„Es wird weiter boomen“

Handwerkswirtschaft in Südwestfalen eilt von Rekord zu Rekord

Präsentierten im KfZ-Zentrum stolze Zahlen: (v. l.) Christoph Dolle (Leiter BBZ), Werner Köster (Leiter KfZ-Technik), Pressesprecher Markus Kluft, Kammerpräsident Willy Hesse und Hauptgeschäftsführer Meinolf Niemand.

Arnsberg/Hochsauerland. Das Handwerk in Südwestfalen brummt und hat goldenen Boden wie nie zuvor. „Wir sind alle überrascht. Wohl kaum jemand hatte mit einem derart positiven Konjunkturverlauf in den vergangenen sechs Wintermonaten gerechnet“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Südwestfalen, Meinolf Niemand, bei der Vorstellung der Frühjahrsumfrage in Arnsberg.

Danach boomen besonders die Ausbauhandwerke wie Sanitär, Klima oder Elektro. Vor dem Hintergrund der brummenden Konjunktur werden händeringend Fachkräfte und Auszubildende gesucht. Von den fünf Kreisen im Kammerbezirk behauptete sich der Hochsauerlandkreis an der Spitze. „Für viele Betriebe sind die Kapazitätsgrenzen längst erreicht“, meinte Niemand bei der Analyse der Umfrage. „Das merken auch private Austraggeber, die deutliche Wartezeiten besonders bei den Handwerken im Bau- und Ausbaubereich hinnehmen müssen, Notfälle natürlich ausgeschlossen. Daher sollten die Verbraucher längerfristig planen.“ Die Zahlen der halbjährlich durchgeführten und repräsentativen Konjunkturumfrage verdeutlichen nachhaltig den Boom im Handwerk. Der Konjunkturklima-Index, also das „Barometer“, erreichte mit 137,7 Punkten einen neuen Rekord für die Region. „Der positive Trend beim Index läuft seit sieben Jahren“, erklärte Pressesprecher Markus Kluft. 53,1 Prozent blicken auf eine gute Geschäftslage. Selbst die witterungsanfälligen Bauhandwerke erreichen nach der Umfrage 47,5 Prozent. „Nimmt man noch die Betriebe, die ihre Lage mit befriedigend einstufen, sind das insgesamt rund 90 Prozent, die ihre Lage positiv einschätzen“, so Niemand. „Wenn wir die Geschäftsverläufe im Bau- und Ausbauhandwerk analysieren, stellen wir klipp und klar fest: Es gibt angesichts der Situation auf dem Kapitalmarkt einen deutlichen Trend in die Betonrendite. Nutzwert statt Strafzins ist das Gebot der Stunden.“ Die Umfragewerte seien zudem ein Indiz für den anhaltenden Immobilienboom in Südwestfalen. 

