Veranstaltung im Bergkloster

Nach Discobesuch ins Koma geprügelt: Christoph Rickels kämpft gegen Gewalt

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Christoph Rickels erzählte am Karfreitag in Bestwig von seiner bewegenden Lebensgeschichte.

Bestwig - Mit den Worten „Ich bin dankbar, dass Christoph heute zu uns spricht. Seine Botschaft durchbricht die Spirale der Gewalt“, eröffnete Schwester Ignatia Langela SMMP die außergewöhnliche Veranstaltung am Karfreitag in der Kirche des Bergkloster Bestwig.

Christoph Rickels, 1987 in Ostfriesland geboren, ist nach einem Discobesuch brutal zusammengeschlagen worden. Ein kräftiger Hieb und sein ganzes Leben war buchstäblich im Eimer. 

Der damals erst Zwanzigjährige erlitt eine sechsfache Hirnblutung, lag vier Monate mehr tot als lebendig Monate im Koma. Seitdem ist er halbseitig gelähmt, kann aufgrund seiner Behinderung nicht mehr weinen. 

Netzwerk gegen Gewaltprävention gegründet

Was ihm zustieß, soll kein anderer erleiden. Darum gründete Christoph Rickels das Netzwerk „First Togetherness“, setzt sich Tag für Tag gegen Gewaltprävention ein. „Moin, moin miteinander“, lauteten die ersten Worte von dem doch so fröhlichen Norddeutschen am Karfreitagabend. 

„Wir brauchen ein globals Miteinander. Darum habe ich „First Togetherness“ gegründet. Ich will den Menschen damit ans Herz legen, endlich wieder zusammen ihre Wege zu gehen.“ Als junger Bursche galt Christoph Rickels als „cooler Macker“ in der Schule, war Schulsprecher, liebte Musik und hatte immer eine eins in Sport. 

Eigene Songs geschrieben

Als leidenschaftlicher Musiker komponierte er Lieder, rappte, spielte Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Noch im September 2007 schrieb er einen eigenen Song mit dieser Textzeile: Ein Mensch, wie er einst mal war, ist in dieser Sekunde nicht mehr da. Heute wirkt diese Zeile wie eine böse Vorahnung, denn eine Woche nachdem er den Song geschrieben hatte, passierte es. Nur ein einziger Schlag zerstörte sein Leben. 

„Ich habe den Mädchen, die ich gut fand, immer ein Lied geschrieben. Das fand ich toll damals. Eine Woche bevor mich der Typ kaputt gemacht hat, habe ich einen Song geschrieben. Als hätte ich es geahnt“, berichtete der heute 32- jährige. Dann kam wenige Tage später der verhängnisvolle Abend. Christoph Rickels spendierte in einer Disco einem jungen Mädchen einen Drink. Er hatte nichts Böses im Sinn, wollte bloß wie jeder andere junge Mann in seinem Alter ein bisschen flirten. 

Eifersüchtiger Freund schlägt zu 

Als er später den Club verließ, wartete jedoch draußen der eifersüchtige Freund des Mädchen. „Ich wollte nur Abschied feiern, da ich zur Bundeswehr gehen wollte. Ich hab in dem Club das Mädel getroffen, mit dem ich zuvor ein paar Mal geschrieben habe. Ich hatte nichts Böses im Sinn, wollte ihr nur einen Drink ausgeben. Später verlasse ich dann die Disco und träum' vor mich hin als plötzlich aus dem Nichts dieser Typ auf mich zusprintet, mir auf den Kopf schlägt. Ich bin schutzlos und schlage dann frontal mit dem Kopf auf den Steinboden auf. Doch ich hatte Glück, ich bin nicht verzweifelt“, erzählte Christoph Rickels seine bewegende Geschichte. 

Vier Monate im Koma gelegen

Als er vier Monate später aus dem Koma erwachte, war nichts mehr wie vorher. Wie ein Säugling mit Pampers lag er im Krankenbett, erkannte selbst seine eigene Mutter nicht mehr, musste Essen, Sprechen, Laufen neu erlernen. 

Ein dorniger Weg, doch Christoph Rickels kämpfte sich trotz seiner halbseitigen Lähmung zurück ins Leben. „Ich hatte Glück. Der Mut hat mir die Kraft zum Leben gegeben. Am 29. September 2007 war mein persönlicher Karfeitag. Ich habe gelernt positiv damit umzugehen, mit diesem einen Moment, der alles zerstört hat. Vielleicht wusste da jemand, dass ich nicht verzweifeln würde und etwas Gutes daraus machen kann“, so Rickels. 

Lebensfreude und Kampfgeist vermittelt

Seit dieser schweren Zeit, seinem persönlichen Kampf zurück ins Leben spricht Christoph Rickels mit Schülern und Straftätern über sein Schicksal, rief in der Rehaklinik 2010 die Initiative "First Togetherness" ins Leben gerufen, die mittlerweile viele prominente Unterstützer hat. 

Mit seinen Vorträgen in Schulen und Vollzugsanstalten will der junge Mann aus Norddeutschland zeigen, welche schlimmen Auswirkungen Aggressionen und Gewalt haben können. 

Er inszeniert sich dabei selbst nicht nur als Opfer, vermittelt eher Lebensfreude und Kampfgeist, zeigt, dass es sich lohnt wieder aufzustehen. „Jeder erntet das was er sät. Früher wollte ich den Weibern gefallen, dachte das wäre cool, hab selbst anderen eins „aufs Maul“ gehauen. Heute will ich nur noch verändern. Gegen körperliche und psychische Gewalt, gegen Mobbing etwas tun. Wir müssen der Jugend das Miteinander cool machen, sodass der Schläger zum Außenseiter wird“, so Rickels. 2015 wurde Christoph Rickels vom Bundespräsidenten für seinen beeindruckenden ehrenamtlichen Einsatz als Botschafter für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt ausgezeichnet.

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