Ausgebremst, um neu durchzustarten

Junger Sauerländer berichtet über sein Leben mit der Krankheit ADHS

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Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist für Betroffene und deren Umfeld eine große Belastung. 

Neheim/Hochsauerland. „Das ist dann ein Gefühl, als würde ich von 200 Stundenkilometern auf der Autobahn auf 50 bis 100 km/h gedrosselt“, erklärt der zierliche junge Mann mit den dunkelbraunen, im Nacken kurz rasierten Haaren mit wachem und klarem Blick. „Ich kann mich wieder auf alles konzentrieren und bin nicht so abgelenkt, habe keine Ausbrüche mehr und bin nur noch mit Leuten zusammen, mit denen ich mich gut verstehe.“ Das alles ist keine Selbstverständlichkeit für Alex V. (Name von der Redaktion geändert), denn der 19-Jährige leidet seit seinem fünften Lebensjahr unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, vielen besser unter dem Namen ADHS bekannt.

Seit Frühjahr 2018 ist Alex V. nun bei Dr. Rüdiger Holzbach, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum Hochsauerland, in Behandlung. „ADHS ist die häufigste kinderpsychiatrische Erkrankung und bezeichnet eine neurobiologische Störung, die innerhalb aller Altersgruppen auftreten kann. Bei Alex machte sich diese Erkrankung bereits im Kindergarten bemerkbar, diagnostiziert wurde sie jedoch erst durch seinen Grundschullehrer mit sieben Jahren“, erklärt der 56-jährige Chefarzt.

Von diesem Zeitpunkt an wurde der heute 19-Jährige, der in Paderborn geboren wurde und seit seinem fünften Lebensjahr im Raum Arnsberg lebt, mit dem Medikament „Medikinet“ behandelt. Erfolgreich, wie Dr. Holzbach betont. „Methylphenidat, wie in diesem Fall ,Medikinet‘, besitzt eine stimulierende Wirkung und erhöht die Wirkungsdauer von bestimmten Botenstoffen.“ Natürlich gebe es auch Nebenwirkungen – in dem Fall: Appetitverlust, Magen-Darm-Beschwerden, Unruhe oder Schlafstörungen.

Erhöhte Aktivität und Wachsamkeit durch Medikamente

Doch: „Wenn Verhaltensänderungen alleine keine Besserung ergeben, ist die Einnahme von Medikinet nötig. Durch die regelmäßige Einnahme morgens und mittags wird eine erhöhte Aktivität und Wachheit erzeugt und somit die Konzentration und Ausgeglichenheit gefördert“, verdeutlicht der Mediziner. Das ist es, was Alex meint, wenn er sich von 200 auf 50 bis 100 km/h ausgebremst fühlt und sich anschließend wieder besser konzentrieren kann. „Die Nachmittagstablette nehme ich immer um 13 Uhr ein. Nach 15 Minuten bis circa einer Stunde tritt die Wirkung ein“, berichtet der 19-Jährige von seinen Erfahrungen.

Er hat bereits in seinen jungen Jahren eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Große Probleme mit den Eltern, die mit der Erkrankung ihres Sohnes vollkommen überfordert waren, sowie ein instabiles Umfeld trugen dazu bei, sein junges Leben mit ADHS zu erschweren. Als Alex 15 Jahre alt ist, beschließt der Vater, das Medikament „Medikinet“, mit dem der Junge seit seinem siebten Lebensjahr erfolgreich behandelt wird, eigenständig abzusetzen. „Das war ein fataler Fehler, denn ohne das Medikament brechen die Symptome von ADHS wieder hervor“, weiß Dr. Holzbach.

"Ich wollte einfach, dass das aufhört."

Nach Absetzung der Medikamente eskaliert die Situation schließlich vollends; mit 18 Jahren fliegt Alex aus der elterlichen Wohnung. Gerade volljährig geworden, steht er plötzlich vor dem Nichts. Seit einem Jahr ist Alex obdachlos, schläft bei Freunden und schlägt sich ohne familiäre Hilfe durchs Leben. Doch der junge Mann will sich mit seinem Schicksal nicht abfinden – und geht einen bemerkenswerten Schritt: Er holt sich selbst Hilfe und begibt sich in Behandlung. „Ich hatte verbale Aussetzer, war aggressiv, habe Sachen aus Wut kaputt gemacht, rumgeschrien und jeden beleidigt, der mir in die Quere kam. Ich wollte einfach, dass das aufhört. Die Unkonzentriertheit und die Aggressionen sollten beendet werden. Darum bin ich freiwillig ins Krankenhaus gegangen.“

Es folgten zwei stationäre Aufenthalte im Frühjahr und Sommer, sodass Alex nunmehr durch eine engmaschige, wöchentliche Psychotherapie nicht nur stabil ist, sondern sogar gerade damit beginnt, sein Leben neu zu ordnen. Sein großes Ziel ist es, eine Ausbildung zum Metzger oder Straßenbauer im Raum Arnsberg zu absolvieren sowie seinen Realschulabschluss nachzuholen.

Chefarzt Dr. Rüdiger Holzbach im vertrauten Therapiegespräch mit Alex V. 

