Bürger beklagen verspätete Information – Initiatoren sehen Nutzen für CO2-Bilanz

Windenergie-Projekt in Arnsberg sorgt für Unmut: Das sagen Initiatoren und Gegner

Windräder Wennigloh Protest Bürger
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„Keine Windräder in Wennigloh“: Jürgen Grimm, Dirk Quednau, Ulrike Padberg, Sven Karsch und Josef Reichenbruch (v.li.) gehören zum Kreis der protestierenden Bürger und zeigen das neue Transparent gegen die Windräder.

Ulrike Padberg wohnt seit 25 Jahren im Arnsberger Ortsteil Wennigloh – der Ruhe wegen, wie sie sagt. Ganz bewusst habe sie sich damals für ein Leben auf dem Land entschieden, das sie dann in Wennigloh auch gefunden habe. Seit Wochen gehört sie nun auch zum Kreis der Bürger aus Wennigloh und Müschede, die ihren Protest gegen ein geplante Windenergieanlagen an ihrem Dorf laut werden lassen.

Wennigloh/Müschede - Die Windenergie Wicheln-Müschede will gefühlt an den Dorfgrenzen von Wennigloh zwei der insgesamt vier großen Windräder bauen, die in einem Vergleich von der Protestinitiative als höher als der Kölner Dom beschrieben werden. Für die Bürger drängt die Zeit: Ende November läuft die Einspruchsfrist gegen die Windrad-Pläne aus.

„Ich fühle mich als Bürgerin hintergangen, weil zu spät informiert“, schimpft Ulrike Padberg beim Ortstermin an der Straße „Am Kreuzkamp“. Hier lebt sie mit ihrer Familie in einem Haus, das nach den ihr bekannt gewordenen Planungen für die Windräder direkt in Mitleidenschaft gezogen würde. Dadurch, dass die großen Windräder mit einer Gesamthöhe von 200 Metern nicht nur die bislang unverbaute Aussicht auf Natur- und Grünflächen beeinträchtigen würde, wie Padberg es sieht. Auch die von ihr befürchteten Emissionen in Form von Schall, Licht-Schatten-Wirkung und Betrieb der Windenergie-Anlagen (WEA) verschlechtern in ihren Augen und denen einer Reihe von protestierenden Bürgern der „IG Wennigloh Windradfrei“ den Wert des Lebens im Ort.

Um was geht es? Unter dem Titel „Bürgerwind Müschede-Wennigloh“ will eine künftige Genossenschaft um Wennigloh und Müschede insgesamt vier Windräder mit einer Gesamthöhe von jeweils 200 Metern aufstellen lassen. Im Februar 2016 wurde zunächst eine so genannten Projektierungsgesellschaft gegründet, die noch im gleichen Jahr über konkrete Standorte für die Windräder entschieden hat. Vor dem Hintergrund, dass die Stadt Arnsberg schon 2014 die Konzentrationszonen (also die Windvorrangflächen) aufgehoben hat, wurde beim Hochsauerlandkreis die Genehmigung der vier WEA beantragt. Das Projekt wurde jetzt von Initiator Hubertus Vollmer-Lentmann in einer über dreistündigen Online-Präsentation im Netz auf YouTube vorgestellt.

Genossenschaftliches Modell geplant

„Wir wollen eine Versachlichung des Projektes und sagen, warum es sinnvoll ist“, sagt Hubertus Vollmer-Lentmann im Vorgespräch zur Online-Präsentation. Ziel sei, den Windpark als Investitionsprojekt einer zu gründenden Genossenschaft und damit Bürgerwind-Projekt vorzustellen. Online erfuhren die über den Zeitraum verteilt bis zu 190 Zuschauer des Kanals viele Daten zum Projekt – über die Größe und Leistung wie über die Errichtung und Laufzeit. Planer und Gutachter stellten dazu ihre Ergebnisse vor.

Ein freiwilliges Angebot an die Bürger der Stadtteile, so sieht es der 37-jährige Familienvater, der das Windkraft-Projekt auch mit einer Philosophie betreiben will: Klimaschutz durch Nutzung regenerativer Energie im großen Stil – die vier Windräder würden zusammen 40 Millionen kWh regenerativen Strom im Jahr produzieren, die – so Vollmar-Lentmann – 26.000 Tonnen CO2 einsparen können und Strom für fast die Hälfte der in Arnsberg lebenden Einzelpersonen produzieren könnten.

„IG Wennigloh Windradfrei“ formiert sich

„Ja, wir brauchen regenerative Energie“, sagt Ulrike Padberg, aber für so ein Projekt hätte man doch besser vorher die Menschen ins Boot geholt. Mit ihrem Protest und ihren Einwänden steht sie nicht allein da: Die „IG Wennigloh Windradfrei“ informiert mit weiteren Mitgliedern im Ort. „Unsere Whats-App-Gruppe hat schon 150 Mitglieder – nur in Wennigloh“, sagt David Mannchen, der sich erst jüngst an einer Mahnwache gegen das Projekt in Wennigloh aktiv beteiligte.

„Stellen Sie sich vor, die Fläche der drei Rotorblätter ist so groß wie 2,7 Fußballfelder“, beschreibt Mannchen. Und die Fläche ist es nicht allein: Die Größe, die Höhe der Windräder, ihre Lage bei Wennigloh und der – in den Augen der Bürger – viel zu geringe Abstand der WEA zur Wohnbebauung, Schallwirkung und Auswirkungen auf Flora, Fauna und Lebensqualität – das sind Argumente dagegen, die von den Bürgern detailliert ausgeführt werden.

