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Härtetest für Gastgewerbe: Personalmangel bereitet große Sorgen – nicht nur zur Ferienzeit

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Von: Marco Twente, Rebecca Weber

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Ob Service- und Reinigungskräfte, Köche oder Barkeeper: Viele Betriebe in der Hotel- und Gastronomiebranche sind auf der Suche nach Fachpersonal. © picture alliance / dpa

Zu Beginn der Hauptreisezeit fehlt in vielen Hotels und Pensionen im Hochsauerlandkreis das nötige Personal. Das sagen NGG, Dehoga und Sauerländer Gastronomen zur aktuellen Situation.

Hochsauerland - „Rezeptionistinnen, Köche, Barkeeper, Service- und Reinigungskräfte werden händeringend gesucht. Ohne sie kann die Branche in der wichtigsten Saison des Jahres nicht durchstarten“, sagt Isabell Mura von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Südwestfalen. Die NGG verweist auf eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Danach zählte das Beherbergungsgewerbe im Hochsauerlandkreis Ende Juni 182 offene Stellen – 15 Prozent mehr als vor genau einem Jahr und 49 Prozent mehr als Mitte 2019, also vor Beginn der Corona-Pandemie.

„Für viele Hoteliers ist es aktuell einfacher, Gäste zu finden als Mitarbeiter. Denn in der Folge von Lockdowns und Kurzarbeit haben etliche Beschäftigte ihre Branche verlassen. Es kommt jetzt darauf an, Fachleute mit guten Konditionen zu locken, um für die steigende Nachfrage nach Urlaubs- und Geschäftsreisen gewappnet zu sein“, heißt es von der NGG.

Mehr Bezahlung - auch für Auszubildende

Ein entscheidender Punkt sei die Bezahlung. Hier habe sich bereits einiges getan: Mit dem neuen Tarifvertrag, den die Gewerkschaft mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ausgehandelt hat, liege der Einstiegsverdienst in der Branche in Nordrhein-Westfalen seit Mai bei 12,50 Euro pro Stunde – 28 Prozent mehr als zuvor. Fachkräfte kämen auf einen Stundenlohn von mindestens 13,95 Euro.

Auch die Ausbildungsvergütung sei deutlich angehoben worden, führt Hans-Dietmar Wosberg, Präsident Dehoga NRW und Westfalen, an. Neue Auszubildende zu gewinnen sei in der aktuellen Situation ein entscheidender Faktor für die Betriebe. Der Arnsberger weiß, in welch schwieriger Situation sich Gastronomie und Hotellerie noch immer befinden.

„Preisentwicklung und Personalnotstand verhindern ein Durchstarten“

Die „Nachwirkungen“ der Corona-Pandemie mit erhöhtem Personalmangel, zurückzuzahlenden Krediten und immer noch geringeren Umsätzen als vor der Krise bereiten der Branche weiterhin Sorgen, hinzu kommen die explosionsartig gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel. „Auch wenn die Terrassen gut gefüllt sind und die Veranstaltungsbücher wieder voller werden, läuft es in vielen Betrieben noch bei weitem nicht so wie vor der Pandemie. Gerade die Preisentwicklung und der Personalnotstand verhindern ein Durchstarten, wie wir uns das für dieses Jahr erhofft haben. 2022 wird zum Härtetest, zumal wir nicht wissen, ob es zu einem dritten Coronaherbst kommen wird“, beschreibt Wosberg die aktuelle Situation. Es sei Kreativität gefragt, jeder Gastronom müsse das Konzept für seinen Betrieb überdenken, schauen was er verändern und wie er gegebenenfalls auch mit weniger Personal klar kommen könne. Eine Möglichkeit sei zum Beispiel, im Biergarten auch mal auf Selbstbedienung umzustellen, so Wosberg.

„Gastro-Speed-Datin“ in Brilon

Als Reaktion auf den Fachkräftemangel organisierte die Stadt Brilon bereits vor einigen Monaten ein Gastro-Speed-Dating mit zehn etablierten Briloner Hotel- und Gastronomiebetrieben. „Das Speed-Dating war ein Erfolg“, freut sich der Briloner Wirtschaftsförderer Oliver Dülme. Eine Wiederholung sei nicht ausgeschlossen.

„Situation am Arbeitsmarkt äußerst angespannt“

„Wie in der gesamten Branche, erleben wir die Situation am Arbeitsmarkt als äußerst angespannt. Durch gezielte Maßnahmen konnten wir allerdings unseren Mitarbeiterstamm während der Pandemie stabil halten und einige offene Positionen sogar neu besetzen“, sagt Andreas Deimann, Inhaber und Geschäftsführer des Romantik- & Wellnesshotels Deimann in Winkhausen.

Die Neugewinnung von Mitarbeitenden sei aber mittlerweile mit deutlich größeren Anstrengungen und erhöhtem Aufwand verbunden als noch vor der Pandemie. Mehr denn je spielen individuell auf den Mitarbeitenden zugeschnittene Arbeitszeitmodelle, Work-Life-Balance zulassende Arbeitsbedingungen sowie eine gute und faire Entlohnung eine entscheidende Rolle beim Wettbewerb um die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, da diese sich in aller Regel am Arbeitsmarkt einer Vielzahl von Angeboten gegenüber sehen. „Am angespanntesten stellt sich die Situation in den Bereichen Housekeeping, Küche und Service dar. In diesen Abteilungen suchen auch wir aktuell noch an der ein oder anderen Stelle Unterstützung“, so Deimann abschließend.

Man sei immer auf der Suche nach Fachpersonal, aber einen Notstand gebe es derzeit in seinem Betrieb nicht, berichtet auch Matthias Willecke vom gleichnamigen Landhotel und Gasthof in Stockum. Allerdings habe er aktuell lediglich eine Auszubildende im dritten Lehrjahr, da in den vergangenen zwei Jahren kein normaler Einstieg in die Ausbildung möglich war. Deutlich macht der Gastronom: „Die Mitarbeiter sind das größte Kapital.“ So lege er großen Wert auf Wertschätzung und entsprechende Bezahlung. Das Geld für Löhne, Waren und Betriebskosten könne jedoch nur über die Gäste eingenommen werden.

Verständnis der Kunden für steigende Preise

Angesichts der steigenden Kosten für die Betriebe macht auch die NGG deutlich, dass es jetzt auch darauf ankomme, dass die Kunden Verständnis zeigten. „Für ein sauberes Hotelzimmer und einen guten Service sollte man bereit sein, etwas mehr auszugeben“, so Mura. „Das gilt auch im Restaurant. Ein Schnitzel für neun Euro ist heute nicht mehr machbar.“

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