Auch heute möchte Dr. Holzbach im Rahmen der Therapiesitzung von Alex wissen, wie es ihm in den letzten Tagen ergangen ist. Mit einem gewinnbringenden Lächeln wartet der Mediziner auf die Antwort, die nicht lange auf sich warten lässt. „Ich hatte gestern Stress, denn ich musste zahlreiche Termine regeln, meine Betreuerin anrufen und Einkäufe erledigen.“ „Warum hatten Sie denn genau Stress?“, hakt der 56-jährige Arzt, der an der Universität in München Humanmedizin studierte und bereits 1991 seine Approbation als Arzt erhielt, genauer nach. Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Das gesamte Gesprächsklima ist vertrauensvoll und die Atmosphäre wirkt sich positiv auf den Patienten aus. Alex antwortet in ruhigem Tonfall: „Ich musste zuerst meine Betreuerin kontaktieren, damit mein Taschengeld überwiesen wird und ich einkaufen gehen konnte. Das hat aber alles gut geklappt, obwohl es stressig war.“

„Ich bin jetzt seit vier Wochen clean.“

Dr. Holzbach kommt nun zu einer etwas heikleren Frage, die sich auf Alex von kurzer Dauer geprägte Drogenvergangenheit bezieht. „Was war besonders in den letzten Tagen, wie sah es mit eventuellem Amphetaminkonsum aus?“ Seine sonore Stimme wirkt betont ruhig und keineswegs vorwurfsvoll. „Ich bin jetzt seit vier Wochen clean“, antwortet Alex bestimmt. „Ich ziehe weder Pep (Amphetamine) noch rauche ich Cannabis. Das geregelte Leben nach dem Klinikaufenthalt tut mir gut. Jeden morgen nehme ich um acht Uhr meine erste Tablette. Dadurch kann ich mich gut bis mittags konzentrieren.“ Man merkt dem jungen Mann an, dass er es ernst meint. Regelmäßige Spaziergänge mit Freunden am Nachmittag, Gespräche über alltägliche Probleme und alles was so passiert ist, sowie die wöchentliche, selbstständige Teilnahme an den Therapiesitzungen (Alex fährt von Arnsberg aus mit dem Zug nach Neheim und geht vom Bahnhof aus zur Psychotherapie) lassen alle Beteiligten hoffen, dass Alex seine gesteckten Ziele erreichen kann.

„Es ist erstaunlich, dass aus Alex so ein vernünftiger Junge geworden ist. Die enge Taktung bedingt durch das instabile Umfeld sowie die Funktionsfähigkeit im täglichen Leben stehen bei allen folgenden Therapiesitzungen im Vordergrund. Alex Intelligenzquotient liegt im durchschnittlichen Bereich. Durch die Behandlung kann er sich wieder konzentrieren und den Alltag fokussiert wahrnehmen. Seine Prognose ist gut. Er ist ein charmanter Bub, souverän, offen, kann sich vernünftig ausdrücken. Mit entsprechender Förderung und einem stabilen Umfeld kann er ein gutes Leben führen“, gibt der Chefarzt eine positive und optimistische Zukunftsprognose ab.

"Es hat sich in den letzten Wochen so viel getan."

Bei aller positiver Entwicklung bleibt die (nicht vorhandene) Wohnsituation für Alex aber weiterhin problematisch. Kleinlaut räumt er ein: „Wohnungsmäßig habe ich leider noch nichts erreicht. Ich schaue aber immer mit meiner Betreuerin von der Diakonie Hellweg-Sauerland im Internet.“

Die Sitzung neigt sich dem Ende zu und Dr. Rüdiger Holzbach stellt seine letzte Frage am heutigen Tag: „Wie wäre unser Gespräch heute ohne Medikamente verlaufen?“ „Ich wäre viel unkonzentrierter gewesen und hätte vermutlich abgebrochen. So ein langes Gespräch wäre ansonsten gar nicht denkbar. Es hat sich in den letzten Wochen so viel getan, auch wenn ich noch keine Wohnung habe“, weiß auch Alex um die vielen Fortschritte, die er gemacht hat. Ein hoffnungsvolles Lächeln huscht dabei über sein Gesicht – ein Lächeln das zeigt, dass er an seine Zukunft glaubt. Und an ein neues Leben – mit Tempo 50 auf dem Mittelstreifen, statt mit 200 ständig auf der Überholspur.

Wer Alex bei der Wohnungssuche helfen möchte oder ihm eine Ausbildungsstelle vermitteln kann, möge sich an die Diakonie Ruhr-Hellweg in Arnsberg unter ☎ 0 29 31 – 7 86 33-0 wenden.

Das ist die Psychiatrische Abteilung im Klinikum Hochsauerland:

  • In der psychiatrischen Abteilung im Klinikum Hochsauerland, am Standort St. Johannes-Hospital Arnsberg-Neheim werden jährlich stationär sowie ambulant Patienten mit den unterschiedlichsten Erkrankungen wie Depressionen, posttraumatischen Störungen, ADHS, Schlafstörungen, Angsterkrankungen, Psychosen oder auch Suchtsymptomen auf Grundlage wissenschaftlich anerkannter fundierter Kenntnisse und Erfahrungen der modernen Psychiatrie behandelt.
  •  Im vollstationären Bereich verfügt die Abteilung über 60 Betten auf zwei offenen und einer besonders intensiv geschützten Station für Schwerstkranke und Krisenpatienten 
  • Seit Eröffnung 1993 therapiert ein erfahrenes Team rund um Dr. Rüdiger Holzbach Erwachsene ab dem 18. Lebensjahr im Versorgungsgebiet Arnsberg, Sundern, Wickede und Ense mit rund 130.000 Einwohnern. 
  • Weitere Informationen gibt es unter: https://www.klinikum-hochsauerland.de/kliniken-zentren/kliniken/psychiatrie/start/


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