Der Kampf hat sich gelohnt

Stefanie Drescher nimmt an Special Olympics in Abu Dhabi teil

+
Stefanie Drescher aus Velmede ist aufgeregt: Bei den Special Olympics Weltspielen in Abu Dhabi tritt sie im Judo für Deutschland an.

Velmede/Abu Dhabi. Freudestrahlend sitzt der quirlige Rotschopf auf dem Sessel im Wohnzimmer ihrer Eltern und wartet gespannt darauf, dass es endlich losgeht. Der graue Koffer ist bereits gepackt, voller Vorfreude präsentiert die kleine, zierliche Frau ihre Trainingsmontur – es ist ein schwarz, weiß, roter Trainingsanzug, aber keiner, den jeder trägt. Stolz zeigt sie, was ihn so besonders macht – der Bundesadler auf der Brust. Stefanie Drescher ist eine Judoka aus Velmede, eine sportliche junge Frau, der man ihr Handicap auf den ersten Blick nicht anmerkt. Doch die 32-Jährige leidet an einer geistigen Behinderung. Dieses (vermeintliche) Handicap hat sie aber nicht resignieren lassen, sondern sogar noch stärker gemacht. Man merkt sofort: Diese Frau hat einfach eine Siegermentalität. Bei den Special Olympics Weltspielen in Abu Dhabi, die vom 14. bis 21. März stattfinden, tritt sie nun für Deutschland an und möchte den größtmöglichen Erfolg: eine Goldmedaille erringen.

Das Großereignis in dem Wüstenstaat fernab der Heimat ist der erste internationale Wettbewerb, an dem die sympathische 32-Jährige teilnimmt. „Als ich erfahren habe, dass ich in Abu Dhabi dabei sein darf, war ich schon extrem aufgeregt“, erinnert sich die Judoka. Die Qualifizierung für den Wettbewerb, an dem über 7000 Athleten aus 170 Ländern mit geistigen Handicaps teilnehmen, ist das Ergebnis des Siegeswillens der Velmederin. Durch drei Goldmedaillen in Folge bei den nationalen Special Olympics ergatterte die ambitionierte Sportlerin ihr Ticket für das internationale Parkett. 

„Ich bin schon sehr gespannt, was mich erwartet. Ich weiß auch noch gar nicht, wer meine Gegner sind. Das erfahre ich erst kurz vor den Kämpfen“, so die Judoka voller Vorfreude. Bestens ausgestattet für die Zeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Athletin allemal. „Wir waren vorab in Fulda bei einem Einkleidungsseminar. Da haben alle teilnehmenden Sportler einen Koffer, einen Rucksack, Sportkleidung und auch Blusen für verschiedene Anlässe bekommen“, blickt Stefanies Mutter Ute Drescher zurück. 

"Ich möchte eine Goldmedaille holen"

Die 56-Jährige begleitet ihre Tochter zusammen mit Ehemann Udo Hoffmann zu allen sportlichen Ereignissen und natürlich werden die stolzen Eltern auch in Abu Dhabi ihre Tochter anfeuern und unterstützen. „Es ist schon toll die Erfolge von Stefanie mitzuerleben.“ Während Ute Drescher und Udo Hoffmann direkt nach Abu Dhabi aufbrechen, verbringt Stefanie zusammen mit allen anderen Sportlern die ersten Tage in Dubai. Dort stehen neben der Akklimatisierung auch ein Botschaftsbesuch auf dem Programm, bevor es dann mit dem Adler auf der Brust in den Wettkampfstätten um Gold, Silber und Bronze geht. „Es ist schon ein tolles Gefühl für das eigene Land anzutreten“, freut sich die 32-Jährige, die nur ein Ziel vor Augen hat: „Ich möchte eine Goldmedaille holen.“ 

Stefanie Drescher ist stolz auf ihre bisherigen Erfolge.

Erfolgsverwöhnt ist die ehrgeizige junge Frau auch in ihrer Heimat. „Ich habe bisher bei jedem Wettkampf eine Medaille geholt“. Von ihren Erfolgen zeugen zahlreiche Pokale und Medaillen. Sie sind Zeugnisse von Stefanies herausragenden Leistungen. Sogar die Ehrung zur Sportlerin des Jahres im HSK wurde ihr bereits zuteil. „Das war 2016. Ein Jahr später habe ich bei der Wahl dann den zweiten Platz belegt.“ 

Was für die Judoka ein Höhepunkt ihrer sportlicher Laufbahn war, wurde von einigen skeptisch betrachtet. „Als meine Tochter als Siegerin bei der Wahl hervorging, gab es auch einige negative Stimmen. Ich habe mitbekommen, dass einige sich gefragt haben, warum denn eine Behinderte nun Sportlerin des Jahres ist“, bedauert Ute Drescher. Dieses Denken sei bei vielen noch tief verankert. „Der Behindertensport hat einfach noch nicht so einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft“, betont die 56-Jährige.

