Brisante US-Studie

Coronavirus nur so gefährlich wie Grippe? Virologe erklärt den entscheidenden Unterschied

Ist Corona in Wahrheit nur so gefährlich wie die klassische Grippe? Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine im April durchgeführte US-Studie. Experten kritisieren jedoch methodische Schwächen der Arbeit.

München - Wie gefährlich ist das Coronavirus? Diese Frage beschäftigt aktuell viele Menschen. Nachdem auch in Deutschland erste Lockerungen ausgesprochen wurden, scheinen einige Personen die Gefahr des Virus zu unterschätzen. Oder ist Covid-19* womöglich gar nicht so schlimm? 

Coronavirus: Studie mit überraschendem Ergebnis - Covid-19 so gefährlich wie die klassische Grippe?

Die Elite-Universität Stanford hat nun eine brisante Studie veröffentlicht. Demnach soll Corona kaum gefährlicher als eine normale Grippe sein. Das überraschende Ergebnis der Forscher: Die Sterblichkeitsrate bei Corona soll zwischen 0,12 und 0,2 Prozent betragen – und damit den Werten der Influenza, also der „klassischen“ Grippe entsprechen. 

Das Robert-Koch-Institut geht aktuell von einer Sterblichkeitsrate in Deutschland* von 3,7 Prozent aus. Die Angaben variieren täglich, bewegen sich in der Regel jedoch um die 3,5 Prozent. Geht man nach den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität kommt man sogar auf 3,9 Prozent (6.376 Menschen von 160.943 bestätigten Fällen sind bislang gestorben / Stand: 29. April: 21 Uhr). Von 1000 Infizierten sterben demnach im Schnitt 39. Nun liegt zwischen 0,2 und 3,7 Prozent ein großer Unterschied. Wie erklärt sich diese Diskrepanz? Wie kommen die US-Wissenschaftler zu ihrem Ergebnis?

Coronavirus: Stanford-Universität testet auf Anti-Körper - 4,1 Prozent der Probanden infiziert 

Die Stanford-Forscher ließen das Blut von freiwilligen Probanden auf Anti-Körper* untersuchen. Die letztlich 3.300 Teilnehmer wurden über Facebook rekrutiert und beschränkten sich auf den US-Kreis Santa Clara in Kalifornien. 

Das überraschende Ergebnis: Knapp 4,1 Prozent der Probanden waren infiziert – das entspricht etwa 85-mal so viel wie der Zahl der offiziell registrierten Fälle. 

Die Studie wurde Anfang April durchgeführt. Am 1. April wies Santa Clara offiziell 956 Corona-Fälle auf (Stand 29. April sind es 2.122). Den Studienergebnissen zufolge waren zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits deutlich mehr Menschen infiziert.

Coronavirus: Wendet man Stanford-Studie auf deutsche Zahlen an, hätten wir 3,4 Millionen Infizierte

Der gesamte Landkreis Santa Clara kommt auf etwa 1,92 Millionen Einwohner (Stand: 2019). Würden sich 4,1 Prozent der Bevölkerung infizieren, hätten demnach mehr als 78.000 Menschen eine Corona-Infektion durchgemacht. Das würde bedeuten, dass auch die Sterblichkeitsrate deutlich niedriger ist und lediglich bei 0,12 bis 0,2 Prozent liegt. 

Würde man die Studienergebnisse auf Deutschland übertragen, wären bereits etwa 3,4 Millionen Menschen am Coronavirus erkrankt. Bei aktuell 160.943 Fällen (Stand: 29. April, 21 Uhr) wären dies folglich extrem gute Nachrichten. Infizieren sich womöglich deutlich mehr Menschen und merken es überhaupt nicht? Ist das Coronavirus also gar nicht so gefährlich wie gedacht? Vorsicht, vor voreiligen Schlüssen.

Coronavirus: Stanford-Studie weist Schwächen auf - Virologe warnt

Die US-Studie sollte nicht überinterpretiert werden. Inwieweit die Arbeit repräsentativ ist, muss noch bewertet werden. Experten kritisieren bestehende Schwächen der Arbeit. Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, warnt vor zu viel Optimismus.

Gegenüber bild.de (Artikel hinter Bezahlschranke) erklärt der Virologe: „Wir müssen sehr vorsichtig sein mit der Bewertung dieser Studie. Die Antiköper-Tests, die in Stanford angewendet wurden, haben Schwächen. Zum Beispiel weisen sie auch auf andere Viren aus der Corona-Familie hin, dadurch kann die Anzahl der positiven Tests größer erscheinen als sie ist.“

Coronavirus: Virologe erklärt - Vergleich zwischen Corona und Grippe heikel

Auch den Vergleich zur Grippe sieht Schmidt-Chanasit kritisch: „Der grundlegende Unterschied zwischen der Grippe und Corona ist der Flächenbrand, der entstehen kann, wenn sich in kurzer Zeit zu viele Menschen infizieren. Bei der Grippe gibt es dieses Problem nicht, wir haben eine Impfung und viele Menschen haben eine Teilimmunität. Bei Corona gibt es noch keine flächendeckende Immunität*.

Vor dem Corona-Influenza-Vergleich* warnt auch das Robert-Koch-Instutut: RKI-Chef Lothar Wieler stellte jüngst klar, auch die Grippe sei gefährlich, die sogenannte Krankheitslast des neuartigen Erregers aber viel höher. Corona übertrage sich viel leichter und führe insbesondere in den Risikogruppen* zu sehr viel mehr schweren Verläufen und Todesfällen.

Deshalb hat der Virologe eine eindringliche Warnung an die Bevölkerung: „Wenn wir nun sagen: ‚Ach, so schlimm ist das doch alles gar nicht!‘ Und Maßnahmen wie Kontaktsperren zu früh gelockert werden und sich dann plötzlich zehn Millionen Menschen in Deutschland mit Corona infizieren, dann bricht unser Gesundheitssystem zusammen. Die schrecklichen Auswirkungen von so etwas sehen wir in New York und in Bergamo. Und vor diesem Szenario wollen wir uns in Deutschland schützen und daran ändern leider auch Studien zur Sterblichkeitsrate nichts.“

Coronavirus: Trotz aller Kritik: „Eine gute Nachricht, über die wir uns freuen können“

Daher werde uns das Coronavirus auch noch für längere Zeit begleiten. Von Schwarzmalerei hält Schmidt-Chanasit jedoch wenig und macht der Bevölkerung auch ein Stück weit Hoffnung: „Dass die Sterblichkeitsrate möglicherweise geringer ist als gedacht, ist eine gute Nachricht, über die wir uns freuen können.“ In China grassiert das nächste tödliche Virus: Sieben Menschen starben bereits.

Durch die Grippe könnte sich diese Gefahr laut Studie des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie erhöhen. Wissenschaftler in Berlin und Paris fanden heraus, dass eine Grippeimpfung vor erhöhten Covid-19-Zahlen schützen könnte*.

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Rubriklistenbild: © dpa / Andrew Milligan

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