Unkonventionelles Modell

Bundestagung ermutigt zu neuen Bauernhofkindergärten

Die Tagungsteilnehmer der BAGLoB erlebten auf dem Tiggeshof in Ainkhausen auch, welche Aktivitäten der Lernort Bauernhof rund um Nutztiere bietet. Foto: BAGLoB

Arnsberg/Ainkhausen Es ist eine unkonventionelle Art der Kinderbetreuung und vielerorts noch ein neues Modell. Deutschlandweit listet die Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB) derzeit 32 Bauernhofkindergärten. Doch gebe es immer mehr Initiativen, die sich einen Kindergarten auf einem Bauernhof wünschen, sagte die BAGLoB im Rahmen ihrer „Bundestagung Bauernhofkindergarten“ im Wilhelm-Münker-Haus in Arnsberg. Auch in Arnsberg macht sich ein Landwirtsehepaar Gedanken über einen Bauernkindergarten.

Für den Praxistag zur Tagung fanden sich die 80 Tagungsteilnehmer auf dem Tiggeshof in Ainkhausen ein, wo Bauernhofbewirtschafterin und Waldpädagogin Ursula Tigges in einem der verschiedenen Workshops beispielsweise zeigte, was man mit Kindergarten im Wald machen kann, ohne dass man einen großen Aufwand hat. Viele Umstände hätte sie indes auch nicht, selbst einen Bauernhofkindergarten in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb zu integrieren. „Wir hätten Gebäude, die man umbauen kann, und Stellflächen, auf denen man bauen kann“, sagt die Landwirtin, die sich für den Hof, den sie mit ihrem Mann Rudolf bewirtschaftet, einen Bauernhofkindergarten wünschen würde – vorausgesetzt, dass dies auch von der Stadt Arnsberg gewollt ist. „Auch geländetechnisch haben wir alles für einen Bauernhofkindergarten zu bieten“, sagt Ursula Tigges mit Blick auf einen Bachlauf, Wald, Wiesen und die Tiere auf dem Bauernhof.

Daher freute sich die Arnsbergerin besonders über den Besuch der Tagungsteilnehmer, von denen sie erfuhr, welche unterschiedlichen Facetten es an Bauernhofkindergärten gibt. Bei der Tagung drehte sich alles um gelungene Beispiele aus anderen Regionen sowie um Fragen, Tipps, Informationen, Impulse und Ideen für die Weiterentwicklung und Unterstützungsmöglichkeiten von Bauernhofkindergärten.

Kontakt zu den Tieren in der Natur

Ein Bauernhofkindergarten ist ein abgeschlossener Bereich auf dem landwirtschaftlichen Betrieb, von dem man dem Bauernhof tägliche Besuche abstattet. „Das Highlight ist der Kontakt mit den Tieren in der Natur. Das ist etwas anderes als Tiere im Zoo zu beobachten“, sagt Ulla Tigges. Zur tiergestützten Pädagogik gehöre das gemeinsame Füttern von Kühen, die Versorgung der Kleintiere, streicheln und knuddeln. Das Leben auf dem Land, in der Natur und mit den Tieren sind die Angelpunkte im Lernort Bauernhof.

„Die Kinder gehen bei jedem Wetter raus und sind oft unempfindlicher und gesünder, weil sie mit Natur in Berührung kommen“, erklärt Ursula Tigges die Vorteile des Konzeptes „Leben lernen auf dem Bauernhof“. Neben der Fähigkeit, sich mit wenig Material und Anregungen mit der Natur beschäftigen zu können, besäßen die Kinder auch eine gute Motorik. „Was in der Sporthalle mühsam simuliert werden muss, ist in der Natur einfach da“, sagt die Waldpädagogin. Das heiße, sich im Stroh zu bewegen, über Stöcke zu klettern, sicher über unebene Böden zu gehen. Ziel ist es, möglichst viel Zeit im Freien zu verbringen, mit passender Kleidung und Ausstattung. „Das heißt nicht, dass man völlig losgelöst vom normalen gesellschaftlichen Kindergarten lebt“, betont Tigges. „Warum soll man nicht auch hier auf einem Baumstamm sitzen und mit Kindern ein Buch lesen?“

Ursula Tigges (rechts, grüner Pullover) begrüßte zusammen mit ihrem Mann Rudolf die Teilnehmer der „Bundestagung Bauernhofkindergarten“ auf dem Tiggeshof. Foto: BAGLoB

Begegnungen mit Nutztieren zu therapeutischen Zwecken, Quirle oder Besen selber herstellen, Gemüse anbauen, Brot backen, Milch zu Frischkäse verarbeiten – bei der „Bundestagung Bauernhofkindergarten“ hatten Landwirte und Erzieher vielfältige Geschichte aus dem Leben eines Bauernhofkindergartens zu erzählen.