Durch Brüder zum Judo gekommen

Für Stefanie bedeutet der Sport alles. „Da weiß ich, dass ich da viel erreichen kann“, so der Rotschopf selbstbewusst. Was sie bisher erreicht hat, ist bemerkenswert, vor allem wenn man bedenkt, dass die 32-Jährige erst vor sechs Jahren mit der japanischen Selbstverteidigungskunst angefangen hat. „Ich habe meine beiden Brüder oft beim Judotraining beobachtet und wollte dann auch mitmachen“, erinnert sich die Judoka.

Insgesamt hat Stefanie vier Brüder, die mit Ausnahme ihres zehn Monate jüngeren Bruders Jochen nicht ihre leiblichen Geschwister sind. „Unsere Tochter und unsere Söhne sind Pflegekinder, die wir bei uns aufgenommen haben“, erklärt Ute Drescher. Stefanie kam 1990 mit knapp drei Jahren mit ihrem leiblichen Bruder in ihre neue Familie. 

Mittlerweile sind die Geschwister ein eingeschworenes Team mit vielen Gemeinsamkeiten. Zum einen leiden sie alle an dem gleichen geistigen Handicap, dem fetalen Alkoholsyndrom. Ursache für das Handicap sind vorgeburtlich entstandene Schädigungen durch von der schwangeren Mutter aufgenommenen Alkohol. „Stefanie kann zum Beispiel nicht lesen und schreiben“, erklärt die 56-Jährige. 

Zum anderen sind sie alle leidenschaftliche Sportler. Während Stefanie, ihr leiblicher Bruder Jochen und ein weiterer Bruder sich für den Judosport beim BSV Meschede entschieden haben, sind die beiden anderen dem runden Leder verfallen und spielen bei der Torfabrik in Meschede. 

Stipendium der Gold-Krämer-Stiftung

Als Stefanie 2013 ihre ersten Kampfversuche auf der Matte unternahm, sei sie aber noch nicht sofort von der Sportart überzeugt gewesen. „Anfangs dachte ich dann, dass Judo doch nichts für mich ist.“ Aber mit den guten Leistungen sei dann auch die Leidenschaft für den Kampfsport gestiegen. „Ich fühle mich einfach besser, wenn ich Sport mache.“ Einmal wöchentlich findet das Training in Meschede statt, etwa alle vier Wochen kämpft die Velmederin zusätzlich beim sogenannten Kadertraining in Leverkusen und Bocholt, das Sportler mit Handicap auf nationale und internationale Wettkämpfe vorbereitet. 

Nun hat sie es von den heimischen Matten bis in internationale Sportstätten geschafft. Wenn sie vom Abenteuer Abu Dhabi zurückkehrt, warten mit internationalen Wettkämpfen in Cardiff und Köln direkt zwei weitere Höhepunkte auf die junge Sportlerin. 

Das größte Abenteuer steht der ehrgeizigen 32-Jährigen aber noch bevor: der Auszug aus den heimischen vier Wänden. Und, wie könnte es auch anders sein, der Grund dafür ist der Sport. „Meine Tochter hat ein Sport-Stipendium am Sportleistungszentrum der Gold-Krämer-Stiftung und zieht dafür nach Frechen“, berichtet Ute Drescher. 

Der Auszug ihres ersten Kindes sei schon ein besonderer Schritt für alle Seiten. „Es ist natürlich schon ungewohnt. Aber eine Mutter muss ihre Kinder auch gehen lassen.“ Für Stefanie Drescher beginnt dann ein Leben als Leistungssportlerin. Dafür gibt sie ihre bisherige Tätigkeit als Gärtnerin bei der Caritas-Werkstatt in Brilon auf. „Als ich dafür ausgewählt wurde, habe ich das auch erst gar nicht realisiert.“ Die 32-Jährige wird in Frechen in einer Wohngemeinschaft mit zwei weiteren geistig behinderten Sportlerinnen wohnen. 

Vielleicht wird die ehrgeizige Sportlerin demnächst also häufiger mit dem Adler auf der Brust zu sehen sein und zeigen, dass man es auch mit einer Behinderung ganz nach oben schaffen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare