Landesweite Aktionskampagne informiert

Antibiotika sinnvoll einsetzen: Das sollten Patienten über das Medikament wissen

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„Teetrinken ist manchmal die bessere Wahl“ appellieren (v.li.) Frank Göckeler (Krankenkasse IKK classic), Apothekerin Maria Bertelsmann, Dr. Hans-Heiner Decker (KVL) und Dr. Gisbert Breuckmann (Ärztekammer) und werben für die aktuelle Kampagne.

Arnsberg - Unter dem Titel „Damit Antibiotika auch morgen noch wirken kann“ informiert aktuell eine landesweite Aktionskampagne über den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika. In Arnsberg erläuterten jetzt Vertreter von Ärztekammer, Kassenärztlicher Vereinigung, Apotheke und Krankenkasse, warum das Thema so wichtig ist.

Die gute Nachricht: In Nordrhein-Westfalen werden zunehmend weniger Antibiotika verordnet. Aber: Auch wenn die Tendenz rückläufig ist, liegen die Antibiotika-Verschreibungen in NRW rund zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt. 

Was viele nicht wissen ist, dass der übermäßige Gebrauch von Antibiotika Resistenzen fördert und die Medikamente damit ihre Wirkung verlieren können. Darauf wollen die Experten mit der Kampagne aufmerksam machen. „Im Winterquartal sind die Antibiotikaverordnungen traditionell höher, was auf die jahreszeitlich bedingen Atemwegserkrankungen zurückzuführen ist“, erläutert Dr. Hans-Heiner Decker von der Kassenärztlichen Vereinigung (KVWL), Bezirksstelle Arnsberg. 

Aufklärung der Patienten

Vergleicht man die Winterquartale hätten Ärzte in der Bezirksstelle Arnsberg zwischen dem ersten Quartal 2015 und 2019 rund 26 Prozent weniger Antibiotika verschrieben. Erfolge seien also schon da, es gehe bei der Kampagne aber auch um Aufklärung der Patienten. 

Häufig machten die Ärzte die Erfahrung, dass von den Patienten Antibiotika eingefordert werde, im Glauben, so möglichst schnell wieder gesund zu werden. Dr. Gisbert Breuckmann von der Ärztekammer, Verwaltungsbezirk Arnsberg, aber macht deutlich: „Durch eine gezielte Diagnostik erkennen wir Hausärzte, ob es sich um einen grippalen Atemwegsinfekt oder die ‘richtige’ Grippe handelt. Eines haben beide Infekte gemeinsam: Die Krankheitserreger sind Viren – und gegen die ist ein Antibiotikum unwirksam.“ Zur Linderung der Symptome hätten sich bekannte Hausmittel bewährt. So heißt es beispielsweise auch auf den Plakaten der Kampagne „Teetrinken ist manchmal die bessere Wahl“. 

"Impfungen nützen und schützen"

Ein Antibiotika werde nur nach Vorliegen mehrerer eindeutiger Indikatoren, dazu gehört beispielsweise hohes Fieber, verschrieben. Um vor einer echten Gruppe geschützt zu sein, empfehlen die beiden Mediziner die Grippe-Impfung. „Impfungen nützen und schützen“, so Dr. Decker. Sie seien ein Rückanker auf weniger Antibiotikagebrauch. „Das beste Antibiotika ist das, was man nicht geben muss“, bringt er auf den Punkt. 

Wichtig sei laut Dr. Gisbert Breuckmann, dass der Arzt den Patienten bei der Behandlung „mitnehme“, also ihm genau erkläre, warum in seinem Fall kein Antibiotika verschrieben werde, oder erst nach ein paar Tagen Beobachtung. Diese Beratungsleistung – sowohl beim Arzt oder auch in der Apotheke – sei enorm wichtig. „Dafür brauchen wir ausreichend Zeit, aber das Problem ist, dass wir diese nicht haben“, verweist der niedergelassene Arzt auf die hohe Zahl an Arztbesuchen pro Jahr der Deutschen. Diese liege im Schnitt bei 15, im benachbarten Ausland seien aus nur etwa vier bis sechs. Hier sei auch der Antibiotikagebrauch niedriger. 

Viele Nebenwirkungen

Ganz deutlich machen die Experten: Antibiotika hat viele Nebenwirkungen und töten auch gesunde Bakterien, die beispielsweise im Darm wichtig sind, ab. Dadurch dass sich die Bakterien im Körper auch verändern können, entstehen Resistenzen, wodurch das Antibiotika seine Wirkung verliert. „Das ist unsere große Angst“, hebt Dr. Breuckmann hervor. 

Ein weiteres Problem sei, dass Antibiotika in der Massentierhaltung eingesetzt werde und Menschen es so auch mit der Nahrung zu sich nehmen. In manchen Ländern sei das Medikament zudem ohne Verordnung erhältlich. „Es ist ein globales Problem“, macht Apothekerin Maria Bertelsmann deutlich. Sie stellt darüber hinaus immer wieder falschen Gebrauch von Antibiotika fest: Die Tabletten würden kürzer als verordnet oder geringer dosiert eingenommen, Restbestände dann einfach bei Bedarf an Familienmitglieder weitergegeben. Keinesfalls sollten Antibiotika über Toilette oder Waschbecken entsorgt werden, appelliert die Apothekerin.

 „Wir laufen Gefahr, unsere therapeutischen Möglichkeiten zu verlieren. Infektionen werden nach und nach nicht mehr behandelbar“, warnt auch Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der die landesweite Aktionswoche unterstützt.

Die Kampagne 

Ärztekammer, Apothekerkammer und Krankenkassen und weitere Beteiligte informieren im Rahmen der landesweiten Aktionswoche in verschiedenen Veranstaltungen über das Thema. Im Hochsauerland hängen Plakate und Flyer liegen in Arztpraxen und an öffentlichen Stellen aus. Weitere Informationen gibt es unter www.mags.nrw/antibiotika

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