Unfallforschung fordert Radler-Erkennung in Autos

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Mit voller Wucht fliegt die Puppe beim Crash-Test von ihrem Fahrrad und auf das Auto.

Münster - Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat eine Studie zu Unfällen mit Radfahrer- und Pkw-Beteiligung vorgestellt. Deutlich wird, dass vor allem ein Notbremsassistent an Autos das Risiko tödlicher Kopfverletzungen für Radfahrer bei Unfällen verringern könnte. Wir haben Bilder und Videos:

Nach mehr als 1000 Computer-Simulationen und etlichen echten Crash-Tests mit sechs Fahrzeugmodellen, vier Radfahrer-Dummys, zwei Zusammenstoß-Konstellationen und unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Pkw und Fahrräder fordern die Wissenschaftler die Autoindustrie auf, mehr für die Sicherheit der Radfahrer auf der Straße zu tun.

Auf der Test-Strecke des Crashtest-Services (CTS) in Münster: Ein Kombi fährt mit 40 Stundenkilometern auf eine Kreuzung. Er erwischt einen Radfahrer, der von links kommt – ungebremst. Es knallt, das himmelblaue Fahrrad fliegt im hohen Bogen durch die Luft. Das Auto bremst, es quietscht. Zu spät. Die Puppe ist längst vom Rad gehebelt, kracht auf die Motorhaube, dann mit ihrer Schulter und dem behelmten Kopf auf die Windschutzscheibe.

Das Auto ist jetzt mitten im Bremsmanöver. Über die rechte Pkw-Seite hinweg wird die Puppe auf den Asphalt geschleudert. Sie liegt da – die Beine verdreht, bewegungslos, still. Der Crash-Test-Dummy habe Glück gehabt, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung.

Auto gefährlichster Unfallgegner für Radfahrer

Brockmann stellte gestern in Münster eine Studie der Unfallforschung vor. Der Anteil der getöteten Radfahrer in Deutschland ist innerhalb von zehn Jahren gestiegen. Von allen Verkehrstoten waren im Jahr 2004 acht Prozent Radfahrer. 2014 waren es bereits 12 Prozent. Ein weiterer Aspekt aus der Statistik: Neben Alleinunfällen – wie zum Beispiel beim Zusammenstoß mit Gegenständen – ist für Radfahrer der Pkw der häufigste und gefährlichste Unfallgegner.

Unfall mit Fahrrad- und Autobeteiligung auf Crashtest-Strecke in Münster

Die Studienergebnisse zeigen auch, dass Fahrradfahrer kaum von Verbesserungen des Fußgängerschutzes an Autos profitieren. Die aufstellende Motorhaube etwa wird im Falle eines Zusammenstoßes einige Zentimeter angehoben. Dadurch entsteht zwischen Motorblock und Haube Deformationsraum, damit das Blech der Haube nachgeben kann. Verletzungen der erfassten Person können so abgeschwächt werden.

Völlig verdreht landet der unechte Radfahrer schließlich auf dem Boden.

Der orange-lackierte Crash-Test-Kombi hat solch einen Mechanismus nicht. Doch das kann für die verunfallte Fahrrad-Puppe hingegen sogar von Vorteil gewesen sein, erklärte Brockmann. Denn eine aufgestellte Motorhaube könne für einen Radfahrer sogar kontraproduktiv sein, da sich in der Haube eine neue Kante weiter hinten, unterhalb der Scheibe bilde. „Und durch die höhere Flugkurve landet ein Radfahrer oft genau an der Stelle“, sagte Brockmann.

Tiefe Risse in der Scheibe

Im Fahrzeuginneren auf der Teststrecke sitzt der zweite Unfallbeteiligte, auch ein Dummy. Vor ihm, etwas weiter rechts, ist die Windschutzscheibe gesplittert. Die tiefen Risse – spinnennetz-förmig in das Glas gesprengt – zeugen vom Aufprall. Doch auch das ist Glück im Unglück – denn auch die Windschutzscheibe gibt im Zweifel nach und splittert.

Nicht so ihr Rahmen. Der ist hart und unnachgiebig. Wenn ein Radfahrer darauf kracht, ist das Risiko einer lebensbedrohlichen oder gar tödlichen Kopfverletzung viel höher. Airbags für Radfahrer an Pkw müssten also den Rahmen der Windschutzscheibe an allen Seiten abdecken. Solche Konstruktionen sind aufwändig und teuer – bisher biete kein Autohersteller sie an, sagte der Wissenschaftler.

Der Helm fängt einiges ab

Nach Brockmanns Erkenntnissen könnte einzig ein spezieller Notbremsassistent schützen. Der könne den Radfahrer erkennen und die Geschwindigkeit des Autos sofort drosseln. Denn die Reduzierung der Aufprallgeschwindigkeit um 20 Stundenkilometer verringere das Risiko einer schweren Kopfverletzung am deutlichsten.

Siegfried Brockmann erklärt am Unfallauto, an welchen Autoteilen es den Radfahrer besonders hart trifft, wenn er darauf stürzt.

Das ist laut Brockmann auch in den Unfallsimulationen deutlich geworden. Die Unfallforschung fordert deshalb von der Industrie, dieses System, das es in ähnlicher Form zum Fußgängerschutz schon gibt, weiterzuentwickeln. Unfälle radfahrender Kinder gehen nach Studienergebnissen übrigens oft glimpflicher aus als bei Erwachsenen, da Kinder wegen ihrer Größe auf das Blech der Motorhaube prallen anstatt auf die härteren Teile. Doch einen Rat für alle Radfahrer hat Brockmann dennoch: Helm aufsetzen! Denn der fängt einiges ab.

Von Kristina Köller

Quelle: wa.de

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