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Interview: Propst Hubertus Böttcher verlässt Arnsberg und blickt zurück auf ereignisreiche Jahre

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Von: Rebecca Weber

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Propst Hubertus Böttcher Arnsberg
Seinen Garten hinter dem Pfarrhaus wird Propst Hubertus Böttcher vermissen, genau wie die Menschen in Arnsberg und das Eichholz. © Rebecca Weber

Als junger Pfarrer kam er mit 40 Jahren in die Liebfrauengemeinde in Arnsberg, wurde später Dechant und Propst: Nach mehr als 25 Jahren verlässt Hubertus Böttcher nun die Stadt Arnsberg und widmet sich ab dem 1. November neuen Aufgaben in der Stadt Hagen. 

Arnsberg - Als junger Pfarrer kam er mit 40 Jahren in die Liebfrauengemeinde in Arnsberg, wurde später Dechant und Propst: Nach mehr als 25 Jahren verlässt Hubertus Böttcher nun die Stadt Arnsberg und widmet sich ab dem 1. November neuen Aufgaben in der Stadt Hagen. 

Erinnern Sie sich noch an ihre erste Zeit in der Liebfrauengemeinde?

Ich erinnere mich sehr gut, es war der 1. Juni 1996. Es war eine neue Herausforderung für mich, Pfarrer Pauli war mit 70 Jahren in den Ruhestand gegangen und hatte die Gemeinde sehr geprägt. Diese Verantwortung habe ich schon gespürt. Als ich das erste Mal in die Kirche kam, habe ich mehr den Beton gesehen. Aber der Vikar sagte mir da: „Du wirst sehen, wenn die Kirche voll ist, ist es eine andere Kirche.“ Und wirklich, ich habe dann die Offenheit dieser Kirche sowohl von der Bauanlage her, wie auch von der Gemeinde sehr stark gespürt. Wenn man da vorne steht hat man den Eindruck, die Menschen sind alle sehr nah. Ich hatte immer den Eindruck, dies ist ein Lebensort für viele Menschen in dieser Stadt, ein vitales Zentrum. Das war deutlich zu spüren.

Wie haben Sie die Veränderungen im Gemeindeleben in den vergangenen Jahren erlebt?

Damals hatten wir mehrere Gottesdienste an einem Wochenende in Liebfrauen, die alle sehr gut besucht waren, das war sensationell. Von heute betrachtet eine ganz andere Wirklichkeit. Den Schritt zur Entstehung des Pastoralen Raumes Arnsberg mussten wir machen. Einfach weil wir nicht mehr dieses Personal vorhalten konnten. Damals hatten wir in diesem Raum – zwischen Niedereimer und Oeventrop – etwa 15 bis 20 Priester, heute sind wir vier, fünf Priester. Die unmittelbaren Beziehungen sind dadurch weniger direkt geworden. Das ist natürlich eine radikale Veränderung und negativ auf der einen Seite.

Aber es gibt auch etwas Positives?

Für mich ist es die Fortsetzung des Zweiten Vatikanums, dass nicht die Priester die tragenden Säulen sind, sondern deutlich wird, die Gemeinde lebt da, wo Menschen leben. Wir haben in der Pastoralvereinbarung unterschrieben: „Gott mit uns – Jesus ist in unserer Mitte“. Es gibt in jeder Gemeinde Menschen, die das Ganze tragen. Kirche ist heute dazu aufgerufen, für alle Menschen ein Ort des Lebens in dieser Stadt zu sein. Sei es, dass es Schüler gibt, die auf unseren Treppen sitzen, oder im Mehrgenerationenhaus gemeinsam Suppen gekocht werden. Ich habe viele Menschen vor Augen, die Brücken bauen. Das finde ich heute ganz wichtig.

Ein weiterer Meilenstein sind die spektakulären Grabungsfunde im Kloster Wedinghausen.

Das stimmt. Das Ganze fing damals damit an, dass große Mauersteine von unserem Garten auf den darunter liegenden Spielplatz gestürzt waren. Bei den Überlegungen, was mit dem Ostflügel geschehen solle, haben wir uns gefragt, was gibt es hier eigentlich an Vitalem? Da war schnell klar, dass es ringsherum fast 4000 Schüler gibt und wir einen Ort für die Jugend machen wollen. Über Pastor Stapel entstand der Kontakt zur Shalom Gemeinschaft. Für dieses geistliche Zentrum für junge Leute, das über Arnsberg hinaus strahlt, signalisierte dann auch der Bischof Unterstützung zu.

Mit den Funden die dann folgten hätte aber keiner gerechnet, oder?

Nein. Wir wollten ursprünglich nur etwas renovieren, neue Türen und so weiter. Aber auf einmal kam heraus, dass dieses Kloster eine Sensation ist. Und wir merkten, dass sich Menschen dafür interessierten. Ich habe in einem Jahr 100 Gruppen geführt, obwohl die Arbeiten noch gar nicht abgeschlossen waren. Deutlich wurde, dass viele Menschen, die gar nicht mehr mit dem eigentlichen Kirchenraum vertraut sind, ein Interesse daran haben, die Vergangenheit wahrzunehmen. 

