergekommen. Aber sie ist erfahren genug, um zu wissen, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können: „Nicht auszudenken, der wäre auch noch losgefahren mit den 45 Kindern im Bus.“ 

Fahrer war zwischendurch vier Stunden lang zuhause

Seit 2009 ist der heute 53-jährige Busfahrer festangestellt beim „Jägerken von Soest“, wie sich die Firma nennt. Nie gab es einen Zwischenfall, geschweige denn eine Kollision. „Er war stets pünktlich und zuverlässig“, sagt die Chefin, fügt aber hinzu: „Letztlich kann man den Menschen nur vor den Kopf sehen. Man weiß nicht, was die womöglich zu Hause machen.“ 

Stichwort zu Hause. Der 53-Jährige hatte am Dienstag eine geteilte Schicht, am frühen Morgen schon eine Schulbustour absolviert und danach vier Stunden frei. In dieser Zeit muss er sich betrunken haben. 

Am Mittag kreuzte er in der Firma am Boleweg auf und fuhr mit einem anderen Busfahrer nach Lippstadt, um den dort geparkten Bus zu übernehmen, mit dem die Schüler am Morgen zum Schwimmbad gebracht worden waren. „Aber auch der Busfahrer, der ihn nach Lippstadt brachte, hat nichts bemerkt“, schildert Karrie. Wohl deshalb, weil sich der 53-Jährige weit hinten in den Bus setzte.

Ermittlungen für die Polizei abgeschlossen

„Betrunken Auto fahren ist schon schlimm genug“, sagt Wolfgang Lückenkemper von der Soester Polizei. Doch wer als Berufskraftfahrer zu tief ins Glas schaut, mache die Sache noch viel übler. Wer dann auch noch Gesundheit und Leben von Kindern aufs Spiel setzt, handele restlos verantwortungs- und rücksichtslos. 

Womöglich bekommt das der 53-jährige Soester Busfahrer demnächst in aller Deutlichkeit zu spüren, wenn er vor Gericht muss. Das könnte schon bald passieren, denn für die Polizei sind die Ermittlungen abgeschlossen: „Wir haben den Mann auf frischer Tat ertappt, und wir haben das Ergebnis des Alkoholtests: 2,32 Promille. Das reicht!“, sagt Lückenkemper. Es deute auch viel darauf hin, dass die dicken Beulen am Bus von dem betrunkenen Fahrer stammen.

Fahrer will "am Vorabend drei Flaschen Bier getrunken" haben

Der ließ sich ohne Widerstand auf den Alko-Test ein, gab sich ansonsten aber wenig einsichtig oder gar geständig. „Ich habe am Vorabend drei Flaschen Bier getrunken, sonst nichts!“, habe er den Beamten berichtet. Doch drei Flaschen Bier vom Vortrag ergeben vorn und hinten keinen Promillewert von 2,32. Nach Angaben der Polizei ist der Soester bislang nicht durch Alkohol-Delikte am Steuer aufgefallen.

Quelle: wa.de

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