Branchen schlagen Alarm

Lieferengpässe bedrohen auch im Sauerland Wirtschaft und Logistik

Schwarz sehen manche Handwerksbetriebe und Unternehmen auch in unserer Region aufgrund der Lieferengpässe und Preistreiberei.
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Schwarz sehen manche Handwerksbetriebe und Unternehmen auch in unserer Region aufgrund der Lieferengpässe und Preistreiberei.

Dauerlockdown in vielen Teilen Europas, Grenzkontrollen, der Brexit, Defizite bei den Impfkampagnen, das Lieferkettengesetz zum Schutz der Menschenrechte und dazu noch Lieferengpässe- und verzögerungen sowie stark ansteigende Preise in zahlreichen produzierenden Branchen – die Auswirkungen der Corona-Pandemie stellen auch Wirtschaft und Logistik vor besondere Herausforderungen. Eine Bestandsaufnahme.

Hochsauerland – Die Situation auf dem Zulieferermarkt ist ernst – sehr ernst, wie auch zahlreiche Unternehmen im Hochsauerlandkreis derzeit zu spüren bekommen. Viele Unternehmer denken dabei sorgenvoll an die erste Corona-Welle vor einem Jahr zurück, als dringend benötigte Bauteile aus China nicht mehr nach Europa geliefert werden konnten und deshalb Fabriken zeitweise sogar schließen mussten. Während manche Branchen wenig oder fast gar nicht von den Auswirkungen betroffen sind, kämpfen andere wiederum ums nackte Überleben.

Zimmerhandwerk

Peter Bellinger, Bauleiter der Zimmermann Haus GmbH aus Schmallenberg, bezeichnet die derzeitige Lage als besorgniserregend: „Alle Handwerksbetriebe sind inzwischen gebeutelt. Wir haben Probleme geschnittenes und getrocknetes Holz zu bekommen oder auch Fertigelemente wie Decken in Vollholz.“

Wo vorher Lieferzeiten von drei Wochen die Regel waren, müsse man jetzt aktuell zehn bis zwölf Wochen einkalkulieren. Vor Weihnachten georderte USB-Platten würden, wenn alles gut gehe, im Laufe des April geliefert. Dazu werden die stetig steigende Preise von 60 Prozent seit August 2020, die im Fertigbausektor zubuche schlagen, sowie eine weitere geplante Preiserhöhung ab 1. Mai um zusätzliche 25 Prozent, immer mehr zur Belastung. Der Preis für einen Kubikmeter Holz würde somit von 300 Euro auf über 500 Euro steigen. „Trotz der gestiegenen Preise halten wir die abgeschlossenen Werksverträge mit unseren Kunden ein. Allerdings werden Neuabschlüsse jetzt deutlich teurer“, verdeutlicht Bellinger.

Dachdecker

Als heikel bewertet auch Dachdeckermeister Burkhard Hogrebe, Inhaber Hogrebe Bedachungen aus Bestwig, die derzeitige Lage. Doppelt so teure Dachlatten innerhalb von nur vier Wochen, Holzknappheit, lange Lieferzeiten von acht Wochen sowie hier vor allem die stetig steigenden tagesaktuellen Preise auf dem Sektor seien inzwischen zur Normalität geworden. In der Rohstoff-Verfügbarkeit von EPS-Dämmstoffen stünden zudem aufgrund der aktuell hohen Nachfrage sowie durch „Höhere Gewalt“ Preissteigerungen von mindestens 25 Prozent im Raum. „Wir müssen frühzeitig im Vorfeld planen und bestellen aufgrund der längeren Lieferzeiten, damit wir unsere Aufträge termingerecht umsetzen können“, so Burkhard Hogrebe.

Der Holzmarkt habe sich in den vergangenen Wochen in einen reinen Verkäufermarkt gewandelt, wobei die Nachfrage auf Seiten der Verarbeiter das Angebot von Handel und Holzindustrie übertreffen würde. Innerhalb nur eines Jahres habe sich der Preis von Konstruktionsholz bis heute verdoppelt und auf dem Photovoltaiksektor seien PV-Module um ca. 11,5 Prozent teurer geworden.

