"Bildung braucht Zeit"

Gymnasien in Arnsberg und Sundern tendieren ausnahmslos zu G9

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„Die Schüler haben beim Abitur nach neun Jahren mehr Zeit zum Lernen“, ist ein Argument der Befürworter von G9.

Arnsberg/Sundern. Während die Schüler aktuell der Zeugnisübergabe in der kommenden Woche mehr oder weniger entgegenfiebern, beschäftigen sich die Eltern der derzeitigen Viertklässler damit, welche Schule ihre Kinder nach den Sommerferien besuchen sollen. An den Gymnasien in Arnsberg und Sundern, wo im Februar die Anmeldungen laufen, ist die spannende Frage: Wird weiter nach G8 unterrichtet oder wollen die Gymnasien zu G9 zurückkehren? Der SauerlandKurier hat sich umgehört.

Das Landeskabinett hatte bereits Ende des vergangenen Jahres den Weg für G9 freigemacht, also die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren. Schulministerin Yvonne Gebauer betonte: „Die neue Landesregierung aus CDU und FDP hat die Probleme erkannt, benannt und rasch gehandelt. Wir wollen mit der Rückkehr zu G9 einen jahrelangen Streit beenden und dafür sorgen, dass sich die Gymnasien – wie alle anderen Schulformen auch – wieder auf ihr Kerngeschäft, den Unterricht, konzentrieren können. Das ist die wichtigste Voraussetzung für beste Bildung.“ 

Ministerin Gebauer erinnerte daran, dass kaum ein anderes landespolitisches Thema in den vergangenen Jahren so sehr im Fokus der Öffentlichkeit gestanden habe wie die Schulzeitverkürzung. „Die Unzufriedenheit mit G8 war genauso groß wie der Wunsch nach einer Rückkehr zu G9. Mir ist deshalb besonders wichtig, dass die Umstellung umfassend und verlässlich im Dialog mit den Beteiligten vorbereitet wird. Das braucht Zeit, bringt aber auch die nötige breite Akzeptanz.“ Nach dem bereits vorgestellten Gesetzentwurf soll G9 grundsätzlich zur Regel werden. Es sei denn, die Schulen werden selbst aktiv und beschließen per Schulkonferenz, beim verkürzten G8 zu bleiben. Dies müssen sie dann bis zum 31. Januar 2019 mitteilen. 

Unsicherheit bei den Eltern 

Unsicherheit herrscht jedoch bei Eltern, die in den nächsten Wochen ihre Kinder für eine weiterführende Schule anmelden müssen. Denn: Auch die jetzigen Viertklässler sind bereits vom neuen Gesetz betroffen, das erst zum Schuljahr 2019/2020 greifen soll. Aber um es vorweg zu nehmen: Eltern in Arnsberg und Sundern, die ihr Kind an einem Gymnasium anmelden möchten, können eigentlich fest davon ausgehen, dass ihr Kind nach neun Jahren Abitur machen wird. Denn: Alle Gymnasien in der Region tendieren eindeutig zu G9. Derzeit sieht es nicht so aus, als ob ein Gymnasium das Turbo-Abi behalten möchte. 

„Wir haben uns schon im Herbst in der Schulkonferenz dafür ausgesprochen, dass wir zu G9 zurück wollen“, berichtet Bertin Kotthoff, Schulleiter des St.-Ursula-Gymnasiums in Neheim. „Bildung braucht Zeit. Die Belastung der Schüler, gerade in der Oberstufe, soll dadurch deutlich reduziert werden.“ Auch wenn die genauen Rahmenbedingungen für G9 erst in den nächsten Monaten auf den Weg gebracht werden, werde es Mehraufwand für die Schulen geben. Bertin Kotthoff nennt hier neue Lehrpläne, deren Umsetzung auf den konkreten Unterricht sowie auch Raumprobleme als Beispiele. 

Auch das Franz-Stock-Gymnasium in Neheim möchte keinen Antrag stellen, bei G8 zu bleiben. Dies hätten Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam beschlossen, erklärt Oberstudiendirektor Dr. Andreas Pallack. „Dafür gibt es vielfältige Gründe. Zum Beispiel erhofft man sich, dass die Schüler Freizeitaktivitäten in Vereinen so wieder besser wahrnehmen können.“ Zudem wüssten natürlich gerade die Lehrer um die inhaltliche Fülle der Themen. „Schulkarrieren können ganz anders gefördert werden“, so der Schulleiter mit Blick auf das zusätzliche Schuljahr. 

"Das neue G9 wird nicht das alte G9 sein"

Das Meinungsbild von Schülern, Lehrern und Eltern am Laurentianum Arnsberg hat ebenfalls eine Rückkehr zu G9 ergeben. „Auch wenn in jedem Gremium rund 20 Prozent für G8 waren. Manche kamen gut damit klar und die Jugendlichen hatten die Zeit, ein Jahr zur Orientierung zu nutzen“, berichtet die kommissarische Schulleiterin Beate Nordmann von den Argumenten der Befürworter. 

Allerdings laufe es unter G9 doch entspannter, was Stofffülle und Schnelligkeit angehe. „Die Schüler haben einfach mehr Zeit zu lernen, zum Beispiel auch für eine dritte Fremdsprache.“ Auffällig sei auch gewesen, dass die Zahl der Schülerhelfer unter G8 stark abgenommen habe, da die Jugendlichen selbst so eingespannt gewesen seien. Mit Blick auf die Kooperation der Arnsberger Gymnasium freue sie sich, dass auch das Mariengymnasium dem neuen Gesetz folgen möchte. 

Annemarie Ostermann-Fette, Schulleiterin des Mariengymnasiums Arnsberg, erläutert aber mit Blick auf Digitalisierung und sich verändernde Gesellschaft: „Das neue G9 wird nicht das alte G9 sein. Wir sollten klug sein und den Schülern mehr Zeit geben.“ Gleichzeitig solle die Entwicklung von Unterricht nicht verschlafen und die digitalen Medien verantwortlich mit einbezogen werden. 

Neues Gesetz noch vor der Sommerpause 

In Sundern geht der Trend ebenso zur Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren – auch wenn es am Städtischen Gymnasium noch keine offizielle Abfrage unter Lehrern, Eltern und Schülern gegeben habe. „Ich gehe im Moment davon aus, dass wir zu G9 zurückkehren. Ich habe rausgehört, dass weder die Lehrer- noch die Eltern- oder Schülerschaft für eine Beibehaltung von G8 ist“, berichtet Schulleiter Martin Barthel, der vor allem die Belastung durch den Ganztagsunterricht als Nachteil vom Turbo-Abi nennt. Die endgültige Entscheidung soll im Herbst in der Schulkonferenz fallen. 

Wie geht es jetzt konkret weiter? Nachdem der Gesetzentwurf dem Landtag zugeleitet wurde, ist das Ziel die Verabschiedung des Gesetzes noch vor der Sommerpause 2018, sodass für alle Beteiligten Klarheit herrscht. 

Noch bevor die neue Landesregierung sich für die Rückkehr zu G9 einsetzte, hatte die Elterninitiative „G9-jetzt-NRW“ bereits Anfang 2017 ein Volksbegehren gestartet, mit dem sie das Abitur nach neun Jahren durchsetzen wollte. Im Dezember gaben die Verantwortlichen allerdings bekannt, dass ihr Vorhaben gescheitert ist. Statt der benötigten 1,1 Millionen Unterschriften sammelte die Initiative nur etwa 630.000.

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