„Man weiß nicht, wie groß sie ist“

Long Covid: Chefärztin beschreibt drei Corona-Verlaufsgruppen - eine bereitet ihr besonders Sorgen

Jördis Frommhold, Chefärztin, steht vor der Median-Klinik in Heiligendamm.
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Dr. Jördis Frommhold, Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, hat sich auf die Rehabilitation von Long-Covid-Patienten spezialisiert. (Archivbild)

Nach einer Corona-Infektion haben viele Menschen noch Monate später mit den Folgen zu kämpfen. Eine Ärztin erklärt ihre Reha-Methoden für Long-Covid-Fälle und welche ihr besonders Sorgen machen.

Heiligendamm - Einige Menschen tragen nach ihrer Corona-Infektion monatelange und massive Folgeschäden davon. Diese Fälle bereiten Dr. Jördis Frommhold besonders große Sorgen. Sie ist Chefärztin in der Abteilung Pneumologie der Median-Klinik in Heiligendamm in der Nähe von Rostock. Dort hat man sich auf sogenannte Long-Covid-Fälle spezialisiert, mehr als 500 Patienten wurden bereits behandelt. In einem Gespräch mit der Hamburger Morgenpost sprach die Lungenexpertin über die Tücken einer Long-Covid-Erkrankung und ihre Reha-Methoden.

Covid-19: Chefärztin erklärt Einteilung in drei Corona-Verlaufsgruppen

Frommhold erklärte zunächst, dass es drei verschiedene Corona*-Verlaufsgruppen gibt. „Die erste Gruppe sind diejenigen, die einen milden Verlauf hatten und anschließend genesen sind“, so die Chefärztin. „Die zweite Gruppe hatte einen schweren Akut-Verlauf und war zum Beispiel lange auf der Intensivstation.“ Bei diesen Fällen sei bereits frühzeitig klar, dass es zur vollständigen Genesung einer Reha bedarf.

Die größten Sorgen bereitet Frommhold allerdings die dritte Corona*-Verlaufsgruppe. Darunter fallen Corona-Patienten mit einem leichten bis mittleren Verlauf, die allerdings nach ein paar Monaten erneut Symptome entwickeln. Die Lungenexpertin zählt als Beispiele unter anderem bleierne Müdigkeit, eine flache Schonatmung und Gedächtnisstörungen auf. Ein weiteres Problem bei der dritten Gruppe der Corona-Verläufe ist laut Frommhold: „Man weiß nicht, wie groß sie ist.“

Reha-Maßnahmen: Long-Covid-Patienten müssen lernen, wieder richtig zu atmen

Die Chefärztin der Pneumologie-Abteilung der Median-Klinik in Heiligendamm hat eine spezielle Reha für Long-Covid-Patienten der zweiten und dritten Corona-Verlaufsgruppe entwickelt. Der Fokus der Therapie liegt bei beiden Gruppen auf der Wiederherstellung der Lungenfunktion. Zudem werden die Patienten von einer Psychologin unterstützt.

„Bei Gruppe zwei machen wir Atem- und Koordinations- und Kraftübungen. Patienten aus Gruppe drei vermitteln wir zunächst einmal, dass sie sich ihre Symptome nicht einbilden und sie nicht alleine damit sind“, erklärte Frommhold ihre Reha-Methoden. Bei Long-Covid-Patienten*, die sich eine Schonatmung angewöhnt haben, sei es eine der Hauptaufgaben, ihnen zu helfen, wieder richtig zu atmen, so die Lungenexpertin.

Die Reha-Maßnahmen in der Klinik dauern in der Regel zwei bis fünf Wochen, sagte Frommhold gegenüber der Hamburger Morgenpost. Die Long-Covid-Patienten* machen dort unter anderem Entspannungstherapien, Krafttraining und Hirnleistungstraining. „Aber dann ist nicht gleich alles wieder gut“, stellte die Medizinerin klar.

Long-Covid: Frommhold wünscht sich stärkeres öffentliches Bewusstsein

Manche Patienten seien nicht mehr in der Lage, in ihr altes Leben zurückzukehren. Das treffe häufig auch Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. „Einigen helfen wir auch bei der Umstrukturierung, wenn sie zum Beispiel nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten können“, erklärte die Medizinerin. Frommhold nannte als Beispiel eine junge Frau, die als Erzieherin arbeitete und unter den Folgen von Long-Covid litt. Aufgrund ihrer ausgeprägten Gedächtnisstörungen habe sie Angst gehabt, irgendwo ein Kind zu vergessen.

Frommhold sagte, sie wünsche sich ein stärkeres öffentliches Bewusstsein über die verschiedenen Verläufe einer Corona-Infektion*. Personen, die von Long-Covid-Symptomen betroffen sind, empfiehlt sie zunächst ein Gespräch mit dem Hausarzt und einen Reha-Antrag zu stellen. Ambulante Reha-Möglichkeiten seien ebenfalls eine Option. Die Erfolgschancen ihrer Reha-Maßnahmen ließen sich derzeit noch nicht genau beziffern. „Aber man sieht, dass die Patienten aus Gruppe zwei einfacher zu rehabilitieren sind“, so die Expertin. (ph) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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