Was bedeutet es für Sie persönlich, diese spannende Phase der Klostergeschichte begleitet zu haben?

Für mich ist es auch nochmal ein Umdenken. Wir betonen als moderne Menschen sehr stark die Freiheit. Die Menschen vor uns haben sehr stark nach Traditionen gelebt. Diese Geschichte lehrt uns aber, dass Tradition und Aufbruch zusammengehören. Wir sind Teil einer Geschichte, und dies ist hier sehr handgreiflich, man kann sozusagen eine Aura spüren, von Menschen die hier gelebt haben.

Was wünschen Sie sich für das Projekt?

Wir werden ja in Kürze ein digitales Museum haben. Man kann durch ein Museum gehen und ist nach 20 Minuten wieder raus und sagt, man hat alles gesehen. Aber das Wertvolle ist, dass der Besuch etwas in einem zum Klingen bringt oder Gefühle wach werden. Dinge sind lebendig, wenn sie Botschaften entschlüsseln. Wenn etwas zum Erlebnis wird, entsteht Qualität.

Was werden Sie an Arnsberg vermissen?

Vieles, vor allem die Menschen. Die Menschen sind ein Teil meiner Geschichte. Aufgrund meiner Zeit hier könnte ich zu fast jedem eine Geschichte erzählen. Aber auch meinen Lieblingsort, das Eichholz, mit dem schönen Blick vom Ehmsendenkmal ins Ruhrtal und auf die Altstadt werde ich vermissen. Und die Bäume und meinen Garten. Darum ist auch eine gewisse Trauer in mir. In Bezug auf die Menschen fragt man sich schon manchmal, wirst du den wiedersehen? Wie wird es sein? Mir hilft das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, eins der schönsten Gedichte, das ich kenne. 

Was bedeutet das für Sie?

Der Aufbruch, so schmerzhaft er ist, ist auch eine Chance. Diesen Aufbruch habe ich mir nicht ausgesucht, aber ich merke, ich muss einem Ruf folgen. Ich bin nicht Priester geworden, um zu sagen „so es ist schön bequem“, sondern um mich herausfordern zu lassen. Und so ist für mich ganz tief der Glaube, dass Gott sich mir im Aufbruch schenkt.

Welche neue Aufgabe wartet nun auf Sie?

In Hagen werde ich keine Leitung haben, sondern in einem Team – Pastor Salzmann ist der neue Pfarrer dort – arbeiten. Ich werde mich darauf konzentrieren Seelsorger zu sein, Leute zu begleiten, ansprechbar zu sein in der Innenstadt von Hagen, auch für die, die nicht in der Kirche sind.

Was wünschen Sie den Gemeinden im Pastoralen Raum Arnsberg?

Die Erfahrung, der Gegenwart Jesu in der Mitte. Das muss ich ein bisschen erklären. Ich glaube, wenn die Liebe unter den Menschen ist, verändern sich die Menschen. Ein Beispiel: Ich bin mal mit einer Gruppe nach Rom gefahren, und wie das so ist, hatte sich jeder etwas zu essen eingepackt. Der eine die Möhrchen, der andere Frikadellen. Jeder saß dann auf seinem Sitz und man bewegte sich kaum. Und dann kam einer an der Raststätte auf die Idee, warum stellen wir nicht alles in die Mitte? Erst gab es wenig Begeisterung, es könnte ja sein, dass mein Schinkenbrötchen jemand anders isst. Interessanterweise, nachdem mehr und mehr ihr Essen in die Mitte stellten, merkte man, wie viel eigentlich da war. Dann fing man an zu tauschen und kam auf einmal miteinander ins Gespräch war. Diese Fremden fingen an, Freunde zu werden. Das ist für mich der Geist Jesu Christi, dass Menschen Liebe spüren und Liebe erfahren. Als wir wiederkamen waren viele Menschen auch verändert im Miteinander. Die große Chance der Gemeinde ist, in ihrer Vielfalt und Begabtheit, gegenseitig reich zu werden.

Einladung an die Gemeinde

Propst Hubertus Böttcher feiert seinen 65. Geburtstag am Sonntag, 24. Oktober, um 11 Uhr, mit einer Hl. Messe in der Liebfrauenkirche. Anschließend findet ein Sektempfang auf dem Kirchplatz beziehungsweise im Gemeindezentrum statt. Alle, die Propst Böttcher zum Geburtstag gratulieren möchten sind hierzu eingeladen. Zu dieser Messe und dem anschließenden Empfang gelten die 3G-Regeln.

Zu dem Empfang liegt ein Gästebuch aus, in das alle einen Gruß, einen guten Wunsch, einen Gedanken zu Propst Böttcher eintragen können. Wer hat und mag, kann auch ein Foto dazu kleben. Dieses Buch soll ihm zur offiziellen Verabschiedung am 21. November überreicht werden.

Anstelle von Geburtstagsgeschenken bittet Propst Böttcher um finanzielle Unterstützung für sein Seelsorge-Projekt im Pastoralverbund Hagen-Mitte. Geldgeschenke bitte auf folgendes Konto der Bank für Kirche und Caritas überweisen: IBAN DE 90 472 60307 0055 531 302

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