Zu dem neuen Modell der Kinderbetreuung gehört auch eine Rückzugsmöglichkeit für die Kinder. Das Spektrum sei groß: ein regulärer oder ein reduzierter Kindergarten oder das Schutzhütten-Prinzip. Hier sei beispielsweise ein Bauwagen denkbar, zählt die Arnsberger Bauernhofbewirtschafterin Ursula Tigges einige der Möglichkeiten auf. „Und da leben die Kinder auch nicht auf dem Fußboden, es gibt auch Mobilar“, räumt Ursula Tigges mit Vorurteilen auf.

Einfache Sitzmöglichkeiten unter einem Unterstand oder auf einer Terrasse würden bei älteren Kindern oft reichen, um gemeinsam die Mahlzeiten einzunehmen – unter Beachtung der hygienischen Voraussetzungen. Denn die Kinder sollen möglichst viel Zeit im Freien verbringen. „Was nicht heißt, dass die Kinder bei minus 20 Grad draußen essen, wenn der Saft im Becher gefriert“, relativiert Ursula Tigges. Bei allem, was möglich ist, ist die Grundvoraussetzung: „Das Optimum für die Bedürfnisse der Kinder herausholen“, betont Ursula Tigges. „Nur weil ich einenBauwagen cool finden, heißt es nicht, dass es auch was für Kinder ist.“ Das war auch den Ausrichtern der Bundestagung wichtig, die die Teilnehmer auch vor Irrwegen warnte: Wer sich für die Gründung eines Bauernhofkindergartens interessiert, müsse auf die Bedürfnisse in der Gemeinde oder der Stadt blicken. „Man sollte viele Experten ins Boot holen, am besten unter der Federführung der städtischen Verantwortlichen, um die beste Lösung für alle zu finden“, sagt Ursula Tigges. Wichtig sei, sich die Unterstützung von Fachleuten zu holen, um die existentiellen Fragen zum pädagogischen Konzept, zu geeigneten Trägerschaft, zu behördlichen Vorschriften, organisatorischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen und zur Finanzierung bei der Neugründung zu klären, hieß es auf der Tagung. Hans-Joachim Meyer zum Felde, Vorsitzender der BAGLoB, ermutigte zum Abschluss der Tagung zur Gründung neuer Bauernhofkindergärten.

„Wir haben Interesse an einem Bauernhofkindergarten und stehen mit der Stadt in Kontakt“, sagt die Waldpädagogin. Ohne die Stadt sei die Realisierung eines solchen Modells jedoch nicht möglich. „Wir sind nur der Rahmen. Bei uns stehen alle Möglichkeiten offen, aber wir müssen uns nach den Bedürfnissen der Stadt richten.“ Ausschlaggebend sei vor allem auch der Bedarfsplan der Stadt.

Die Erweiterung des Betreuungsangebots in der Stadt Arnsberg beschäftigt derzeit die Kommunalpolitik. CDU-Fraktion und B’90/Die Grünen hatten im Juni beantragt, sich mit dem Thema Waldkindergarten für Arnsberg auseinanderzusetzen – was auch auf der Agenda des jüngsteSchulausschusses im Oktober stand.

Bauernhofkindergarten

Zur Bundestagung hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft Lernort Bauernhof (BAGLoB) in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und dem Bundesforum Lernort Bauernhof eingeladen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützte die Tagung finanziell.

Wer Interesse an einem Bauernhofkindergarten hat, kann bei der BAGloB Hilfe anfordern.Weitere Info 

Die neu gegründete gemeinnützige Genossenschaft Kita Natura bietet konkrete Hilfe an. „Nicht nur als Tipp unter Freunden, sondern man hat sich professionalisiert, um allen den Einstieg leichter zu machen, nicht nur den Landwirten, sondern auch den Städten und Gemeinden“, sagt Ursula Tigges. Die Genossenschaft bietet deutschlandweit auch die Trägerschaft für Bauernhofkindergärten an.

Anders als die inzwischen an vielen Orten betriebenen Waldkindergärten gibt es in Deutschland bisher nur vereinzelt Bauernhofkindergärten und keine überregionale Organisationsstruktur (Quelle: Wikipedia).

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