„Gefahr ist nicht gebannt“

Rekordkosten von 30 Millionen Euro für Rückbau der Altablagerung am Lattenberg

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Gebiete unterhalb der Altablagerung am Lattenberg wie hier am Rittergut Wildshausen müssen schon seit Jahren mit der Gefahr des Abrutschens der Fläche leben.

Arnsberg/Lattenberg. Das ganze Ausmaß der notwendigen Arbeiten steht noch längst nicht fest: Derzeit laufen gerade erst die Erkundungen an der Altablagerung am Lattenberg mit Zellstoffrückständen aus der Produktion der ehemaligen Westfälischen Zellstoff AG in Arnsberg. 2016 hatte der NRW Landtag den Rückbau beschlossen. Nun haben sich die Experten genauer damit beschäftigt, wie dieser vonstatten gehen könnte. Wie lange die Arbeiten dauern ist jedoch noch ungewiss, für das in der NRW-Geschichte einmalige Projekt stehen bislang 30 Millionen Euro einschließlich Rekultivierung der Fläche zur Verfügung.

„Die Standsicherheit der Altablagerung kann nicht gewährt werden, es gibt eine konkrete Gefährdung“, sagte Jürgen Schüssele, Fachgebietsleiter bei Wald und Holz NRW, bei der Vorstellung des Vorhabens. Bereits im Bezirksausschuss Oeventrop war ein Teil der Pläne vorgestellt worden, jetzt ist ein europaweit tätiges Büro mit der Planung beauftragt worden. Derzeit wird ein Sanierungsplan erarbeitet. Am Rückbau der Altablagerung ist eine Projektgruppe mit Wald und Holz NRW, Land NRW, Hochsauerlandkreis und Bezirksregierung Arnsberg beteiligt. „Auf dem Gelände ist bereits ein Damm angelegt worden, die Gefahr des Abrutschens ist jedoch nicht gebannt“, erklärte Wolfram Kaiser vom Büro CDM Smith. Vor allem das Eindringen von Wasser könne die Altablagerung instabil machen, weshalb die Arbeiten nur unter strengster Überwachung durchgeführt werden können. 

Bereits 2016 waren Wanderwege am Lattenberg wegen der Gefahr eines weiteren Abrutschens gesperrt worden. Seit November letzten Jahres laufen nun 18 Bohrungen, um sich überhaupt einen Überblick über das abgelagerte Material und die Konsistenz des Bodens machen zu können. Die Bohrungen werden bis auf eine Tiefe von 6 bis 17 Metern durchgeführt und sollen über die gesammelten Bohrkerne ein Ergebnis zum abgelagerten Material bringen. „Wir legen während der Arbeiten besondere Sorgfalt in die Sicherung der Arbeitskräfte vor Ort“, so Kaiser. Weil die chemischen Prozesse in der Altablagerung zwar nicht giftig seien, aber die Ausdünstung von Schwefelwasserstoff zu einer Geruchsbelästigung und sogar Gefährdung der Arbeiter führen könne, werde die „Baustelle“ an den Bohrlöchern stets belüftet. Zudem tragen die Arbeiter einen extra belüfteten Helm sowie Einwegkleidung. 

Testfeld soll bis Sommer 2019 errichtet werden

Stärker noch als die austretenden Gase kann das eindringende Wasser in die Altablagerung die Arbeiten gefährden. „Deshalb gibt es am Arbeitsplatz den dritten Mann, der nur die Aufgabe hat, die Wasserstände zu überwachen“, erklärt Wolfram Kaiser. Das Wasser, das mit den Ablagerungen in Berührung gekommen ist, wird speziell gesammelt und an eine Kläranlage geleitet. Der Stand des Grundwassers wird von verschiedenen Messstellen aus stetig überwacht. 

Um sich einen Eindruck von den Möglichkeiten des Rückbaus der Altablagerung zu verschaffen, soll bis zum Sommer 2019 ein Testfeld auf dem Gelände eingerichtet und bearbeitet werden. „Hier kann dann der Rückbau in kleinem Maßstab getestet werden“, so Kaiser. Noch ist nicht klar, wie zum Beispiel Arbeitsgeräte in der teilweise steilen Hanglage gesichert werden können oder über welche Entsorgungswege das Material abtransportiert werden kann. 

10.000 Lkw-Ladungen Material 

Die Dimensionen des Projektes sind gewaltig und in NRW bislang einmalig. Auf der rund drei Hektar großen Fläche müssen 250.000 Kubikmeter gelagertes Material abtransportiert werden, dafür sind geschätzt rund 10.000 Lkw-Bewegungen nötig. „Unser oberstes Ziel ist es, die Maßnahme ohne große Belastungen der Anwohner durchführen zu können“, erklärte Jürgen Schüssele. So sei bereits ein Weg über den so genannten Enster Knick durch den Wald auf die Bundesstraße 55 geprüft worden. Eine Genehmigung zur Nutzung dieser Strecke stehe aber noch aus. 

Selbst wenn der Abbau vor Ort funktioniert, ist noch nicht klar, was mit den ehemals abgelagerten Zellstoffen passieren kann. Fest steht nur, dass das Material nicht auf eine Deponie verbracht werden kann. „Wir setzen auf eine intelligente Entsorgung“, so Schüssele. Das heißt, wenn sich ein Teil des am Hang entsorgten Materials wieder verwenden und damit verkaufen lasse, könne der Kostenrahmen leicht unterschritten werden. Ein Großteil des Materials wird aber wohl verbrannt („thermisch verwertet“) werden müssen. 

Über die Dauer der Maßnahme kann noch keine verlässliche Auskunft gegeben werden. Nach jetzigem Plan sollen die Erkundungsarbeiten über das Testfeld in diesem Jahr abgeschlossen werden. Mit dem Abtransport des ersten Materials werde also erst in 2020 begonnen werden können. Eine zeitliche Prognose bis 2022 wurde als „sehr sportlich“ bezeichnet und ist von vielen Faktoren abhängig. Vor allem das Wetter wird eine große Rolle spielen. Zuviel Regen könne die zeitlichen und technischen Abbaupläne erheblich beeinflussen.

Hintergrund 

In den Jahren 1967 bis 1987 war das Material in einem Waldgebiet am Lattenberg mit Genehmigung abgekippt worden. Sowohl das abgelagerte Material als auch seine Hanglage gilt als sehr instabil. Bereits Ende der 1980-er Jahre war es zu einem Abrutschen gekommen, woraufhin ein Damm errichtet worden war. Mit Beschluss von 2016 hat der Landtag NRW entschieden, die komplette Altablagerung wieder zurück zubauen.

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