"Wir sind hier eine große Familie"

Faszination Freilichtbühne Herdringen: Ein Blick hinter die Kulissen

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Hier der Bühne ist bei der "Kleinen Hexe" mindestens genauso viel los wie auf der Bühne. Am Ende werden die Darsteller mit langanhaltendem Applaus belohnt.

Herdringen. „Kann ich dieses Kostüm so anziehen?“ – „Ich muss den Hexen noch die Münder schminken!“ – „Kann mir jemand mit meinem Mikrofon helfen?“ Es herrscht geschäftiges Treiben im Spielerheim der Freilichtbühne Herdringen eine Stunde bevor sich zum ersten Mal der Vorhang für „Die Kleine Hexe“ nach der Sommerpause lüftet.

Die Kleine Hexe – ein phantasievolles Theaterstück über Freundschaft, Unterstützung und Mut zur Veränderung – untermalt mit bekannten Texten und Melodien von modernen Künstlern und Musikern. Exklusiv erhält der SauerlandKurier an diesem Nachmittag die Möglichkeit, vor und während der Vorstellung einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und da ist mindestens genauso viel los, wie auf der Bühne. 

„Da fehlt aber auf jeden Fall noch Haarspray, es soll ja gleich alles gut halten“, sagt Maskenbildnerin Vera Guntermann zur „Kleinen Hexe“ Carla Padberg. „Ich mag an meiner Rolle besonders, dass sie so vielseitig ist. Die Kleine Hexe ist frech, lieb, hilfsbereit und ein bisschen wie eine Mutter für den Schatten und den Raben“, beschreibt die junge Darstellerin mit leuchtenden Augen. Dann ist sie fertig in der Maske und das nächste Mädchen nimmt auf dem Schminkstuhl von Vera Guntermann platz. „Wir schminken heute zu dritt alle der rund 80 Schauspieler. Aber wir brauchen gar nicht so viel Farbe, viele sind im Urlaub schön braun geworden.“ Die längste Zeit in der Maske benötigen mit rund 20 Minuten die Oberhexe und die Hexe „Rumpumpel“ – schließlich sollen sie ja schon ein wenig gruselig aussehen. Vera Guntermann hat auf jeden Fall Spaß an ihrer Arbeit. Als Tochter eines der Gründer gehört sie zum Team der Freilichtbühne seit sie auf der Welt ist, steht im Erwachsenenstück „Heiße Ecke“ selbst mit auf der Bühne. „Es ist viel Arbeit und Stress, aber auch aufregend und toll. Wir sind hier eine riesige Familie, haben einen wunderbaren Zusammenhalt, da bekomme ich Gänsehaut wenn ich drüber spreche“, erzählt sie. Wenn alle Darsteller in ihre Rolle geschlüpft sind und sich der Parkplatz vor der Tür mehr und mehr füllt, beginnt eine halbe Stunde vor der Vorführung das Einsingen. Arme ausschütteln, strecken, bewusst atmen und summen, dann ist die Stimme aufgewärmt und Spielleiter Detlev Brandt übernimmt das Wort. Er stimmt die Schauspieler auf die Vorstellung ein: „Die Durchlaufprobe gestern hat toll geklappt. Wir haben heute fast 600 Zuschauer.“ Die Freude darüber ist den Darstellern anzumerken. Der Spielleiter behält die Übersicht, dass alles und jeder am richtigen Platz ist, darf loben und natürlich auch mal kritisieren. Darüber hinaus übernimmt Detlev Brandt als „Schatten“ selbst eine Hauptrolle im Familienstück. „Für die drei Hauptrollen haben wir keine Zweitbesetzung. Wenn Hexe, Rabe oder ich ausfallen, müsste die Vorstellung wahrscheinlich abgesagt werden.“ Dieses Bewusstsein nimmt er auch mit in den Alltag: „Beim Radfahren zum Beispiel fahre ich in der Spielzeit noch gewissenhafter als sonst. Man steht quasi immer mit einem Fuß auf der Bremse – und mit einem Fuß auf der Bühne.“ 

"Jetzt steigt die Aufregung auf jeden Fall"

