Möhnekatastrophe jährt sich zum 75. Mal

Neheim erinnert mit Gottesdienst und Ausstellung an hunderte Opfer der Möhnewiesen

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Die gewaltigen Wassermassen, die von den englischen Bomben entfesselt wurden und auch den damals Ärmsten und Schwächsten, den Zwangsarbeiterinnen auf den Möhnewiesen den Tod durch Ertrinken brachte, sollen nicht vergessen werden.

Neheim. Die Zerstörung der Möhnetalsperre jährt sich in der Nacht vom heutigen Mittwoch, 16., auf den 17. Mai zum 75. Mal. Eine Flut wälzte sich durch die Täler von Möhne und Ruhr. Sie richtete beachtliche Zerstörungen an und tötete viele Menschen. Mit verschiedenen Veranstaltungen wird in den nächsten Tagen in Neheim an die Katastrophe erinnert.

Allein in Neheim starben fast 859 Menschen, darunter 712 Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene. „An eines der schlimmsten Ereignisse der Neheimer Stadtgeschichte zu erinnern und zugleich für Frieden zu mahnen, ist eine Verpflichtung, verbunden mit der Hoffnung, dass die Menschen aus der Geschichte lernen“, betont die Stadt Arnsberg. So findet am Donnerstag, 17. Mai, in der Kirche St. Johannes ein ökumenischer Gedenkgottesdienst mit einer Schweigeminute an der Gedenksteele neben der Kirche statt. Um 12.30 Uhr wird auf dem Möhnefriedhof ein Kranz zum Gedenken an die Opfer niedergelegt. Zur Erinnerung an die Katastrophe hat der Heimatbund Neheim-Hüsten eine Ausstellung mit historischen Fotos aufbereitet. Sie wird am Freitag, 18. Mai, um 17.30 Uhr im Fresekenhof eröffnet.

Künstlerin Astrid Breuer erläuterte das zweijährige Projekt bei der Vernissage.

Mit den Opfern der Möhnewiesen beschäftigt sich die am vergangenen Wochenende eröffnete Ausstellung, die Künstlerin Astrid Breuer zusammen mit Schülern des St. Ursula Gymnasiums gestaltet hat. Die Erinnerung muss die Generationen überdauern. Die gewaltigen Wassermassen, die von den englischen Bomben entfesselt wurden und auch den damals Ärmsten und Schwächsten, den Zwangsarbeiterinnen auf den Möhnewiesen den Tod durch Ertrinken brachte, sollen nicht vergessen werden. Die Künstlerin Astrid Breuer, ansässig im Kunstwerk in Neheim, wurde durch die Geschichtswerkstatt und deren Dokumentation ‚Zwangsarbeit Arnsberg‘ auf das Schicksal der Frauen aufmerksam. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai geschah das unerwartet Furchtbare, das sich jetzt, im Jahr 2018 zum 75. Mal in die Erinnerung ruft. Die Frauen in ihren Baracken waren der kommenden Flutwelle hilflos ausgeliefert. „700 Zwangsarbeiterinnen sind damals ertrunken. Diese Frauen hatten bisher keine Präsenz in der Stadt. Dr. Fritz Göke stellte uns die Karteikarten mit Fotos der Zwangsarbeiterinnen, die dann als Vorlage dienten, zur Verfügung. Bei einigen dieser Originaldokumente stand der Zusatz ‚bei Wasserkatastrophe ertrunken‘. Diese 17 Fotos dieser meist jungen Frauen stehen in diesem Projekt stellvertretend für die anderen, meist weiblichen Opfer“, erklärte Astrid Breuer, die die SUG-Schüler maßgeblich bei dem Projekt betreute. 

"Ohne Leid und Angst vor dem Tod"

Herausgekommen sind Arbeiten, die den Betrachter zutiefst bewegen – so auch die rund 200 Besucher der Vernissage am Sonntag. Die dazu gehörigen Texte, jeweils von den Gestaltern der Fotos geschrieben, zeigen auf, wie sehr sich die Schüler in die Frauen hinein gedacht haben. Jeweils ein Originalfoto steht neben einem von den Schülern gestalteten Foto: Da ist zum Beispiel Motrja, ein fünfzehnjähriges Mädchen. Die Schülerin Lea Bauer hat sie als alte Dame dargestellt, die sie einmal hätte werden können. „So bist du viel greifbarer und realer, als auf dem Passfoto deiner Karteikarte.“ Chiara Neuhaus stellte das 22-jährige Mädchen Lisa als Adelige dar. „Du solltest noch einmal aussehen wie eine junge Frau, die ihr gesamtes Leben noch vor sich hat. Alle sollen auf dieses Portrait schauen und sich vorstellen, wie du vor ihnen stehst, ohne Leid und Angst vor dem Tod.“ 

Das junge Mädchen Motrja wird in der Ausstellung als alte Dame dargestellt. Foto: Gaby Decker

Um den Gästen vor Augen zu führen, in welcher Enge und Armut die Zwangsarbeiterinnen leben mussten, hatte der Vater von Astrid Breuer, Peter Breuer, ein Modell der Baracken angefertigt. „Unvorstellbar“ war aus den Reihen der Betrachter zu hören. Unvorstellbar waren auch die Zustände in den Baracken. Liest man in dem Heft zur Ausstellung, waren Arbeitsbedingungen (58 Stunden in der Woche) und Entlohnung, Verpflegung (Krautsuppe, die den Namen nicht verdiente), Unterbringung (Betten aus Brettern zusammengenagelt) und die Hygiene, die keinesfalls den Anforderungen entsprach, alles in allem schon eine Katastrophe. Die Schülerin Sarah Feldmann beschäftigte sich im Projekt mit dem Bild der 51-jährigen Katharina und verlieh ihrem Werk eine persönliche Note, in dem sie Abdrücke vom eigenen Gesicht und den eigenen Händen anfertigte. „Wasser, der Quell allen Lebens, nimmt Leben. Ich hoffe, dass ich dir, liebe Katharina, ein würdiges Gedenken bereitet habe und du nie vergessen wirst.“ 

Allen Arbeiten ist eines gemeinsam, sie wollen den Frauen die Würde zurückgeben. Norbert Runde, vom Vorstand der Bürgerstiftung, die das Projekt finanziell unterstützte, brachte dies zum Ausdruck: „Mit dieser Darstellung der Frauen, die mit brachialer Gewalt verschleppt wurden und ein würdeloses Leben führen mussten, ist ihnen die persönliche Würde wieder zurück gegeben worden.“ Auch Bürgermeister Bittner machte klar: „Es ist ein würdiges Andenken an die Opfer geschaffen worden. Ich bin tief berührt von diesen Bildern“. 

Geöffnet ist die Ausstellung bis Mitte Juli, Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr im Kunstwerk, Neheim, Möhnestraße.

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