Zeit gewinnen und selbst entscheiden

Anonyme Spurensicherung verschafft Frauen nach sexuellen Übergriffen bessere Chancen

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Die Beraterinnen Uschi Plenge und Jana Schlömer sowie Dr. Anne Schwartz (v.l.) möchten es Frauen leichter machen, nach sexuellen Übergriffen Hilfe zu finden.

Brilon/Hochsauerland. Schock, Scham, Erniedrigung: Nach Attacken sexualisierter Gewalt sind die Betroffenen meist bestrebt, diesem Trauma zu entgehen, die Beschmutzung abzuwaschen. Die wenigsten denken in diesem Moment daran, Anzeige zu stellen oder Spuren sichern zu lassen. Manche wollen auch später keine Anzeigen stellen, weil der Täter aus dem familiären Umfeld kommt oder weil sie sich den teils als erniedrigend empfundenen Befragungen, die das ganze Geschehen wieder und wieder hoch kommen lassen, nicht gewachsen fühlen. Die Tatsache, dass lediglich fünf Prozent der Straftaten zur Anzeige gebracht – und nur 13 von hundert Anzeigen mit einer Verurteilung des Straftäters enden, spricht für sich.

„Dieses Verhältnis möchten wir ändern“, so Uschi Plenge von der Frauenberatung Arnsberg. Häufig setzt sich erst zu einem viel späteren Zeitpunkt die Überzeugung durch, dass man den Täter nicht ungestraft davon kommen lassen will. Um für die Ermittlung und das Gericht beweiskräftige Spuren zu sichern, ist es dann meist zu spät. Daher ist es umso wichtiger, dass diese – äußerliche und innerliche Verletzungen, Abwehrspuren, Spermienproben – möglichst schnell dokumentiert werden.

Die anonyme Spurensicherung, wie sie im Hochsauerlandkreis seit 2016 die gynäkologischen Abteilungen der Krankenhäuser in Arnsberg und Brilon anbieten, ist hierfür eine enorm wichtige Einrichtung: Hier können Frauen rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche Hilfe finden, sich medizinisch versorgen und die Spuren sichern lassen – und zwar ohne dass sie zuvor offiziell eine Anzeige stellen mussten. Die Ärzte sind an ihre medizinische Schweigepflicht gebunden, können aber später, auf Wunsch, als Zeuge auftreten. „Die Frauen werden zudem auf ansteckende Krankheiten, HIV und Hepatitis untersucht, welche durch den Sexualkontakt übertragen worden sein könnten und bekommen auf Wunsch die ‚Pille danach‘ verschrieben“, erläutert Gynäkologin Dr. Anne Schwartz. Die Laborproben und die Dokumentationen anhand standardisierter Formulare werden codiert und anonym zehn Jahre lang an einem zentralen rechtsmedizinischen Ort verwahrt. Nicht einmal die Krankenkasse muss davon erfahren, die Untersuchung wird zurzeit über die allgemeine Notfallpauschale abgerechnet.

Regelmäßige Fortbildungen

Das Problem bei einer sofortigen Anzeige ist, dass danach der Ermittlungsprozess nicht mehr zu stoppen ist, denn eine Vergewaltigung zum Beispiel ist ein Kapitalverbrechen, das auch dann weiter verfolgt werden würde, wenn die oder der Betroffene einen Rückzieher macht. Die anonyme Spurensicherung bietet hier einen guten Ausweg. „Die betroffenen Frauen gewinnen somit Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, wie sie damit umgehen wollen. Sie entscheiden selbst und erleben nicht eine erneute Demütigung“, erklärt Jana Schlömer von der Frauenberatungsstelle in Meschede. Sie rät allerdings, nicht die ganzen zehn Jahre auszuschöpfen, weil mit der Zeit das Erinnerungsvermögen nachlässt und und Aussagen des Opfers oder eventueller Zeugen ungenauer werden.

Die gynäkologischen Zentren der Krankenhäuser sind im übrigen auch Anlaufstelle für Männer, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Denn nur dort gibt es die Spurensicherungs-Kits, die eine rechtssichere und geschützte Dokumentation ermöglichen und die Gynäkologen dort sind im Umgang damit geschult (Die weitere medizinische Behandlung würden dann aber Urologen übernehmen).

„Jede Sexualstraftat ist ein medizinischer Notfall“, steht auf den Informationsbroschüren der Frauenberatungsstellen. Noch immer kennen allerdings zu wenige Frauen, Ärzte und Mitarbeiter von Beratungsstellen und sozialen Diensten die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung. Zudem achten viele Gynäkologen nicht auf Spuren, die außerhalb des gynäkologischen Bereichs liegen, wie zum Beispiel Einblutungen im Auge, wie sie nach Würgeangriffen typisch sind. Deshalb veranstalten die Frauenberatungsstellen gemeinsam mit Rechtsmedizinern und den Krankenhäusern regelmäßig Fortbildungen. Die nächste findet am Mittwoch, 14. November, von 14 bis 17 Uhr im Krankenhaus Maria-Hilf in Brilon statt; Anmeldungen nimmt das Krankenhaus entgegen. Referenten sind: Prof. Dr. Heidi Pfeiffer vom Rechtsmedizinischen Institut der Uni Münster, Gynäkologin Anne Schwartz vom Krankenhaus Brilon, Staatsanwältin Eike Andrea Bramlage, Arnsberg und Psychologin Susanne Willmes von der Frauenberatung Meschede. Ärzte, Sozialpädagogen, Berater und Therapeuten können danach als Multiplikatoren wirken, welche mit Plakaten, Flyern, Visitenkarten und vor allem im persönlichen Gespräch auf die Möglichkeit der vertraulichen Spurensicherung aufmerksam machen.

Jede siebte Frau ab dem 16. Lebensjahr betroffen

Jede siebte Frau ab dem 16. Lebensjahr hat im Übrigen bereits sexualisierte häusliche Gewalt erlebt. 2018 hatten von 269 Fällen, in denen Frauen die Beratungsstelle in Meschede aufgesucht haben, 69 mit sexueller Gewalt zu tun. In Arnsberg waren es im Jahr 2017 91 von 464 Fällen.

Die Initiative zur anonymen Spurensicherung ging vor acht bis zehn Jahren von Frauenberatungsstellen in Frankfurt und Köln aus. Das Projekt läuft im HSK jetzt im dritten Jahr. „Es gibt noch einige Detailfragen zu klären, besonders was die Kostenübernahme und rechtliche Fragen angeht“, erläutert Plenge. Um so mehr schätzen sie das Engagement der meisten Mediziner, die Aufwendungen häufig intern verrechneten.

Anlaufstellen für Frauen im HSK sind, neben den beiden Kliniken in Arnsberg, Tel. 0 29 32/ 95 20 und Brilon, Tel. 0 29 61/ 78 00, die Frauenberatungsstellen in Meschede, Tel. 0 29 1/5 21 71, www.frauenberatung-hsk.de und Arnsberg, Tel. 0 29 31/20 37, www.frauen-hsk.de.

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