„Einsamkeit ist nicht peinlich“

Neheimer Netzwerk „Zusammen satt Einsam“ plant Offenen Treff

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Für Einsamkeit gibt es viele Gründe – das Netzwerk möchte Betroffenen helfen.

Neheim. Zurückgezogen zu Hause sitzen, während andere sich in der Stadt zum Bummeln treffen, sich austauschen, Spaß haben, ihr Leben in vollen Zügen genießen, an der Gesellschaft teilhaben – „Einsamkeit in Neheim, gibt es das überhaupt?“ Das war eine der Fragen, die Claudia Fischer, Gemeindereferentin der Pfarrei St. Johannes Baptist Neheim und Voßwinkel, gestellt wurden, nachdem die Kampagne „Einsam oder Allein“ im Rahmen des Netzwerkes „Zusammen statt Einsam“ Ende 2017 mit einer Plakat- und Postkartenaktion gestartet wurde. Im Gespräch mit dem Sauerlandkurier berichten Claudia Fischer und Jutta Schlinkmann-Weber, Koordinatorin der Caritas Arnsberg Sundern, von den Reaktionen auf die Kampagne und geplanten Projekten und Ideen des Netzwerks.

„Es gibt viele Gründe, warum jemand einsam ist. Das kann eine Person sein, die einen Angehörigen pflegt und mit dieser Aufgabe rund um die Uhr eingespannt ist. Oder eine arme Person, die kein Geld für Kino- oder Restaurantbesuche hat und sich daher zurückzieht“, erklärt Fischer. Einsamkeit sei immer ein Thema. 

Das Netzwerk „Zusammen statt Einsam“ möchte Menschen aus der Isolation herausholen. Es ist im Rahmen des aktuellen Modellprojekts „Pastoral vernetzt“ des Erzbistums Paderborn entstanden, das die Arbeit von Netzwerken im pastoralen Raum untersucht. Auf Initiative der Pfarrei St. Johannes Baptist trafen sich im Jahr 2017 sozial-caritativ tätige Akteure im Sozialraum Neheim, um Arbeitsschwerpunkte vorzustellen und zu schauen, bei welchen Themen noch Bedarf besteht. „Dabei haben wir festgestellt, dass bei allen Einsamkeit irgendwie ein Thema ist. Diese Problematik steht zwar nicht offiziell auf der Aufgabenliste, aber es beschäftigt trotzdem irgendwie jeden. Da waren erst einmal alle ratlos“, erinnert sich die Gemeindereferentin. 

Aus dieser anfänglichen Ratlosigkeit heraus entstand dann die Idee, ein Netzwerk zu gründen, das sich gegen Vereinsamung einsetzt. Mit der Kampagne „Allein oder einsam“ sollte die Thematik publik gemacht werden. Plakate mit bekannten Neheimer Persönlichkeiten und Postkarten sollten die Bürger sensibilisieren und Betroffene ermutigen, sich zu melden.  

Zahlreiche Anrufe zu Beginn 

Zu Beginn der Kampagne gingen zahlreiche Anrufe auf der Rufnummer ein, die auf den Postkarten und Plakaten hinterlegt war. „Es haben sich Menschen gemeldet, die einsamen Personen helfen wollten, aber auch Betroffene“, berichtet Fischer. Zwei hat sie mehrfach zu Hause besucht. „Ich war bei einer Frau, die einfach mal jemanden zum Reden gebraucht hat, über Gott und die Welt, und bei einem Mann, der mir von seinem Leben erzählt hat.“ Die Beiden seien von Anfang an sehr offen gewesen. „Menschen, die mit der Kirche zu tun haben, stoßen entweder auf totale Ablehnung oder genießen sofort vollstes Vertrauen. In den beiden Fällen hatte ich tatsächlich einen Vertrauensvorschuss“, freut sich die Gemeindereferentin. 