Holzverarbeiter

Martin Ansorge, kaufmännischer Werksleiter bei Egger Holzwerkstoffe in Brilon teilt auf Kurier-Anfrage mit, dass die Egger-Werke in Europa und Russland bereits seit Juni 2020 mit der extrem hohen Nachfrage konfrontiert seien, und die Kapazitäten in vielen Bereichen weit überschritt wurden. „Für die Werke in Deutschland, Österreich und Frankreich gibt es eine besonders hohe Nachfrage im Binnenmarkt. In Summe hatten ab dem dritten Quartal alle europäischen Märkte einen Bedarf, der nicht mit den Vorjahren vergleichbar war“, so Ansorge.

Wir produzieren in allen Werken auf Volllast.

Martin Ansorge, kaufmännischer Werksleiter bei Egger

Man führe diese Sondersituation auf die mit den Coronaschutzmaßnahmen und Lockdowns einhergehende global stark anziehende Nachfrage zurück. Bedingt dadurch habe sich die Konsumnachfrage verstärkt in den Bereich Wohnen und Möbel verschoben. Diese extrem hohe Nachfrage führe auch bei Egger zu sehr langen Lieferzeiten. „Wir sind bemüht, über die verschiedenen Lieferwerke die Wünsche unserer Kunden zu optimieren. Letztendlich halten wir aber keine Zusatzkapazität vor, um solche Spitzen abdecken zu können. Wir produzieren in allen Werken auf Volllast“, betont der kaufmännische Werksleiter.

Mit einer Normalisierung sei wiederum erst in den nächsten Monaten zu rechnen, abhängig von der Fortdauer der Lockdown-Maßnahmen im stationären Handel. Sämtliche frei werdenden Kapazitäten würden zur Normalisierung genutzt. Man sehe sich mit einer zunehmend angespannten Versorgungssituation konfrontiert. Ansorge: „Dies betrifft insbesondere die Chemierohstoffe, die für die Holzwerkstoff-, Kanten- und Oberflächenproduktion benötigt werden. Verschärft wird die Versorgungssituation dieser Rohstoffe durch Einschränkungen in der Produktion in Folge der Pandemie und anderer globalen Ereignisse (Stillstände, Force Majeure-Deklarationen) und bei der Logistik (knappe LKW- und Container-Kapazitäten) unserer Vorlieferanten.“

Das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage habe zudem in den vergangenen Monaten zu erheblichen Steigerungen der Rohstoffpreise geführt. Im Quartalsvergleich würden die Steigerungen bei einzelnen Vorprodukten bis zu 40 Prozent, für einzelne Kunststoffe bis zu 100 Prozent betragen. Weitere Preissteigerungen seien in den nächsten Wochen bereits angekündigt. „Unser oberstes Ziel in dieser angespannten Situation ist es, unsere und damit auch die Versorgung unserer Kunden bestmöglich abzusichern. Durch eine umsichtige Einkaufspolitik ist die laufende Versorgung unserer Produktionswerke mit den dafür notwendigen Rohstoffen gewährleistet und wir rechnen zum heutigen Zeitpunkt nicht mit rohstoffbedingten Produktionseinschränkungen“, versichert Martin Ansorge.

Maler/Bodenleger

Prekär zeigt sich wiederum die derzeitige Lage im Maler- und Bodenlegerhandwerk. Klaus Vollmert, Inhaber Wohn.Raum.Gestaltung aus Schmallenberg, spricht davon, dass die Industrie dringend Vorprodukte benötige, um daraus beispielsweise Laminat- und Parkettböden herzustellen zu können. „Das Problem ist, die Materialien sind kaum lieferbar – und wenn, dann zu Mondpreisen. Benötigte Kunststoffgranulate bleiben derzeit nur wenig übrig. Durch den fehlenden Flugverkehr ist an manche Produkte gar nicht mehr ranzukommen.“

Kunststoffsektor

Nicht ganz so brenzlig bewertet Thomas Sauerwald, Inhaber Jos. Sauerwald Söhne GmbH und Co. KG aus Bestwig, die Lage auf dem Kunststoffsektor. Wiederaufbereitetes Material sei derzeit noch ausreichend vorhanden. Allerdings würden die Preise für Rohmaterial dramatisch steigen.

