"Wat willste machen?" Revier pendelt geduldig durchs Bahnchaos

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Mülheim - An einer der meistbefahrenen Pendler-Bahnlinien der Welt hat ein Stellwerk gebrannt. Jetzt fallen Züge aus, etliche verspäten sich. Die Einschränkungen können sich hinziehen. Doch die leidgeprüften Vielfahrer im Ruhrgebiet nehmen es so gelassen, wie es nur geht.

Die blaue Anzeigetafel im Bochumer Hauptbahnhof vermeldet mehr ausfallende als einrollende Züge. Wer auf der äußerst stark genutzten Pendler-Bahnstrecke mitten durch das Ruhrgebiet unterwegs ist, der braucht momentan viel Geduld. Aber auch am dritten Tag nach dem Stellwerksbrand in Mülheim haben viele Bahnreisende im Ruhrgebiet Nerven wie stählerne Oberleitungsmasten.

Und die braucht es durchaus bei einer Fahrt durch die betroffene Region: Nach dem Feuer ist die Route zum Nadelöhr geworden, weil sich die Weichen nicht mehr verstellen lassen und der Verkehr vorsichtig hindurchgeschleust oder umgeleitet werden muss. Vor allem in NRW hat das Folgen: Etwa 1,3 Millionen Reisende nutzen im bevölkerungsreichsten Bundesland täglich allein die Busse und Bahnen der Deutschen Bahn. Mehr als 3700 S-Bahnen und Personenzüge sind jeden Tag für die DB zwischen 700 Bahnhöfen unterwegs. Hinzu kommen rund 2000 Züge anderer Verkehrsbetriebe.

Die Menschen, die am Mittwoch über die Rolltreppe in die Bochumer Ankunftshalle schwappen, scheinen gut vorbereitet zu sein. Sie verharren kurz, schauen auf die Anzeigetafel, sortieren ihre Reisemöglichkeiten und gehen dann ihrer Wege. "Wat willste machen?", ist die achselzuckende Antwort der meisten, die heute früher aufgestanden sind, um trotzdem pünktlich ans Ziel zu kommen. "20 Minuten Verspätung, das ist doch schon Gewohnheit. Nervt tierisch", schimpft Pendler Michael Billerbeck zwar. Jetzt muss er aber seinen Zug kriegen. Zum Stillstand kommt es keineswegs auf den Bahnhöfen im Revier.

In einem bislang pünktlichen Zug sitzt Friedrich Holland-Moritz. Es könne nur besser werden, ist er überzeugt: Gestern und vorgestern brauchte er mehr als doppelt so lang wie üblich bis Düsseldorf. "Da ist man schon übelst sauer, aber es ist nicht zu ändern." Wie viele seiner Mitreisenden bereitet er sich auf einen längeren Ausfall vor. "Ich habe schon angedroht, erstmal im Büro zu schlafen", sagt er und grinst.

Kurz hinter Essen kommt der Zug dann doch aus dem Tritt. Eine freundliche Lautsprecher-Stimme wünscht trotzdem eine angenehme Reise. Sie erklärt, es werde Verzögerungen geben wegen des Stellwerksbrand. Gemächlich tuckert der Zug weiter. Das ausgebrannte Gebäude an den Gleisen würdigt kaum einer eines Blickes.

Eine Viertelstunde später als sonst erreicht der Zug wie angekündigt den Duisburger Bahnhof. "Damit kann man gut leben", sagt eine Pendlerin, seit zwölf Jahren ist sie leidgeprüft im Schienenland NRW. Wegen der Bahnchaos-Nachrichten hatte sie vorgestern lieber ihr Auto genommen. "Aber das ist ja auch keine Alternative: Auf der A 40 steckt man dann im Stau". So denkt auch Vielfahrerin Katharina Herbrich: "Es fahren ja Züge, man muss nur vorher gucken welche."

Darauf setzen auch Julia Tullius und Thomas Dullien, schließlich haben sie noch eine weite Reise vor sich. Über den Frankfurter Flughafen soll es zum Surfurlaub nach Kalifornien gehen. Am Vorabend hatte das Paar Sorge, dass das schwierig werden könnte. Auch jetzt wandert der Blick immer wieder zur Anzeigetafel im Duisburger Bahnhof. "Bis jetzt sieht es gut aus. Der Zug, den wir uns ausgeguckt haben, ist pünktlich", sagt Tullius fast ungläubig. Da werden sie den Zeitpuffer, den sie eingebaut haben, vielleicht gar nicht brauchen. - dpa

Quelle: wa.de

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