Im falschen Körper geboren

Arnsberger Elternpaar ruft Selbsthilfegruppe für transidente Menschen ins Leben

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Reiner und Rina Waschkowitz haben zwei transidente Kinder und bauen jetzt eine Selbsthilfegruppe auf.

Arnsberg/Hochsauerland. Transidente Kinder brauchen den Schutz und die besondere Hilfe ihrer Familie. Sie sind mit einem Geschlecht zur Welt gekommen, das nicht das ihre ist. Sie kommen zur Welt und spüren schon sehr früh, dass irgend etwas nicht stimmt. Unsichere Kinder beginnen sich zu verschließen, ziehen sich zurück.

Die Eltern ahnen vielleicht etwas, wissen aber eben so wenig damit umzugehen. Rina Waschkowitz hat zwei transidente Kinder und weiß, wovon sie spricht und weiß auch, wie schwer es die Familien haben. Jetzt hat sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, um andere zu unterstützen und den Familien auf zu zeigen: „Ihr seid nicht allein, es gibt andere mit den gleichen Problemen.“ 

Bei ihrem Jungen beobachtete sie schon früh, dass er immer wieder zu den „Mädchenspielsachen“ griff. Die Lieblingsfarbe des kleinen Jungen war eindeutig rosa und er liebte alles was glitzerte. Rina Waschkowitz und ihr Mann bekamen nur langsam eine Ahnung von dem, was mit dem Kind los war. Deutlich wurde es nach dessen sechstem Geburtstag. Der Schuhkauf für die Einschulung stand an. Das Kind stürzte sich auf rosa Lackschuhe. Nach einigem hin und her gab es die Erlaubnis für die rosa Lackschuhe. „Aber ein paar andere für die Schule müssen noch her“, bestimmte die Mutter damals. Als die Familie wieder im Auto saß, kam der Satz, der für die Familie vieles verändern sollte. Von der Rückbank kam eine deutliche Ansage: „Ich bin ein Mädchen und ich heiße ab sofort Lilly.“ 

„Das Schönste ist, wenn sie lächelt“

Dass dies nicht nur eine Laune des Kindes war, wurde den Eltern sofort klar. Zu vieles hatte in der Vergangenheit schon darauf hingedeutet. „Wir erziehen unsere Kinder zu selbstbewussten Menschen , die wissen, dass sie mit allem zu uns kommen können und sie über alles mit uns reden können“, erklärt Rina Waschkowitz. Das hatte wohl auch den Ausschlag gegeben, dass die kleine Lilly sich frank und frei zu einem Mädchen erklären konnte.
Dass bei einem ihrer großen Kinder etwas nicht stimmte, hatten sie nicht geahnt, bis der 27-jährige Sohn vom Studium zu einem freien Wochenende nach Hause kam. Auf die Veränderung der jüngeren Schwester hatte er zunächst verhalten reagiert. „Er kam nach Hause und sah die veränderte Situation. Da traute er sich endlich zu sagen, was mit ihm los sei“, erzählt die Mutter. „Ich wollte mein ganzes Leben schon ein Mädchen, eine Frau sein.“ Der bis dahin verschlossene junge Mann blüht in seinem neuen Leben als Frau auf. „Das Schönste ist, wenn sie lächelt. Das war in der Vergangenheit sehr selten. Langsam kommt der Mensch hervor, der sie immer sein wollte, das ist für uns sehr beglückend“, erklärt Rina Waschkowitz. 

Beide Kinder der Familie können sich der vollen Unterstützung der Eltern sicher sein. „Wir haben kaum negative Reaktionen bekommen, weder bei Freunden noch in der Schule oder im Kindergarten.  Das war bei beiden Kindern so“, freuen sich Reiner und Rina Waschkowitz. Der Weg, der vor ihnen allen liegt, wird allerdings nicht leicht sein. „Allein für die Kleine einen Kinderarzt zu bekommen, war nicht einfach. Viele fühlen sich einfach überfordert mit diesem Thema. Bei den Therapeuten herrscht auch heute vielfach der Vorwurf vor, dieses Verhalten sei dem Kind anerzogen, die Eltern drängen das Kind in eine Richtung. Das ist Quatsch, niemand würde sich selbst oder seinem Kind so etwas antun“, ist sich die Mutter sicher. Wichtig ist ihr, auch darauf hinzuweisen, dass es sich bei transidenten Menschen nicht um eine sexuelle Orientierung handelt, sondern lediglich um den Willen, ein anderes Geschlecht anzunehmen. Die Kinder und auch die Erwachsenen müssen auf ihrem Weg zum anderen Geschlecht eine begleitende Psychotherapie machen. Zunächst aber führt der Weg zu einem Endokrinologen, der den Hormonstatus bestimmt. Bis zur geschlechtsangleichenden Operation, die aber noch längst nicht jeder für sich in Anspruch nimmt, ist es dann noch ein weiter Weg, der über viele Fachärzte führt. Wird schon vor der Pubertät klar, dass das Kind dem anderen Geschlecht angehören möchte, werden Blocker eingesetzt, die die Pubertät unterdrücken. „Dadurch wird dem Kind schon einmal vieles erspart“, macht Rina Waschkowitz klar. 

„Der Mensch bleibt ja“ 

„Das Problem ist, dass den Kindern oft nicht geglaubt wird. Äußerungen werden oft einfach abgetan. Hier fehlt der Respekt vor den Kindern, die sich meist sehr klar und bestimmt ausdrücken können. Natürlich ist es auch für die Eltern nicht leicht, das Ganze zu verarbeiten. Am Anfang ist bei den Eltern auch oft Trauer im Spiel, denn sie verlieren ja den Sohn oder die Tochter, aber sie bekommen ja etwas wieder. Der Mensch bleibt ja, eben nur mit einem anderen Geschlecht.“

Hintergrund und Kontakt 

Rina Waschkowitz ist Ansprechpartnerin für die geplante Selbsthilfegruppe für transidente Menschen und deren Angehörige: Telefon 02931/529587 oder Whats App 0175/6429564. oder bei der AKIS im HSK, die diesen Gesprächskreis unterstützt, unter Telefon 02931/5483342 oder 02931/9638105, oder per E-Mail an selbsthilfe@arnsberg.de, gebeten.
Anfragen werden selbstverständlich vertraulich behandelt. Nach Eingang der Anmeldungen wird zum ersten Treffen eingeladen. 

Rina Waschkowitz hat eine Ausbildung als Seelsorgerin und ist beratend tätig bei TraKINE (Trans-Kinder-Netz) und bei dgti (Deutsche Gesellschaft für Transidentiät und Intersexualität). TraKINE fordert unter anderem die Abschaffung der Diagnose von Trans* als Erkrankung, Störung oder Dysphorie. Abschaffung der Zwangstherapie bei gleichzeitig freiem Zugang zu allen Maßnahmen des Gesundheitssystems und die Sicherstellung der Übernahme der Kosten durch gesetzliche und private Krankenkassen. Weiter Informationen unter www.trans-kinder-netz.de

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