„Er hat mich einfach nicht mehr erkannt“

Welt-Alzheimertag: Sauerländerin gibt persönlichen Einblick in Leben mit erkranktem Ehemann

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Über das Zusammenleben mit ihrem an Alzheimer erkrankten Ehemann berichtet eine Seniorin anlässlich des Welt-Alzheimertages.

Wenn ein Mensch an Alzheimer erkrankt, ist auch für die Angehörigen nichts mehr wie es einmal war. Der geliebte Mensch verändert sich und der sonst unbeschwerte Alltag wird für die betroffenen Familien zur Herausforderung. Anlässlich des Welt-Alzheimertages am heutigen Montag, 21. September, hat eine betroffene Angehörige aus Neheim dem SauerlandKurier ihre Geschichte erzählt. 

Neheim – Als Hildegard M. (Name von der Redaktion geändert) eines Abends mit ihrem Ehemann im Wohnzimmer saß, merkte sie, dass mit ihrem Mann irgendetwas nicht stimmte. „Er hat sein Glas direkt an die Kante vom Tisch gestellt, so dass es gar nicht sicher auf dem Tisch stand. Das war irgendwie unbewusst. Er hat wohl irgendwie die Entfernungen nicht mehr richtig einschätzen können“, blickt die 81-jährige Neheimerin nachdenklich auf die Anfangszeit der Alzheimer-Erkrankung ihres fünf Jahre älteren Mannes zurück.

Die Krankheit fing schleichend an. Dass ihr Mann an Alzheimer, der häufigsten Form der Demenz erkrankt sein könnte, hat sie daher erst nach und nach realisiert. Denn im Alter sei es ja nicht unüblich, dass das Gedächtnis etwas nachlasse und man mal etwas verwirrter sei.  Doch immer häufiger passierten Dinge, die über das „Normale“ hinausgingen und die bei Hildegard M. die Frage aufwarfen: „Ist mein Mann dement?“

Zahnpasta mit Make-up verwechselt

So fand die sympathische Rentnerin einmal eine Bohrmaschine im Ehebett. „Manchmal verlegt er Sachen und es ist dann irgendwie auch lustig, wenn man diese dann an den unmöglichsten Stellen wiederfindet.“ Auch dass ihr Mann manchmal das Make-up mit der Zahnpasta verwechselt, entlockt der Neheimerin ein Schmunzeln. Man müsse ja schließlich trotz allem gelassen bleiben. Doch gelassen zu bleiben, das sei gar nicht immer so einfach. „Anfangs habe ich versucht ihm begreiflich zu machen, was er nicht richtig macht. Ich war dann auch manchmal genervt, wenn er nicht verstanden hat, was ich ihm sage.“ Situationen, die für beide nervenzehrend gewesen seien.

Ihr Blick wird zunehmend ernster, als sie an einen Tag zurückdenkt, der wohl das „eindeutigste Anzeichen“ für die Erkrankung aussandte. „,Wo ist denn Mama‘, fragte er mich dann eines Tages.“ Mit „Mama“ war Hildegard M. gemeint. „Er hat mich einfach nicht mehr erkannt“, seufzt sie. Ein Moment des Schocks übermannte sie damals.

Familie kommt an ihre Grenzen

Drei Jahre sind vergangen, seitdem die Rentnerin erfahren hat, dass ihr geliebter Ehemann an Alzheimer erkrankt ist. „Man muss sagen, dass aber auch nicht jeder Tag gleich ist. Manchmal hat er auch wirklich gute Momente. Es ist oft so, als würde jemand einen Schalter umdrehen. Plötzlich weiß er dann nicht mehr, wer ich bin und auch nicht, dass seine Kinder verheiratet sind.“ Wenn die Kinder mit ihren Ehepartnern zu Besuch kämen, wisse er aber schon, wer da vor ihm stehe. Auch für die Kinder sei es schwierig, ihren Vater so zu erleben, so „unberechenbar“, mal fast wie früher und dann wieder ganz anders, zurückgezogen, vergesslich, verwirrt. „Wir kommen da alle an unsere Grenzen“, gibt die Neheimerin zu.

Denn auch die Persönlichkeit ihres Mannes habe sich stark verändert. Der einst gesellige und gesprächige Mann habe sich zu einer ruhigen Person gewandelt. „Wenn wir Besuch haben, ist er total still. Anfangs hat er noch versucht, den Gesprächen zu folgen, aber als er dann gemerkt hat, dass es nicht so einfach und auch lästig ist, hat er damit aufgehört“, sagt Hildegard M. mit traurigem Blick.

„Ich möchte ihn zu Hause auch nicht einsperren“

Manchmal werde er auch aggressiv. „Er will dann einfach seinen Willen durchsetzen.“ So lässt die 81-Jährige ihren Mann dann auch mal alleine losziehen. „Das will er und ich möchte ihn hier zu Hause auch nicht einsperren.“ Was bleibt, wenn ihr Mann alleine unterwegs ist, ist ein mulmiges Gefühl. „Einmal ist er unterwegs gestürzt und Passanten haben ihn dann gefunden. Zum Glück hat er seinen Notfallpiepser immer mit dabei“, so Hildegard M., der damals sprichwörtlich „das Herz in die Hose gerutscht“ sei.

Alleine würde sie diese „tägliche Herausforderung“ nicht meistern können. Daher wird sie seit knapp vier Wochen von einer 24-Stunden-Kraft aus Polen unterstützt, die ihrem Mann beim Anziehen, Waschen und anderen alltäglichen Dingen hilft. „Drei Mal die Woche ist er dann auch von morgens bis nachmittags in einer Tagespflegeeinrichtung, wo er mit anderen Erkrankten zusammen ist und Spiele macht, die so ein bisschen die Gehirnzellen anregen“, freut sich Hildegard M.. Die Zeit alleine nutzt sie dann, um neue Kraft zu tanken, eine „richtige Erleichterung“ eben.

Wunsch: „Lebensabend mit meinem Ehemann verbringen“

Wie lange ihr Mann noch bei ihr zu Hause wohnen kann, das weiß sie nicht. Aber eines sei gewiss: „Es ist schön, wenn er abends zu Hause ist und wir hier zusammen sitzen. Denn das ist genau das, was ich will: Meinen Lebensabend mit meinem Ehemann verbringen, egal was passiert“, sagt sie abschließend mit einem Lächeln im Gesicht.

Hintergrund zum Welt-Alzheimertag

  • Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und eine unheilbare Störung des Gehirns. Symptome sind Vergesslichkeit, Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit. Auch die Persönlichkeit und das Verhalten der Betroffenen ändern sich.
  • Der Welt-Alzheimertag findet am 21. September statt. Außerdem ist vom 21. bis 27. September die Woche der Demenz. Unter dem Motto „Demenz – wir müssen reden“ soll über die Krankheit aufgeklärt und informiert werden, um Betroffenen soziale Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen.

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