Diskussion in Arnsberg

"Pornos sind nicht harmlos" - Forum diskutiert Auswirkungen auf Jugendliche

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Hat regelmäßiger Pornografiekonsum bei Jugendlichen Auswirkungen auf Bindungsfähigkeit und auf das Sexualverhalten? Darüber diskutieren Ärzte, Erzieher und Lehrer.

Arnsberg/Hochsauerland. „Ich brauche Pornos wie der Fisch das Wasser braucht. Man kann nicht den Tag beginnen ohne ein Porno“ – Aussagen wie dies Zitat eines 20-jährigen jungen Mannes haben Dr. Michael Böswald, Ärztekammer Westfalen-Lippe, entsetzt. Im vergangenen Jahr wurde er bei einem Vortrag von Dipl.-Psychologin Tabea Freitag auf ein Problem aufmerksam, das, wie er sagt, noch vielen Fachleuten unbekannt ist. Der Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im St. Franziskus-Hospital Münster sieht dringenden Aufklärungsbedarf.

Er ist einer der Referenten des Forums Kinderschutz, das unter dem Titel „Einfluss der Internetpornografie auf die kindliche sexuelle Entwicklung“ am Samstag, 18. Mai, in Arnsberg stattfindet. Hier wird darüber diskutiert, welche Auswirkungen der regelmäßige Pornografiekonsum bei Jugendlichen auf Bindungsfähigkeit und auf das Sexualverhalten hat. „Pornos sind nicht harmlos“, mahnen die Referenten des Forums, das von der Ärztekammer Westfalen-Lippe veranstaltet wird. Pornokonsum gefährde die Beziehungsfähigkeit, fördere sexuelle Gewalt und berge ein Suchtpotenzial, sagt Dr. Michael Böswald. 

Über das Internet könne man „kinderleicht“, Pornografie kostenfrei und unkontrolliert konsumieren. Über das eigene Smartphone ist der Zugriff jederzeit möglich. Konsequenz dieser Entwicklung sei eine nicht mit der Realität übereinstimmende Vorstellung von Sexualität, die dann in die echte Beziehung übertragen werde, schreibt Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, in seiner Einladung zum Forum. 

Das Problem: „Jugendliche nehmen das in Pornos Gesehene als Realität wahr und meinen dann Schlagen, Beißen und Haare Ausreißen gehören zum Vorspiel dazu“, erklärt Böswald. Jugendliche, die regelmäßig Pornos sehen, würden drei Mal häufiger Täter sexuellen Missbrauchs, warnt der Mediziner. Das Frauenbild könne sich verändern: Frauen werden als Personen aus dem Porno wahrgenommen. In der Opferrolle sehen sich in der Folge hingegen die Mädchen, die Pornos oft mit anschauen würden, weil sie die Beziehung aufrecht erhalten wollen. 

Psychologin Tabea Freitag hat als Reaktion auf die Entwicklung das Programm „fit for Love?“ aufgelegt, um den Kindern wieder das zu vermitteln, was durch das Internet kaputt gemacht wurde, berichtet Dr. Michael Böswald, der bedauert, dass Jugendliche in Kursen erst wieder ein positives und ganzheitliches Bild von Liebe und Sexualität lernen müssen. 

Der Einstieg beginnt vor der Pubertät 

Bereits 2008/2009 hatten Studien ergeben, dass der Großteil der 16- bis 17-Jährigen regelmäßig entsprechende Portale besuche – 93 Prozent der Jungen und 80 Prozent der Mädchen, 20 Prozent der Jungen hätten bereits täglich Pornos konsumiert, berichtet Böswald, der zu dem Thema auf Studien der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) und des Jugendinstituts München verweist. „Und das war noch in Zeiten, in denen nicht jeder ein Smartphone hatte“, so Böswald. 

Heute würden 100 Prozent der 14-Jährigen pornografische Filme oder Bilder im Internet klicken. Auch fast die Hälfte der Elf- bis 13-Jährigen habe bereits pornografische Bilder gesehen. „Die Bravo von früher ist vollkommen out.“ Der Einstieg beginne bereits vor der Pubertät. Die Unter-14-Jährigen sehen den Reiz darin, in die „Geheimniswelt der Erwachsenen“ einzutauchen. Und je jünger die Kinder sind desto mehr nehmen sie für bare Münze, was sie sehen, erklärt der Vorsitzender des Arbeitskreises Prävention der Ärztekammer Westfalen-Lippe, der sich wünscht, „dass Jugendliche zur ,normalen’ Sexualität zurückfinden, die nicht mit Schlagen einher geht“. 

„Die Eltern müssen aufklären“, appelliert Böswald, „Sie müssen ihren Kindern erklären, was der Unterschied ist: dass Pornos nicht die reale Welt sind und keine gesunde Intimität vermitteln und dass Pornos zu einer Sucht führen können. Wenn sie damit überfordert sind, können sie sich Hilfe von Ärzten holen.“ 

Doch nach Erfahrung des Mediziners muss man die Problematik auch erst noch unter die Fachleute bringen: „Das habe ich noch nie gehört.“ – „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ – „Das wird jetzt aber aufgebauscht“ – diese Reaktionen bekommt Dr. Michael Böswald oft zu hören. Genau deswegen sieht der Münsteraner Mediziner einen erhöhten Aufklärungsbedarf. Daher hat die Ärztekammer Westfalen-Lippe das 12. Forum Kinderschutz unter diese Thematik gestellt – gerichtet primär an Ärzte, aber auch an Lehrer und Erzieher (10 bis 14 Uhr, Stadtwerke Arnsberg, Niedereimerfeld 22).

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