„Von der Wiege bis zur Bahre“

Debatte um Gesundheitsversorgung auf dem Land sorgt für Brisanz

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Einig waren sich die Teilnehmer des Hochsauerlandgesprächs, dass mehr Anreize geschaffen werden müssen, um junge Mediziner und Ärzte aufs Land zu locken.

Bestwig/Hochsauerland. Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum ist ein brisantes, ein viel diskutiertes Thema, das seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit steht und alle Generationen angeht. Das Thema sorgte auch am Mittwochabend im Bestwiger Rathaus im Rahmen des Hochsauerlandgesprächs für viel Wirbel.

Auf der Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Rahmen der Reihe Hochsauerlandgespräch „Herausforderungen der Gesundheitsvorsorge im ländlichen Raum“, standen folgende Fragen zur Debatte: Wie sieht die Zukunft der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum aus? Welche Ansatzpunkte gibt es, um die flächendeckende medizinische Versorgung dauerhaft sicherzustellen und zu verbessern? Wie können Politik und Praxis zusammenarbeiten, um den Wandlungsprozess aktiv zu gestalten und abzufedern?

Allseits bekannt ist: Der demografische Wandel trifft die ländliche Region seit Jahren mit voller Wucht. Der Trend einer ambulanten ärztlichen Unterversorgung zeichnet sich verstärkt ab, denn die Ärzteschaft wird älter und für den medizinischen Nachwuchs fehlt der Anreiz sich hier niederzulassen. Dabei ist die ausreichende gesundheitliche und medizinische Versorgung der Bevölkerung eine unverzichtbare Voraussetzung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Deutschland. Die Schließung von Krankenhäusern beziehungsweise einzelnen Stationen wie beispielsweise der Gynäkologie im St. Walburga-Krankenhaus in Meschede, der Fachkräftemangel sowie die immer älter werdende Gesellschaft führen zu einem steigenden Bedarf im Gesundheits- und Pflegereich.

"Ein wahnsinniger Einschnitt für die Versorgung"

„Wir haben ein extrem aufregendes Jahr hinter uns. In Meschede gab es Diskussionen, wie Strukturen verbessert werden können, mit dem Resultat, dass die Geburtshilfe geschlossen wurde. Ein wahnsinniger Einschnitt für die Versorgung“, räumt Werner Kemper, Sprecher der Geschäftsführung Klinikum Arnsberg ein. Den Krankenhäusern werden dabei Strukturvorgaben auferlegt. Denen müsse man sich stellen und entsprechend eine Lösung finden. Die wichtigste Frage dabei sei: Gibt es genug Ärzte beziehungsweise können junge Ärzte für das Sauerland gewonnen werden.

Auf verbesserte, kooperative Strukturen setzt deshalb Dr. med. Hans-Heiner Decker, Leiter der Bezirksstelle Arnsberg, Kassenärzliche Vereinigung Westfalen-Lippe: „Wir müssen junge Ärzte anwerben, denn ganzheitliche Behandlung ist eine andere Medizin und lohnenswert für den Nachwuchs. Kooperative Strukturen sind gefordert wie zum Beispiel der Zusammenschluss von Neurologen und Psychiatern oder der Kooperationen von Kinder- und Hausärzten. Ganz nach dem Motto: ,Von der Wiege bis zur Bahre‘.“

Eine Chance für eine gesicherte Versorgung im ländlichen Raum sieht Frederik Ley, Vorsitzender Regionalverwaltung DB Regio Bus NRW, beispielsweise auch in dem Einsatz von Medibussen (rollende Landarztpraxis), die eine Grundversorgung sicherstellen und bereits erfolgreich in der Flüchtlingsversorgung genutzt wurden. Großen Zuspruch erhielt Brilons Bürgermeister Dr. Christof Bartsch, der mit seinem Statement viel Applaus erntete: „In einem reichen Land wie Deutschland muss eine Versorgung vor Ort gegeben sein, denn die Menschen sind immer noch auf einen Arzt fokussiert. Wir müssen den Standort attraktiv machen und Lösungen finden, um junge Ärzte in den ländlichen Raum zu holen. Es muss Tag und Nacht eine ortsnahe Versorgung geben.“

Scharfe Kritik an Versandapotheken

Für große Aufregung sorgte schließlich aber der Auftritt von Max Müller, Chief Strategy Officer von DocMorris, einer niederländischen Versandapotheke, der zukunftsträchtig auf evolutionär neue Technologien, Online-Sprechstunden und Kooperationen mit den ortsansässigen Apotheken setzt. „Wir müssen mit weniger Menschen alles exzellent erhalten und kooperieren. Die Lebensverhältnisse haben sich durch die Digitalisierung, Breitband und Co. geändert“, so Müller, der sich nicht im Wettbewerb mit deutschen Apotheken sieht.

Scharf attackiert wurde der Vorstandschef von zahlreichen Gästen aus dem Publikum, die ihm unter anderem vorwarfen, skandalösen Wettbewerb zu betreiben, Steuern auf die Cayman Inseln abzuführen und mit Spendengeldern die SPD zu finanzieren. Dieser Vorwur rief MdB Dirk Wiese, der an diesem Abend die Veranstaltung moderierte, auf den Plan: „Der Vorwurf ist eine absolute Frechheit. Das weise ich deutlich zurück. Hier beim Hochsauerlandgespräch sind kritische Geister auf dem Podium“, erklärte Wiese.

Neben Polemik gab es aber auch viele sachliche und konstruktive Beiträge. So wurde beim Hochsauerlandgespräch unter anderem kritisiert, dass die Finanzierung mittlerweile über der Gesundheit des Einzelnen stehe. Zudem forderten die Akteure, verstärkt auf Prävention zu setzen und mehr Studienplätze für Mediziner zu schaffen, um dem Nachwuchsproblem im ländlichen Raum entgegenzuwirken. Vor allem Ärztinnen müsse darüberhinaus die Möglichkeit eingeräumt werden, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Die Akteure auf dem Podium mussten sich teils massiver Kritik stellen.

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