Auch Logistik bereitet Sorgen

Ein siebenseitiges Informationsschreiben hat die Initiative gegen den Bau der Windräder an den Bezirksausschuss Wennigloh formuliert und mit Bildern und Grafiken versehen. Mit einem bildlichen Größenvergleich wollen sie die Dimension der vier Anlagen im Vergleich zum Kölner Dom (152 Meter) und einer alten Anlage (85 Meter hoch) darstellen. Sorgen bereiten ihnen nicht nur die Windräder, schon an der erforderlichen Logistik üben sie Kritik.

Die nötigen Betonfundamente für das Aufstellen würden Hunderte von Lkw-Touren nach und durch Wennigloh erfordern, die jetzt noch beschaulichen Wanderwege auf über vier Meter verbreitert werden. In vielen Fragen ihres Schreibens stellen sie Transportrouten für den Bau in Frage, bezweifeln die in den Gutachten geschilderte Verträglichkeit der Anlagen mit Landschaft und Natur.

Untersuchung zu Natureinflüssen vorgestellt

In der Online-Präsentation des Projektes hatte Gutachter Dr. Frank Bergen von der „encoda“ GmbH & Co. KG seine Untersuchung zu den Natureinflüssen nach dem Bundesnaturschutz-Gesetz vorgestellt. Mit Blick auf die elf Fledermaus- und 69 Vogelarten, die im Bereich des angrenzenden Naturschutzgebietes leben, sieht das von den Betreibern beauftragte Gutachten nur wenig Gefahr. Und im „Amtsdeutsch“ formuliert – es gebe keinen Verstoß gegen das Tötungsverbot der Tiere. Zum Schutz gefährdeter Arten (wie etwa des Uhus) wurde die Gefahr der Kollision mit den Rotorblättern analysiert. Das verkürzte Fazit seiner Untersuchungen: Auswirkungen auf das „Schutzgut Fauna“ seien zu erwarten, ließen sich aber mit Maßnahmen reduzieren und sprächen somit nicht gegen die WEA.

Hintergrund und Kontakt „Bürgerwind“-Initiatoren

  • Im September 2020 hat die „Windkraft-Wicheln-Wennigloh GmbH & Co. KG“ den vollständige Genehmigungsantrag eingereicht.
  • Die im November geplante öffentliche Informationsveranstaltung ist wegen Corona ins Internet verlagert worden.
  • Aufgestellt werden sollen die Windrad-Modelle „V162“, die Rotorfläche von 20.000 Quadratmetern haben und – laut Hersteller – die Größten in der Modellpalette sind.
  • Die künftigen Betreiber der WEA (wenn genehmigt) weisen auf ihrer Homepage darauf hin, dass die Einhaltung eines Abstands von 1.000 Metern unmöglich und gesetzlich nicht vorgeschrieben sei.
  • Weitere Informationen gibt es unter www.buergerwind-arnsberg.de

Vorwurf: Profit auf dem Rücken der Bewohner aus zwei Dörfern zu machen

Dirk Quednau aus dem Kreis der protestierenden Bürger sieht das anders: „Die Windräder liegen nur in 300 Metern Entfernung zur Grenze des FFH-Gebietes (Flora Fauna Habitat, d.R.)“, so Quednau. Er kritisiert das vorgelegte Gutachten als lückenhaft und unseriös. „Ich habe große Zweifel an der Neutralität der Ergebnisse“, so der Bürger. Schon vorhandene Stromleitungen im geplanten Aufstellungs-Gebiet der Räder, aber auch der Steinbruch Lanwehr in der Nähe seien bei der Einschätzung wohl kaum berücksichtigt worden. „Zudem ist auch die Fläche als Naherholungsgebiet für die Menschen nicht gewürdigt worden“, sagt Quednau. Täglich gehen hier viele Menschen mit und ohne Hund spazieren.

Naturschutz, Lebensqualität – Josef Reichenbruch aus Müschede, das ebenfalls Standort von zwei Windrädern sein soll, hält vor allem die aktuelle rechtliche Unsicherheit bezüglich der Abstände zu den Häusern für das Grundproblem. „Eine politische Entscheidung darüber steht noch aus“, sagt der Senior, die Zulassungsbehörde sollte die Entscheidung über die Anträge zur Errichtung zurückstellen bis über die Länderöffnungs-Klausel entschieden sei, das heißt die minimal nötigen Abstände zwischen Windrad und Wohnbebauung werden durch die Länder-Gesetzgebung bestimmt. „Hier wird eine bestehende Grauzone ausgenutzt bevor es eine bundesweite Rechtsprechung zu den Abständen gibt“, beklagt auch Sven Karsch aus Wennigloh. „Mit uns ist zudem nicht genug gesprochen worden“, kritisiert er weiter. Was hier geschehe sei der Versuch, Profit auf dem Rücken der Bewohner aus zwei Dörfern zu machen.

Einwände äußern und Kontakt zur „IG Wennigloh Windradfrei“

  • Einwände gegen die Anlagen können bis zum 30. November schriftlich bei der Stadtverwaltung Arnsberg Rathaus, Fachdienst 4.5 Umwelt | Ressourcenschutz, Zimmer 519, Rathausplatz 1, 59759 Arnsberg oder die Genehmigungsbehörde Hochsauerlandkreis, Untere Umweltschutzbehörde/Immissionsschutz, Zimmer 233, Am Rothaarsteig 1, 59929 Brilon
  • Einwände können schriftlich auch per Mail an: immissionsschutz@hochsauerlandkreis.de eingereicht werden.
  • Mehr zur Protest-Initiative unter www.wennigloh-windradfrei.de

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