„Die Preissteigerung von Rohmaterial beträgt 10 bis 40 Prozent. Das hängt indirekt mit Corona zusammen. 2020 haben die europäischen Abnehmer ihre Aufträge reduziert und storniert. Das führte dazu, dass die Hersteller ihre Kapazitäten heruntergefahren haben. Als es bei den Chinesen dann im Herbst wieder losging haben sie die freien Kapazitäten übernommen“, erklärte Thomas Sauerwald den Hintergrund für die Preiserhöhung.

Die freien Kapazitäten seien somit für andere verplant, sodass die deutsche Wirtschaft das Nachsehen habe. „Ich habe den Eindruck, dass europäische Hersteller bewusst Kapazitäten runterfahren, um so die Preise hochzutreiben“, ergänzt der Bestwiger Geschäftsführer

Gießerei

Auch in der Gießerei M. Busch GmbH & Co. KG in Bestwig stellt sich die derzeitige Lage noch entspannt da. Geschäftsführer Andreas Güll teilt mit, dass sein Unternehmen bisher keine Absatzschwierigkeiten zu verzeichnen habe; lediglich Aufträge aus Nordeuropa in Sachen Halbleiterthematik würden teilweise verschoben, aber nachgeholt. Durch Aufstockung der Bestände sei man vor Engpässen geschützt, die durch Corona entstehen könnten, sodass man die Kunden beliefern kann. Augrund der hohen Nachfrage sei jedoch der Stahlpreis im Bereich von 20 Prozent gestiegen.

Das sagt die IHK

Erschwerte Lieferbedingungen aus Fernost sowie knapper und damit teurer Frachtplatz würden sich laut Dipl.-Volkswirt Stefan Severin von der IHK Arnsberg auf die heimische Industrie auswirken. „Die Zulieferung hat sich erschwert. Die Containerfrachten werden teurer, die Energiepreise steigen und die Verfügbarkeit der Rohstoffe ist nicht mehr immer gegeben“, erklärt Stefan Severin. Die Lieferengpässe beruhten dabei auf ganz unterschiedlichen Gründen. In der Industrie seien es die Lieferketten und im Baubereich die noch immer hohe Auslastung der Kapazitäten. In einer Konjunkturflaute befinde sich die Wirtschaft nicht. Im Gegenteil: Längere Lieferzeiten und steigende Preise würden für eine hohe Nachfrage stehen.

Große Gewerke sind reihenweise betroffen. Besonders in der Holzindustrie ist eine dramatische Entwicklung zu verzeichnen. 

Jochem Hunecke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft

Kreishandwerkerschaft

Jochem Hunecke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft aus Meschede-Enste, bewertet die derzeitige Lage deutlich dramatischer: „Große Gewerke sind reihenweise betroffen. Besonders in der Holzindustrie ist eine dramatische Entwicklung zu verzeichnen. Dazu kommen erhebliche Preissteigerungen im Bereich Holz, Dämmstoffe, Stahl oder auch in der Farbproduktion. Dachlatten sind beispielsweise um mehr als 100 Prozent teurer geworden.“

Der Markt habe sich allein durch die Borkenkäferkalamität verändert. Viel Holz werde zudem in andere Länder verkauft. In der Stahlindustrie sei die Globalisierung für viele Probleme verantwortlich. Es gäbe zudem nicht mehr viele Unternehmen, die Stahl herstellen.

Das sagt der BVMW

Ronja Wenzel vom Bund mittelständische Wirtschaft (BVMW) verweist darüberhinaus auf das Lieferkettengesetz, das die wirtschaftliche Lage zusätzlich erschwere: „Die Politik treibt ihren Regulierungswahn ohne Rücksicht auf die Belange der mittelständischen Wirtschaft immer offensiver voran. Diskussionen über steigende Mindestlöhne, Homeoffice-Pflichten oder Kontrollpflichten internationaler Lieferketten angesichts wachsender ökonomischer Probleme sind nicht mehr nachvollziehbar.“

Es müsse auf wachstumsfördernde Rahmenbedingungen gesetzt werden. Politische Funktionäre würden sich nicht mehr an die wirtschaftliche Realität kleinerer und mittlerer Unternehmen gebunden fühlen. Vieles sei eine „rein politische Ideologie“, ohne Bezug zu den Problemen von hunderttausenden Betrieben, die ihren Wohlstand eingebettet in internationale Lieferketten erwirtschaften.

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