Aus dem Rittersaal in die ganze Welt

Arnsberger Archivbestände des Herzogtums Westfalen sind jetzt digital verfügbar

Stadtarchiv Arnsberg Herzogtum Westfalen Digitalisierung
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Freuen sich darüber, dass die historischen Archivbestände des Herzogtums Westfalen jetzt digital verfügbar sind: (v.li.) Regierungspräsident Hans-Josef Vogel, Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Bürgermeister Ralf Paul Bittner und Stadtarchivar Michael Gosmann.

Alte Urkunden, Schriften und Dokumente erzählen noch heute von der Zeit der Kurfürsten in der Region und lassen den Weg nachverfolgen, wie Arnsberg zu der (Regierungs-)Stadt wurde, die sie heute ist. Dies ist ab sofort auch digital möglich.

Aufbewahrt werden die historischen Akten teilweise im Stadt- und Landständearchiv Arnsberg. Mit Dank der Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist es dem Arnsberger Archiv zusammen mit dem Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen in Münster jetzt gelungen, die wertvollen Archivbestände zu digitalisieren und weltweit zugänglich zu machen.

„Wir möchten als Smart City Prozesse modern gestalten und Historie bewahren. Wie könnte man das besser verbinden, als historische Schätze so aufzubereiten, dass sie digital verfügbar sind?“, hob Bürgermeister Ralf Paul Bittner hervor. Dabei stellte er sowohl den zeitlichen Aspekt heraus – die Recherche ist schneller und einfacher möglich – also auch die Auswirkungen auf die Umwelt – lange Fahrten etwa ins Archiv in Münster sind nicht mehr unbedingt erforderlich.

200 Jahre analog getrennt und jetzt digital zusammengeführt

Denn jeder, der Nachforschungen über die Region im 16. bis 19. Jahrhundert anstellen will, muss zwei Standorte berücksichtigen. Die des „Landständischen Archivs“ sowohl in Arnsberg wie in Münster. Im Stadt- und Landständearchiv Arnsberg befindet sich als wertvollster historischer Bestand das sogenannte „Landständische Archiv des Herzogtums Westfalen“. Hierbei handelt es sich um Unterlagen aus der Zeit von circa 1586 bis 1803, als Arnsberg Residenz und Regierungshauptstadt der Kölner Kurfürsten war.

Im 19. Jahrhundert gelangten die meisten Unterlagen der kurkölnischen Regierung in Arnsberg und der Landstände in das heutige Landesarchiv in Münster. Doch ein kleiner Teil verblieb in Arnsberg und kam in das Stadtarchiv. Kurzum: Was analog 200 Jahre getrennt war, wurde nun online zusammengeführt. Für die Digitalisierung der rund 5800 Akten – darunter 99 Archivkartons aus Arnsberg – stellte die Deutsche Forschungsgemeinschaft Fördermittel in Höhe von 129.000 Euro zur Verfügung.

Blicks ins „Geschichtsbuch“ der Stadt

Einen thematischen Einblick in die Akten – und somit auch ein Stück weit ins Geschichtsbuch der Stadt Arnsberg – gab Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Leiterin des Landesarchivs NRW Abteilung Westfalen in Münster: „Wir haben zum Beispiel Landtagsprotokolle aus dem Rittersaal aus dem Jahr 1763 digitalisiert, aus der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg, nachdem das Schloss niedergebrannt war. Wir sitzen heute da, wo früher die Ritter tagten, das hat doch was“, betonte sie bei der Präsentation im Rittersaal des Alten Rathauses. Etwas ganz Besonderes seien darüber hinaus die sogenannten Schatzungslisten mit den Namen der Steuerpflichtigen. „Nirgends gibt es diese in einer solchen Dichte wie im Herzogtum Westfalen.“

Neue Möglichkeiten für die Geschichtsforschung

Stadtarchivar Michael Gosmann hingegen erläuterte, welche positiven Effekte die Digitalisierung der Dokumente bereits habe: „Wir haben zum Beispiel ein Rechenbuch eines uns unbekannten Kaufmanns um 1600 digital ins Netz gestellt. 14 Tage später meldete sich ein Nutzer, es handele sich um einen Vorfahren seiner Familie.“ Sicherlich käme auf diese Weise noch so manche interessante Information ans Licht. Er selbst, so Gosmann, sei als Student noch nach Münster gefahren, um zu recherchieren. Durch den nun einfachen, digitalen Weg erhofft er sich auch mehr Interesse von wissenschaftlicher Seite: „Wir haben hier ja keine Universität, aber in Bezug auf die Geschichtsforschung für unseren Raum hoffe ich, dass sich da eine Menge tun wird.“

„Archiv darf nie wie ein Einmachglas von Geschichte sein, wo sie eingesperrt ist, sondern es muss offen und zugänglich sein“, verbildlichte Regierungspräsident Hans-Josef Vogel und betonte gleichzeitig die wichtige Funktion der Archive für die Zukunft. Elektronische Medien würden noch vieles verändern, die Technik ermögliche aber auch einfacher und schneller zu arbeiten und einen Zugang von jedem Ort der Welt.

Deutlicher Anstieg der Nachfrage

Erreichbar ist das digitale Archiv für jedermann unter www.archive.nrw.de. Die Seite hat Zugriff auf 486 Archive in NRW. Zwar ist hier für Nicht-Historiker auch eine Schlagwortsuche möglich, Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup erklärt jedoch: „Es sind nicht unbedingt die heute üblichen Worte, die Ergebnisse liefern. Sucht man zum Beispiel nach Pandemie, gibt es nur drei Treffer.“ Beim Suchwort „Seuche“ sähe das Ergebnis schon ganz anders aus.

16.000 Aufrufe wurden bereits im ersten halben Jahr verzeichnet – ein deutlicher Anstieg der Nachfragen, so das Archivteam. Dass es angesichts der erfolgten Digitalisierung künftig überflüssig werde, diese Gefahr sieht Gosmann jedoch nicht. Schließlich gebe es immer wieder Nachfragen zu Recherchen und Fragestellungen. Auch Bürgermeister Bittner ist sich sicher: „Stadtarchiv hat auch etwas mit Atmosphäre zu tun, es wird immer ein Teil bleiben, auch für den persönlichen Kontakt.“

Das Herzogtum Westfalen

Das Herzogtum Westfalen unterstand als flächenmäßig zweitgrößtes Territorium Westfalens dem Kurfürsten von Köln als Herzog von Westfalen, war aber vom Erzstift Köln räumlich getrennt und bildete von 1368 bis zur Säkularisation 1803 ein eigenständiges Territorium, aber auch eine Klammer zwischen dem Rheinland und Westfalen. Zusammen mit dem kleineren, ebenfalls räumlich mit Kurköln und dem Herzogtum Westfalen unverbundenen Vest Recklinghausen wurde es oft als „Nebenland“ bezeichnet.

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