Dann ist es endlich soweit: Die Darsteller gehen auf ihre Positionen, die Musik beginnt. „Jetzt steigt die Aufregung auf jeden Fall“, bestätigen die Laien-Schauspieler. Rabe, Kleine Hexe und Schatten sind nun auf der Bühne und schon ist das Gelächter der Kinder im Publikum zu hören. Hinter der Bühne herrscht Konzentration. Die Darsteller laufen mit Kostümen bepackt hin und her, denn einige müssen mehrmals ihre Outfits wechseln und da muss natürlich alles an der richtigen Stelle bereit liegen. Da kommt Frau Pfefferkorn (Vanessa Schmidt) angelaufen: „Ich dachte gerade, wenn Rumpumpel schon auf der Bühne ist, dann muss ich auch so langsam mal losgehen“, und schon ist ihr Einsatz dran. Während die Kleine Hexe auf der Bühne einen Zaubertrick nach dem anderen vorführt, taucht hinter der Bühne eine ganze Schar an kleinen Raben auf, die gespannt auf ihren Auftritt wartet. „Psst, wir müssen leise sein“, ermahnen sie sich gegenseitig. Einige Mütter sind aber auch immer an ihrer Seite, haben ein Auge auf die Nachwuchsschauspieler und helfen beim umziehen. „Manche Familien spielen inzwischen in der vierten Generation hier auf der Bühne“, weiß Sabrina Borggrewe aus eigener Erfahrung. Ihr Großvater gehört zu den Gründern der Bühne, und mit ihrem Sohn auf dem Arm steht die vierte Generation bald in den Startlöchern. Ihre Geschwister stehen im Erwachsenenstück auf der Bühne. „Das Schöne und Besondere hier ist der Zusammenhalt. Mein Bruder hat mal gesagt, das ist wie eine zweite Familie.“ 

Einer der Jungraben verkündet dem Publikum schließlich „Jetzt kommt erst mal eine Pause“, und die Schauspieler haben Zeit zum durchatmen. Spielleiter Detlev Brandt resümiert: „Es läuft alles gut, die Gruppe ist auch nach der Pause 100-prozentig eingespielt und das Publikum macht gut mit.“ Auch das ist für die Schauspieler wichtig, wie Raben-Darsteller Dirk Hammel erläutert: „Bei den Proben gestern war ja kein Publikum dabei, da macht der Schatten seine Grimassen und nichts passiert. Das Publikum ist absolut wichtig zur Interaktion.“ Zur ersten Aufführung nach der Sommerpause ist auch Regisseurin Patricia Hoffmann gekommen. Sie ist zufrieden mit der Truppe: „Alle sind sehr motiviert, steuern selbst viele Ideen bei und sind mutig für Neues. Nur manchmal muss man auch ein bisschen streng mit ihnen sein...“ , sagt sie mit einem Lachen. Bei aller Professionalität darf man nicht vergessen, dass es eigentlich um ein Hobby geht. Denn für das Team der Freilichtbühne – dazu gehören unter anderem Darsteller, Bühnenbauer, Maskenbildner, Näherinnen, Getränkeverkäufer und Einlasskontrolleure – ist das Engagement rund um die Freilichtbühne ehrenamtlich. Dann ertönt das Zeichen zur zweiten Hälfte und die Hexen machen sich bereit für ihren Auftritt. „Du gehst rechts, ich gehe links, ja alles passt“, heißt es und schon „fliegen“ auf ihren Besen auf die Bühne. Unter ihnen ist auch die Hexe „Rumpumpel“ (Denise Hoffmann) in ihrem schrillen Hexenoutfit: „An die langen Wimpern habe ich mich schnell gewöhnt, die langen Fingernägel hingegen behindern mich schon manchmal. Aber wenn man auf der Bühne ist, denkt man nicht mehr über das Kostüm nach“, erzählt sie. Ihre Rolle mag die Schauspielerin sehr: „Es macht so viel Spaß, dass man böse sein darf! Man kann sich voll ausleben.“ Die große Zahl an jüngeren Darstellern hat in dieser Szene Pause: „Wenn wir nicht dran sind, suchen wir unsere Sachen zusammen und gehen durch, was wir in der nächsten Szene brauchen. Wenn alles bereit liegt quatschen wir – leise natürlich – oder spielen Karten.“ Dann steuert das Familienstück auf das große Finale zu, das Publikum klatscht beim Tanz der Junghexen kräftig mit. Die Kleine Hexe hat Höhen und Tiefen erlebt und mehrere Zauberprüfungen absolviert. Ob sie jedoch am Ende tatsächlich in den Rat der Althexen aufgenommen wird, das erfahren die Zuschauer bei einem Besuch auf der Freilichtbühne in Herdringen. Das Publikum an diesem Nachmittag jedenfalls feiert die Darsteller ausgiebig und klatscht am Ende minutenlang.

Termine & Karten 

„Die Kleine Hexe“ wird noch an folgenden Terminen gespielt: Donnerstag, 11., Sonntag, 14., Dienstag, 16., Samstag, 20., Dienstag, 30. August sowie am Freitag, 2. und Sonntag, 4. September.

Reservierungen sind möglich per Mail an karten@flbh.de oder telefonisch unter Tel. 02932/39140.

Weitere Informationen gibt es auch auf der Internetseitewww.flbh.de

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