18-jähriger liegt nach Sturz am Flughafen im Kölner Krankenhaus

Noch keine Abschiebung: Armenier bleibt nach Unfall vorerst in Deutschland

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Dramatische Szenen müssen sich bei der geplanten Abschiebung am Kölner Flughafen abgespielt haben.

Bestwig/Köln. Die geplante Abschiebung des Armeniers Viktor K. (Name von der Red. geändert) hat sich dramatisch zugespitzt. Der 18-Jährige, der gestern von Köln/Bonn aus den Rückweg in sein Heimatland antreten sollte (Der SauerlandKurier berichtete), hat sich der Sicherungsverwahrung entzogen und stürzte sich am Flughafen aus über sieben Metern Höhen in die Tiefe, wobei er sich ein Bein brach. Er wurde daraufhin in ein Kölner Krankenhaus eingeliefert und konnte so nicht abgeschoben werden. Seine 20-jährige Schwester musste daraufhin den Flug nach Armenien alleine antreten.

Wie der Vater des Jungen dem SauerlandKurier berichtet, muss der 18-Jährige noch rund eine Woche in der Kölner Klinik verbleiben, ehe er voraussichtlich in das Krankenhaus nach Meschede verlegt wird. Er schildert dramatische Szenen, die sich in den letzten Stunden vor der Abreise am Flughafen abgespielt haben. Letztlich sei sein Sohn so verzweifelt gewesen, dass er keine anderen Ausweg sah, als zu springen. Die völlig aufgelöste Tochter – sie besuchte das Berufskolleg Bestwig und hatte ebenfalls eine Ausbildungsstelle in Aussicht – wurde ungeachtet des Vorfalls indes weinend und schreiend wie geplant in die Maschine Richtung Armenien gebracht. Dort ist sie vorerst bei Verwandten untergekommen. Die Strapazen haben aber ihren Tribut gefordert; dem Vernehmen nach geht es auch der Schwester sehr schlecht.

Kreis bestätigt: Junge bleibt vorerst in Deutschland

HSK-Pressesprecher Martin Reuther bestätigte den Vorfall am Kölner Flughafen. „Der Junge ist mit einem Oberschenkelbruch ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die nun notwendige Behandlung ist ein Abschiebehindernis, weshalb der 18-Jährige vorerst in Deutschland verbleiben darf.“ Über die weiteren Konsequenzen könne er derzeit keine näheren Angaben machen. Es sei im Bereich des Möglichen, dass der Armenier nach dem Krankenhausaufenthalt in Haft genommen werden könnte und dann auf seine Abschiebung warten müsse. Reuther betonte aber auch, dass man ihn nicht wie einen Schwerkriminellen behandeln dürfe und wolle. „Menschlich ist die Tragik der Geschichte absolut nachvollziehbar. Aber aus gesetzlicher Sicht ist die Sache ebenso klar; es gibt keinen Asylgrund für einen weiteren Aufenthalt. Er und seine Schwester sind vollziehbar ausreisepflichtig“. Deshalb sei auch der Eilantrag des Anwalts der Familie gestern vom Verwaltungsgericht Arnsberg abgelehnt worden, so Reuther.

 „Der Junge soll faire Chance erhalten“ 

Üwen Ergün, Junior-Botschafter des UN-Kinderhilfswerks Unicef und Organisator des Kinderrechteforums, der sich direkt in Köln vor Ort in den Fall eingeschaltet hatte, sieht durch die Verzögerung eine neue Chance, das Verfahren möglicherweise nochmal neu aufzurollen. „Es kann doch nicht sein, dass jemand, der so gut in Deutschland integriert war, so plötzlich aus seinem Umfeld gerissen wird. Ich werde alles dafür tun, damit der Junge eine faire Chance erhält“, so der 19-jährige Sauerländer. Bereits gestern hatte Ergün über seine Kontakte zu Pro Asyl und in einem kurzfristigen Telefonat mit Landrat Dr. Karl Schneider sowie dem Einschalten heimischer Bundestagsabgeordneter versucht, die Abschiebung noch zu verhindern - aufgrund der Kurzfristigkeit allerdings ohne Erfolg. Es mag wie eine Ironie des Schicksals anmuten, aber nun könnte ihm die Verletzung des 18-jährigen Armeniers in die Karten spielen. Zumindest haben alle Beteiligten, die sich gegen die Abschiebung Viktors zur Wehr setzen wollen, nun etwas Zeit gewonnen. 

Beispielhafte Soldarisierungsaktion der Mitschüler

Das gilt auch für die Klasse 10a der Realschule Bestwig, die gestern mit einer beispielhaften Solidarisierungsaktion in Meschede für Aufsehen sorgte. Mit dem Linienbus war die Klasse am frühen Dienstagmorgen geschlossen zum Kreishaus gefahren, um vor Ort mit den Verantwortlichen zu sprechen. Denn dass Viktor, ihr Mitschüler, Vertrauter und Freund abgeschoben wird, dafür hat hier niemand Verständnis. Vor allem nicht so plötzlich. „Für uns alle ist das ein Schock. Niemand von uns wusste Bescheid – wir sind alle wie vor den Kopf gestoßen“, berichtete ein Schüler stellvertretend. Viktor sei vorbildlich integriert gewesen, obwohl er erst drei Jahre in Bestwig war, ergänzt einer seiner besten Freunde aus der Parallelklasse. „Er hat Fußball gespielt in der A-Jugend des TuS Velmede-Bestwig, war sehr gut in der Schule und hatte sogar schon einen Ausbildungsplatz gefunden. Man hat ihm alles genommen, was er sich hier in drei Jahren aufgebaut hat.“

Bezirksregierung prüft mögliche Schulpflichtverletzung

So gut die Aktion, die von der Deutschlehrerin initiiert und von der stellvertretenden Schulleitung unter der Voraussetzung, dass sich Viktor noch in Meschede befindet, als Unterrichtsgang genehmigt wurde, auch gemeint war, für die Schule könnte die ganze Sache noch ein Nachspiel haben. Die Bezirksregierung Arnsberg prüft, ob eine Schulpflichtverletzung vorliegt. Es habe keine Einverständniserklärung der Eltern vorgelegen und auch die Frage des Versicherungsschutzes sei für diesen Fall nicht geklärt gewesen. Nun werde man alle Beteiligten zu einem Gespräch bitten müssen, um die gesamte Situation im Nachgang zu besprechen. 

In der Klasse 10a keimt indes neue Hoffnung auf. Nachdem sie sich gestern nichts sehnlicher gewünscht haben, als sich zumindest noch von ihrem Mitschüler verabschieden zu können, träumt die 10a nun davon, Viktor vielleicht doch bald wieder „Hallo“ sagen zu können.

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