
Finnentrop, 12.02.2012 02:15 Uhr
Bei Herzinfarkt und Schlaganfall zählt jede Sekunde. Mit jeder Minute, die zwischen Alarmierung und Eintreffen von Notarzt und Rettungswagen unnötig verstreicht, sinken die Überlebenschancen des Patienten rapide.
Während die Bürger in Altenhundem, Attendorn und Olpe relativ gute Chancen haben, dass die Retter schnell und vor allem innerhalb der angestrebten Hilfsfrist von zwölf Minuten vor Ort sind, müssen die Bürger der Gemeinde Finnentrop auf Gott und die glückliche Fügung vertrauen.
Hintergrund: Finnentrop hat kein eigenes Krankenhaus. Die Notärzte müssen erst aus den umliegenden Krankenhäusern Attendorn und Altenhundem im Rahmen des Rendezvous -Verfahrens zugeführt werden. Und im Gegensatz zu den benachbarten Rettungswachen ist die Finnentroper lediglich mit einem Rettungswagen rund um die Uhr besetzt. Und während Attendorn mit zwei Rettungswagen (einem rund um die Uhr und einem im Zwölf-Stunden-Dienst) lediglich 22.905 Einwohner betreut, sind die Kollegen in Finnentrop mit nur einem RTW für 27.000 Menschen zuständig. Das liegt u.a. daran, dass die Finnentroper Retter neben dem ohnehin bereits großen Gemeindegebiet auch noch Teile der Lennestadt (Grevenbrück, Elspe, Theten, Hachen) sowie der Stadt Attendorn (Dünschede, Borghausen, St. Claas, Röllecken) abdecken müssen. Die Notfallquote ist mit 59,2 Prozent zudem fast doppelt so hoch wie in Attendorn.
Diese Fakten sind dem Kreis Olpe als Träger des Rettungsdienstes bereits seit langem bekannt und werden selbst vom Rettungsdienstpersonal geäußert. Geschehen ist jedoch bisher kaum etwas. Entgegen einem Fachgutachten aus dem Jahre 2006 ist die Rettungswache Finnentrop nach wie vor nur mit einem Rettungswagen besetzt. Wenn dieser ausrückt, ist bisweilen über Stunden hinweg keine Redundanz gegeben. Hilfszeiten von 20 Minuten und mehr sind bei einem zweiten zeitgleich eintretenden Notfall keine Seltenheit. Dieses Szenarium tritt mehrmals in der Woche ein.
Hinzu kommt, dass das früher übliche "Wache besetzen" auf Anweisung des leitenden Notarztes entfallen ist. Wenn früher die Finnentroper Retter ausrücken mussten, bezog der Altenhundemer Rettungswagen in Grevenbrück Stellung, um bei einem zweiten eintreffenden Notfall in der Gemeinde Finnentrop die Hilfszeiten möglichst gering zu halten.
Auch die neue Regelung, dass die Notärzte nach Dienstschluss oftmals nicht mehr von den Krankenhäusern aus in den Einsatz starten, sondern erst Zuhause abgeholt werden müssen, kann aufgrund der Dezentralität der Wohnorte zu weiteren Problemen führen. Je nach Einsatzort verstreicht da wertvolle Zeit. Das Eintreffen des Notarztes kann sich so um mehrere Minuten verzögern. Wenn dann noch das Notarzteinsatzfahrzeug auf der jeweiligen Hauptwache statt am Krankenhaus dienstregelwidrig vorgehalten wird, vergeht weitere wertvolle Zeit, bis der Notarzt am Krankenhaus abgeholt werden kann.
Diese Gemengelage, die dazu führt, dass die Finnentroper Bevölkerung bezüglich des Rettungsdienstes wesentlich schlechter als die restlichen Einwohner des Kreises Olpe gestellt wird, ist neben den ohnehin bereits bestehenden strukturellen Problemen nach Ansicht von einigen Rettern hausgemacht.
Wesentlich entspannter sieht die derzeitige Situation Kreisdirektor Theo Melcher, der jedoch zugibt, dass Finnentrop die Achillesferse des Rettungsdienstes im Kreis Olpe sei. In den vergangenen 12 Jahren, so Melcher, habe sich die Notfallversorgung erheblich verbessert. So sei die Zahl der "rund um die Uhr" besetzten Einsatzfahrzeuge bereits im Jahr 2000 von fünf auf sieben (vier RTW und drei NEF) ausgebaut worden. 2011 sei der Bestand abermals auf insgesamt 7 Rettungswagen aufgestockt worden, wovon einer im Zwölf-Stunden-Dienst eingesetzt werde. Die nächste Erweiterung stünde im laufenden Jahr an, schon bald würden 8 Rettungswagen und 3 NEF 24 Stunden täglich ihren Dienst versehen. Auch Finnentrop werde dann - wie alle anderen Wachen im Kreis - regulär mit einem zweiten Rettungswagen besetzt und nicht wie 2006 geplant nur an Sonn- und Feiertagen von 15 bis 23 Uhr, sondern täglich 24 Stunden. Hintergrund der Aufstockungen sei das von 2003 bis 2011 um 40 Prozent auf 11.000 Notfälle gestiegene Einsatzaufkommen. Parallel sei von 2003 bis voraussichtlich zum Sommer 2012 auch die Zahl der Rettungsassistenten exorbitant von 45 auf 79 angestiegen, was gleichbedeutend mit einer Explosion der Kosten sei. Während 2003 noch 3,9 Millionen Euro für Personal und Einsatzmittel in den Haushalt eingestellt worden seien, betrüge der Etatansatz für 2012 bereits 7,2 Millionen Euro per anno. Weitere Kosten stünden durch den Bau der neuen Rettungswache Finnentrop in 2013 vor der Tür.
Die derzeitige Rettungsmittelvorhaltung in Finnentrop, so Melcher, orientiere sich an den Planungen aus dem Jahr 2007 und solle sich im laufenden Jahr deutlich ändern. Melcher weist darauf hin, dass jedoch weder Finnentrop noch die anderen Standorte alleine auf die dort jeweils vorgehaltenen Rettungsmittel angewiesen seien - im Fall der Fälle rückten die Kollegen der Nachbarstandorte aus, wenngleich dann eben die Hilfsfrist nicht mehr immer gewährleistet sei. Die Untersuchung eines unabhängigen Institutes habe zudem ergeben, dass von Mitte 2007 bis Mitte 2008 in Finnentrop bei über 90 Prozent der Fälle die gesetzliche Eintreffzeit von 12 Minuten gehalten worden sei. Wichtig sei in diesem Kontext auch, dass im Kreis Olpe installierte Helfer vor Ort-System, das parallel zum hauptamtlichen Rettungsdienst alarmiert wird und nicht selten vor diesem beim Patienten eintreffe - insbesondere in Randlagen.
Ein neueres Gutachten aus Oktober 2011 besagt übrigens, dass kreisweit die Hilfsfrist in 80 Prozent der Fälle eingehalten wird. Eine Zahl, die von Insidern des Rettungsdienstes jedoch bezweifelt wird, lag sie doch in 2006 bei deutlich weniger Einsätzen und auch Rettungsmitteln noch bei rund 77 Prozent. Durch die explodierenden Einsatzzahlen und die organisatorischen Weichenstellungen, so die Befürchtung, könnte die Realität inzwischen völlig anders aussehen.
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