Prozess in Münster

Tote "Gorch Fock"-Kadettin: Eltern bleiben Fragen und Misstrauen

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Mutter Marlis (r), Vater Uwe Böken (M) und der Verteidiger Rainer Dietz (l) sitzen in einem Sitzungssaal vom Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster. 

Münster - Für die Staatsanwaltschaft war der Tod der jungen "Gorch Fock"-Kadettin vor acht Jahren ein tragischer Unfall. Ihre Eltern zweifeln daran. Acht Jahre später wollen sie alle juristischen Möglichkeiten für mehr Klarheit nutzen.

Licht in den noch immer rätselhaften Tod der "Gorch Fock"-Kadettin Jenny Böken zu bringen, ist für ihre Eltern ein Kampf David gegen Goliath. In einer Septembernacht vor acht Jahren stürzte die 18-Jährige über Bord des Segelschulschiffes der Bundeswehr und ertrank. Elf Tage später wurde ihre Leiche aus der Nordsee geborgen. 

Seither zweifeln ihre Eltern daran, wovon die Staatsanwaltschaft überzeugt ist: Dass der Tod der jungen Frau aus dem nordrhein-westfälischen Geilenkirchen bei Aachen ein tragischer Unfall war. Für Marlis und Uwe Böken tun sich noch immer zu viele Fragen auf: War Jenny gesund genug, um Wachdienst zu schieben? Tragen Dritte Schuld am Tod ihrer Tochter? War die Wetterlage wirklich so ruhig, wie viele Zeugen und nun auch der damalige Kapitän des Schiffes angeben? 

Die Bökens fühlen sich im Stich gelassen von der Justiz. Zuletzt scheiterte vor dem Oberlandesgericht Schleswig ihr Versuch, den Schiffsarzt zur Verantwortung zu ziehen. Die Eltern werfen ihm vor, dass er die Tochter trotz Unterleibsschmerzen und ihrer Neigung, immer wieder einzuschlafen, nicht vom Wachdienst befreit hatte. 

An die Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster am Mittwoch hatten sie sich daher wie an einen Strohhalm geklammert. Und zwar nicht, weil es hier um eine Entschädigung in Höhe von 20.000 Euro geht. "Das ist mir ganz egal", betont Vater Uwe Böken. Vielmehr bestehe die vage Hoffnung, dass die geladenen Zeugen "die Mauer des Schweigens durchbrechen", wie ihr Anwalt Rainer Dietz es nennt. Zumindest sehen die Eltern die Chance, Ungereimtheiten der Todesumstände offenzulegen, um die Staatsanwaltschaft doch noch zu Ermittlungen zu bringen. 

Allzu hohe Erwartungen dämpft der Vorsitzende Richter Hans-Jörg Holtbrügge zum Auftakt: In dem Berufungsverfahren gehe es allein um die Entschädigungsklage der Eltern nach dem Soldatenversorgungsgesetz. Es sieht solche Zahlungen an die Hinterbliebenen vor, wenn ein Soldat in einem besonders lebensgefährlichen Dienst ums Leben kommt - aber eben nur dann. 

Um die Frage, welche besonderen Gefahren es in dieser Nacht für Leib und Leben von Jenny Böken gegeben haben könnte, drehen sich folglich auch die Fragen an die Zeugen. Hatte Jenny über Schmerzen geklagt? Was war bekannt über das ständige Einschlafen der Kadettin? Wie waren die Wachposten gesichert? Wie war das Wetter, der Wellengang? 

Der Himmel klar, die See relativ ruhig - so erinnern sich zwei ehemalige Mitstreiterinnen an Deck im Zeugenstand an die Nacht. Einzelheiten aber erinnern sie nicht, manches weicht ab von dem, was sie bei früheren Vernehmungen angegeben hatten. Ob Jenny über Unterleibsschmerzen klagte, wüssten sie nicht mehr. An Bord sei immer wieder Thema gewesen, dass sie häufiger einfach so einnickte. 

"Das Schiff lag sehr stabil im Wasser, ruhig", gibt auch der damalige Kommandant Norbert Schatz zu Protokoll. Es habe keinen Anlass gegeben, Schwimmwesten oder andere Sicherungen anzulegen. Auch der Marine-Meteorologe der "Gorch Fock" zeichnet das Bild einer gewöhnlichen Lage an Bord: Wellengang von eineinhalb, zwei Metern, beständiger starker Wind, aber kein Sturm. 

Befragt wird auch die damalige Sanitäterin - die sogenannte San-Meisterin. Sie nennt die junge Kadettin einen "Stammgast" im Lazarett. In der Krankenakte hatte sie notiert, dass sie sich Sorgen mache - das ständige Einschlafen, Bauchbeschwerden, dann habe Jenny den Satz gesagt, "Auch wenn ich tot wäre, es würde keinen interessieren". Das habe sie auch den Schiffsarzt mitgeteilt. 

Ihre Notizen in der Akte waren später nicht zu finden - alles Wasser auf die Mühlen des Manipulationsverdachts der Bökens. Der Schiffsarzt widerspricht im Zeugenstand vehement: Jenny Böken habe zwar Unterleibsprobleme gehabt, sei aber am Unglückstag nahezu beschwerdefrei gewesen. Etwas Gegenteiliges habe ihm auch die Sanitäterin nicht mitgeteilt. 

Dietz, Anwalt der Bökens, nutzt in der Verhandlung jede Chance, mögliche Widersprüche offen zu legen. Er konfrontiert die Zeugen mit alten Aussagen, die von den heutigen in Einzelheiten abweichen, hakt nach bei Wellenhöhe, Wassertemperatur, bei den fehlenden Akten-Eintragungen der Sanitäterin. Denn ihren Kampf gegen Justiz und Ermittlungsbehörden wollen die Bökens auch nach acht Jahren nicht aufgeben. "David hat noch Kraft", sagt Uwe Böken am Rande der Verhandlung. - dpa

Quelle: wa.de

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