Menschen zu finden, die vereinsamt sind und damit offen umgehen, sei allerdings für das Netzwerk generell ein großes Problem. „Wie soll man an die Menschen herankommen, die nicht aus ihren vier Wänden herausgehen? Jeder, der da eine Idee hat, stößt bei uns auf offene Ohren“, so Fischer. Als Gemeindereferentin sei sie häufig in Neheim unterwegs und treffe auf den Straßen auch Menschen, die isoliert sind. „Mit denen kann man dann natürlich ins Gespräch kommen. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Situation nicht zugeben möchten. Jeder sollte aber wissen, Einsamkeit ist nicht peinlich, Einsamkeit ist keine Schande“, betont die engagierte Neheimerin. 

Claudia Fischer (links) und Jutta Schlinkmann-Weber möchten Menschen aus der Einsamkeit hinein in das gesellschaftliche, soziale Leben holen. Foto: Daniela Weber

Für alle, die aus ihrer Abgeschiedenheit herauskommen möchten, plant das Netzwerk aktuell die Einrichtung eines Offenen Treffs. „Das soll so ähnlich wie das Mehrgenerationenhaus in Arnsberg sein. Wir suchen dafür auch Ehrenamtliche, die Aktivitäten wie Singen, Zeichnen etc. anbieten möchten“, erklärt Jutta Schlinkmann-Weber. Aktuell wird noch an dem Konzept für das Projekt gearbeitet. Damit jeder teilnehmen kann, soll das Angebot kostenlos sein. „Wir sind da noch in den Anfängen, aber das Projekt wird auf jeden Fall realisiert. Das steht fest. Es soll ein offener Ort sein, der für jede Altersklasse und Angehörige jeder Religion einen Platz hat“, so die Caritas-Koordinatorin. 

Denn Einsamkeit betreffe jeden. Für vereinsamte Bürger, die keinen persönlichen Kontakt zu anderen Menschen aufbauen möchten, steht die Idee von Telefonpatenschaften im Raum. „Es gibt ja Menschen, die nicht wollen, dass andere ihre Wohnung betreten. Durch die Telefonpatenschaften haben sie dann eine feste Person, mit der sie regelmäßig telefonieren ohne zu viel Nähe zu haben“, erklärt Claudia Fischer. Es gehe aber auch nicht nur darum, fremde Menschen zusammenzubringen, sondern auch darum, Bürger zu sensibilisieren, ihr persönliches Umfeld mit offenen Augen zu betrachten. „Wir leben ja recht anonym. Man hat nicht zu jedem Nachbarn Kontakt, oft beschränkt sich das Miteinander unter Arbeitskollegen auch nur auf die Arbeitszeit“, so die Gemeindereferentin. 

„Menschen sind nicht gerne allein“ 

Einen „Aha-Effekt“ hatte sie in dem Zusammenhang nach der Verteilung der Postkarten in den Neheimer Geschäften. „Eine Ladenbesitzerin meinte: ,Oh das ist ja eine gute Sache. Ich habe von meinem Nachbarn schon lange nichts mehr gehört. Da könnte ich mich ja mal wieder melden.’ Es wäre schön, wenn dieser Gedanke bei vielen Menschen ankommen würde.“

An Ideen und Zielen mangelt es dem Netzwerk also nicht: „Es ist allerdings kein Selbstläufer. Es fehlt aktuell noch etwas das Empfinden, dass da etwas in Gang gebracht wurde“, bedauert Fischer. Dennoch sehe sie das Projekt durchaus positiv. „Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn Menschen in Beziehungen zueinander sind. Einsamkeit macht ja bekanntlich auch krank. Menschen sind einfach von Natur aus nicht gerne allein“, sind sich Claudia Fischer und Jutta Schlinkmann-Weber einig. Durch das Netzwerk gebe es die Chance, etwas zu bewirken, da jeder Anregungen mit einbringt und jeder Leute kennt, die entweder von Einsamkeit betroffen sind oder sich engagieren wollen. 

Aktuell sind etwa 15 Netzwerkpartner dauerhaft involviert und weitere 15 gelegentlich. „Wir wissen natürlich, dass wir aus Neheim keine große Familie machen können. Aber es wäre schön, zumindest ein paar Menschen zusammenzubringen“, so die beiden Engagierten abschließend. 

Weitere Informationen zum Netzwerk gibt es auf derSeite des Netzwerkes.

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