Diesel-Affäre zeigt Auswirkungen 

Ein wenig in der Warteschleife sind die KfZ-Betriebe. Die Umfrage zeigt: Vor allem seit Beginn der Dieselaffäre üben sich die Verbraucher in Zurückhaltung. „So bleibt das Werkstattgeschäft die tragende Säule der Unternehmen“, sagte Niemand weiter. „Die Betriebe setzen aber auf die kommenden Monate und auf die saisonübliche Belebung.“ Der Blick auf die metall- und elektrogewerblichen Betriebe verdeutlicht den weiterhin stabilen Geschäftsverlauf. Der immense Preisdruck drückte allerdings die Stimmung in diesem Bereich. Die internationalen Krisen haben sich der Umfrage zufolge vergleichsweise nur schwach auf diese Unternehmen, die als Zulieferer sowie stark im Export tätig sind, ausgewirkt. „Manche Beeinträchtigungen konnten abgefedert oder durch die Gewinnung neuer Kunden abgefedert werden“, meinte Niemand. Dass dieser Boom auch Auswirkungen auf den Beschäftigungssektor haben musste, wurde in der Umfrage ersichtlich. Jeder sechste Betrieb stellte zusätzliches Personal ein. Die Gewinnung von Arbeitskräften gestaltet sich aber immer schwieriger. „Der Beschäftigungsaufbau wird durch den ersichtlichen Fachkräftemangel eingebremst“, brachte es Kluft auf den Punkt. Meinolf Niemand formulierte es so: „Der Arbeitsmarkt ist leergefegt, obwohl die Karrierechancen für den Nachwuchs überdurchschnittlich sind.“ Niemand setzt vor dieser Entwicklung verstärkt auf die Ausbildungsbotschafter, die auf Augenhöhe in Schulen für das Handwerk werben. Rund 100 sind derzeit im Einsatz. Das boomende Handwerk sitzt besonders im Hochsauerlandkreis, der erneut Spitzenreiter unter den fünf Kreisen im Kammerbezirk wurde. Zwei Gründe wurden dabei als entscheidend eingestuft: Die Tourismusbranche hat sich in den letzten Jahren positiv gewandelt und setzt nicht nur auf den Winter, sondern ist inzwischen „Ganzjahres-Anbieter“. Hinzu kommt ein richtig ausgewogener Mix an Handwerksbetrieben. Bei den anderen vier Kreisen ergibt sich ein differenziertes Bild. Olpe und Siegen-Wittgenstein punkten vor allem bei der Geschäftslage und den Investitionen. Das gilt auch für die Auftragsentwicklung. Unterdurchschnittlich ist in beiden Kreisen die Personalentwicklung. 

„Betriebe wollen weiter investieren“ 

Die Zukunft der Betriebe wird in der Umfrage ebenfalls positiv beurteilt. „Es wird weiter boomen, es gibt keine Trendumkehr“, sagte Niemand. „Die Betriebe wollen investieren. Stichwort ist die Wirtschaft 4.0. Alle wollen diesen Schritt machen und sich zukunftssicher aufstellen.“ Zur Zukunft des Handwerks gehören natürlich auch die politischen Rahmenbedingungen. Von der neuen Landesregierung wünscht sich Kammerpräsident Willy Hesse eine Stärkung der Wirtschaft, einen Ausbau der Gewerbegebiete und eine Verbesserung der Infrastruktur. „In den letzten Jahren hatte der Umweltschutz Vorrang vor der Wirtschaft. Natürlich setzt sich das Handwerk für die Umwelt ein, aber die Wirtschaft darf nicht gelähmt werden.“ Ein Dorn im Auge ist Hesse und Niemand der „Bürokratiewahn“ in NRW. „Die überbordende Bürokratie muss abgebaut werden. Es kann nicht sein, das für zwei bis drei Seiten Ausschreibung 60 Seiten an Vorbedingungen beachtet und unterschrieben werden müssen“, meinte Hesse. „Viele Handwerker haben sich aus öffentlichen Ausschreibungen zurückgezogen.“ Niemand forderte die Abschaffung des seit fünf Jahren geltenden „Tariftreue- und Vergabegesetzes NRW“. „Natürlich sind wir tariftreu und arbeiten nachhaltig. Aber das Gesetz ist ein Beispiel für Bürokratiewahn ohne Ende.“ Erfreut zeigten sich Hesse und Niemand, dass die sich formierende neue NRW-Landesregierung eine Arbeitsgruppe Handwerk eingerichtet hat. Nicht ohne Stolz präsentierte der Leiter der KfZ-Technik, Werner Köster, die neuen Ausbildungsräume im KfZ-Zentrum vor. Vier multifunktional nutzbare Schulungsräume und zwei Werkstätten sind die Kernbereiche. „Wir haben im letzten Jahr wieder mehr Ausbildungs-Abschlüsse zu verzeichnen. Aber viele Lehrstellen sind unbesetzt. Der Nachwuchs wird bei uns bestens geschult. Hier geht es nicht mehr nur um Wartung, sondern um knifflige Arbeiten.“

www.hwk-swf.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare