Forschungsprojekt bringt neue Erkenntnisse

Bombenangriff auf Brilon im Jahr 1945 war reiner Zufall

Bombenangriff Brilon
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Carsten Schlömer, Helmut Mengeringhausen, Dr. Peter Becker und Winfried Dickel präsentierten die wahren Gründe zur Bombardierung Brilon.

Brilon. Der Bombenangriff auf Brilon am 10. Januar 1945 liegt mehr als sieben Jahrzehnte zurück. Die Gründe, warum das ländlich gelegene Brilon als Ziel ausgewählt worden war, darüber ranken sich seither Gerüchte und Spekulationen. Durch ein Forschungsprojekt sind jetzt die wahren Umstände ans Licht gekommen. Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit am Donnerstagabend im Museum Haus Hövener präsentiert.

Die Ausstellungen im Museum Haus Hövener und die Gespräche aus den Zeitzeugenabenden der Bombardierung gaben Carsten Schlömer (wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums Haus Hövener) und Dr. Peter Becker (Universität Paderborn) den Anstoß, diesen Teil der Briloner Historie unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Alles bisher Bekannte beruhte auf den damals heimlich geschossenen Bildern und insbesondere Erzählungen, die von Emotionen über die Katastrophe getragen werden. Im Zuge des Forschungsprojektes wurden Thesen des regionalen Kanons hinterfragt, auch die Publikationen von Josef Rüther und Hugo Cramer differenziert betrachtet und aktuellere Forschungsarbeiten herangezogen. Dieses erlaubte einen Perspektivwechsel, der für die Briloner Zeitgeschichte beispiellos ist. 

Die Spurensuche führte in die USA. Fast jede militärische Einheit der alliierten Streitkräfte ist durch Veteranenverbände vertreten, die das historische Erbe erhalten. „Wir haben uns in Form einer wissenschaftlichen Anfrage mit diesen in Verbindung gesetzt,“ erklärt Dr. Peter Becker: „Die Antworten des Veteranenverbandes der 303. Bomberstaffel der 8.US Air Force enthielt eine digitale Missionsliste, in der Brilon als Ziel von Bombenabwürfen auftrat.“ 

Mit dieser Spur sammelten die beiden Wissenschaftler in akribischer Feinarbeit immer weitere Informationen, die im Ergebnis eine Rekonstruktion des Geschehens vom 10. Januar 1945 in Brilon aus Sicht der amerikanischen Streitkräfte darstellt.

Brilon war leicht anzufliegen

Der Bombenangriff am 10. Januar 1945 richtete in Brilon viel Zerstörung an.

Die Recherche im Rahmen des Forschungsprojektes zeigte, dass nicht Brilon das Ziel dieses Einsatztages am 10. Januar 1945 war, vielmehr sollte die in Molesworth in Südengland stationierte Bomberstaffel Flugplätze in Bonn und Limburg sowie einen Rangierbahnhof in Köln angreifen. Dennoch erscheint im Verlauf der Protokolle der US Air Force der Verweis, dass acht B-17 Bomber 266 Bomben auf die Stadt Brilon abwarfen. 

Der Grund dafür war die schlechte Wetterlage mit starkem Schneefall im Bereich des eigentlichen Angriffsziels. Durch die nicht mögliche Navigation und verschiedene Flakstellungen, die den kürzesten Rückweg der Bomber verhinderten, führte der neue Kurs über Brilon hinweg. Dort herrschten an diesem Tag Sonne und klarer Himmel. Im Sauerland gab es für die Bomber der US Air Force verschiedene Dörfer, die als Ziel hätten infrage kommen können, um die Bombenlast abzuwerfen und dadurch Schäden im Feindesland herbeizuführen. Diese wurden aber als nicht lohnend eingestuft. 

Brilon bestand dagegen aus einem komprimierten Stadtkern, der wohl durch seine enge Bebauung leicht anzufliegen war. Auch die Probsteikirche als zentraler Orientierungspunkt mag dabei eine Rolle gespielt haben. Den Behauptungen, dass Wehrmachtsbewegungen oder andere Handlungen, wie das immer wieder zitierte Exerzieren einer Hitlerjugendeinheit auf dem Schulhof, die US-Bomber zu einem Angriff provoziert hätten, widersprechen die neuen Forschungsergebnisse. 

Flughöhe der Bomber war zu hoch 

In zeitgenössischen Filmaufnahmen, die noch zwei Wochen lang auf einem Monitor im Museum Haus Hövener angeschaut werden können, ist klar zu erkennen, dass die Flughöhe amerikanischer Bomber bei einem Rückflug viel zu hoch war, um einzelne Bewegungen auszumachen. Die in der bisherigen Historie zitierten Aktivitäten von Wehrmacht und HJ waren somit für die Piloten schlichtweg nicht erkennbar. Ein weiterer Beleg dafür ist, dass ein solcher Vorfall nirgends in den offiziellen Missionsbeschreibungen zu finden ist. 

„Wir werden diese Informationen in das Stadtmodell einpflegen“, fasst Winfried Dickel zusammen und verweist auf die in der Bibliothek des Museums ausgestellten Bilder und Berichte über den Angriff, seinen Folgen und mehr als 40 Toten: „ Ein Museum und damit auch das Haus Hövener hat den Auftrag zu bewahren, zu präsentieren, aber auch zu forschen und zu lehren. Die neueste Erkenntnis über die Stadtgeschichte ist ein gutes Beispiel dafür.“

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