Begeisternd und irritierend

Christine Prayon beeindruckt 200 Gäste mit Rollenspiel

Zum Schluss las Christine Prayon zeitgenössische Lyrik von Mario Barth – wohl nicht ganz ernst gemeint, wie der Badeanzug und die Schwimmbrille als Lesebrille vermuten lassen. Foto: Kultur Pur/Ulrich Bock

Bestwig. Die Ankündigung des Gastspiels von Christine Prayon bei Kultur Pur im Bestwiger Bürger- und Rathaus hatte offen gelassen, ob es sich dabei um Kabarett oder Performance, Clownerie oder Schauspiel handelt. Und hinterher weiß man es immer noch nicht so genau. Sie bedient sich ihrer vielen Talente, wechselt Figuren und Perspektiven und hinterfragt dabei Gründe und Abgründe unseres eigenen Daseins.

Einige der 200 Zuschauer waren auch nach der Vorstellung noch irritiert – was durchaus Intention der Künstlerin ist. Und doch gab es zum Abschluss begeisterten Applaus.

Da betritt sie als alternde Diva zu Beginn des zweiten Programmteils die Bühne, singt die berühmten Textzeilen von Frank Sinatras „I did it may way“ (Ich tat es auf meine Weise) und lässt ihre Hüllen fallen. Aber darunter kommt nicht etwa ihr wahres Ich zum Vorschein – sondern der Clown. Der Knubbel, den sie da aus ihrer Herrenunterhose herausnestelt und ihr ein anderes Geschlecht zu geben scheint, wird zur roten Nase. Und schon wieder trägt Christine Prayon ein Kostüm. So geht es den ganzen Abend.

Im ersten Teil ihres Programms liest Christine Prayon aus dem fiktiven Tagebuch der pubertierenden Scarlett Schlötzmann, die ihr eigenes Leben im Tagebuch schönschreibt. Im zweiten Teil wechselt sie die Rollen, stirbt sogar nach dem Verzehr eines Eukalyptus-Bonbons, das ihr ein Zuschauer reichte, und kommentiert ihren Tod als Nachrichtensprecherin: „Wir haben gerade erfahren, dass es sich bei Christine Prayon um eine multiple Persönlichkeit handelt. Die genaue Zahl der Opfer ist also unbekannt. Die Polizei geht derzeit von zwölf Toten aus.“

Zum Schluss sitzt sie im Badeanzug auf der Bühne und kündigt im bedeutungsschwerem Tonfall an: „Zeitgenössische Lyrik, Band Eins. Ich lese nun aus dem Zyklus ‚Männer sind primitiv, aber glücklich‘ von Mario Barth das Gedicht: Nußloch.“ Da wird es fast surreal. Christine Prayon weiß: Unser Leben ist von Illusionen geprägt. Von Lügen und vom Wunschdenken, von Stereotypen und Vorurteilen. Um das aufzulösen, wechselt sie auf ihre Weise die Rollen und Perspektiven. „Ihnen war das Programm nicht politisch genug?“ fragt sie das Publikum zum Ende – und antwortet: „Das ist Ansichtssache.“

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