Haitis Trümmerfrauen räumen Leichen mit Bulldozern weg

Port-au-Prince - Im verzweifelten Kampf gegen das Chaos auf der Erdbeben-Insel Haiti räumen Trümmerfrauen die Leichen mittlerweile mit Bulldozern weg. Und es fehlt an den schweren Maschinen.

Mit einem mächtigen Grollen gräbt sich der Schaufelbagger in den Schuttberg. Eine dichte Staubwolke steigt auf und macht das Fahrzeug für einen Moment unsichtbar. Wo heute Zementbrocken, Metallteile und Mauersteine liegen, stand vor drei Wochen noch die Universität von Port-au-Prince. Am Steuer des Schaufelbaggers sitzt die 30 Jahre alte Bealyne, eine rundliche Frau im roten T-Shirt, die krausen Haare straff nach hinten gebunden. Sie gehört zu den starken Trümmerfrauen Haitis, die nach der Katastrophe helfen, das Land wieder aufzuräumen.

“Bei dem Erdbeben sind hier 200 bis 300 Studenten ums Leben gekommen“, erzählt sie und legt den Rückwärtsgang ein. Die Schaufel hebt sich voller Geröll in die Luft, ein paar Brocken fallen hinaus. “Ich habe sie mit dem Bulldozer wegtransportiert“, sagt die Frau und manövriert scheinbar ungerührt das gewaltige Fahrzeug an den Laster heran, das den Schutt wegbringt. “Ich habe geweint dabei, aber das Leben geht weiter“, meint sie.

Bealynes Familie ist bei dem Erdbeben unversehrt geblieben. “Aber unser Haus ist komplett zerstört. Es ist so zusammengefallen“, sagt sie und senkt die flache Hand, um es zu verdeutlichen. “Wir haben nichts retten können.“ Jetzt schläft sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem der selbstgebauten Zelte aus Bettlaken und Holzlatten, die überall in Port-au-Prince in Parks und Gärten entstanden sind. “Immerhin habe ich noch meine Arbeit, auch wenn sie nicht mehr dieselbe ist wie früher.“

Die ausgebildete Baggerfahrerin war vor dem Erdbeben beim Straßenbau eingesetzt. Die Compagnie nationale d'équipment, für die sie arbeitet, bekam nach der Katastrophe den Auftrag, die Toten zu den Massengräbern im Norden der Stadt zu bringen. Innerhalb weniger Tage wurden Zehntausende in die schnell ausgehobenen Gruben geworfen, von einer würdigen Bestattung konnte nicht die Rede sein.

Die Regierung rechnet mit etwa 180 000 Todesopfern. Viele von ihnen liegen noch immer unter den Trümmern. An dem Schutthaufen, der einmal die Universität war, hängt ein süßlicher Verwesungsgeruch. Passanten binden sich Tücher vor die Nase, wenn sie dort vorbeigehen.

Haiti: Der Kampf ums Überleben

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Bevor Bealyne und ihre Kolleginnen wieder Straßen bauen können, müssen gigantische Mengen Schutt im Land beseitigt werden. Zahlreiche Gebäude liegen in Trümmern, andere sind so stark beschädigt, dass sie dringend abgerissen werden müssten. “Es gibt viel zu wenige Schaufelbagger in Port-au-Prince“, sagt Bealyne.

Ein paar Hundert Meter weiter ist eine Baggerfahrerin damit beschäftigt, die Überreste des Generalvikariats neben der stark zerstörten Kathedrale von Port-au-Prince wegzuräumen. Ein Fenster des Führerhäuschens fehlt, die Öffnung ist mit einer Plane bedeckt. Der katholische Erzbischof Serge Miot und etwa 30 angehende Priester sind dort ums Leben gekommen. Helfer hocken neben den Trümmern und versuchen, die Reste des Archivs der katholischen Kirche zu retten. Während der Bulldozer seine Last abtransportiert und der Staub sich legt, klauben die Helfer Register und Gebetsbücher zusammen.

dpa

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