"Die sehen genauso aus wie wir"

Auch beim Frühstück fallen kulturelle Unterschiede auf (von links): Kreisjugendpfleger Christian Schulte-Backhaus, Stefanie und Julia Tilli, Sharon Kiryati, Maya Bardenstein, Moshe de Garcea und Dina Berdichevsky. Foto: Jana Sudhoff

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It's a wow" entfährt es dem Besuch, als er das Frühstücksangebot bei Familie Tilli in Brilon sieht. Schon der Start in den Tag deckt kulturelle Unterschiede zwischen Israel und Deutschland auf. 21 Jugendliche - 14 aus Israel und sieben aus dem Hochsauerland - hatten jetzt 14 Tage lang die Gelegenheit, sich bei der internationalen Jugendbegegnung (Hintergrund siehe Infokasten) kennen zu lernen, neugierig auf die andere Nation zu werden und sich mit der gemeinsamen Geschichte auseinanderzusetzen.

Dass die erste Mahlzeit am Tag hier reichhaltiger ausfällt als bei den Gästen, ist nicht der Tatsache geschuldet, dass die Israelis ärmer sind, wie manch einer irrtümlich glauben mag. "Wir haben auch Autos", kokettiert die 16-jährige Sharon Kiryati, die zusammen mit Maya Bardenstein bei Familie Tilli in Brilon untergekommen ist. Wie die beiden erleben zwölf andere Jugendliche den Alltag in ihren Gastfamilien in Olsberg, Sundern, Allendorf, Siedlinghausen, Hallenberg und Winterberg. Auch beim gemeinsamen Programm - unter anderem bei Kooperationsspielen im Mosaik am Sorpesee, im Klettergarten im Wildwald Vosswinkel, in der alten Synagoge in Meschede, bei Gruppenarbeiten, bei Ausflügen nach Köln und Berlin - haben die Teenager ausreichend Gelegenheit, sich gegenseitig unter die Lupe zu nehmen.

In Israel machen die Jugendlichen in den Ferien typischerweise die ganze Nacht Party, gehen um 6 Uhr morgens erst ins Bett, schlafen oft bis 16 Uhr und ernähren sich den Tag über eher von "Coffee to go" und Obst, bis es abends zu Hause Essen gibt, hat Gastschwester Stefanie Tilli erfahren. Sie hat schon gemerkt, dass die Einstellung ihres Besuchs viel entspannter ist.

Häuser sind ein beliebtes Fotomotiv

Die 16-Jährige ist sich sicher, dass sie bei ihrem Gegenbesuch in Israel im Herbst "ganz, ganz andere Lebensumstände" erwarten. Unterschiede, die auch die Israelis faszinieren. So sind auch die Häuser hier ein beliebtes Fotomotiv. "Sie sind nicht gewohnt, dass so viele unterschiedliche Häuser nebeneinander stehen", berichtet die Brilonerin. Spannend fanden ihre Besucher auch, dass sie in der "Anne-Frank-Straße" wohnten, was natürlich ebenfalls mit der Kamera eingefangen wurde.

Auch die gemeinsame Geschichte wird bei dem Austausch nicht ausgespart, sondern die Auseinandersetzung bewusst forciert. "Was hat der Holocaust persönlich mit mir zu tun?" war etwa eine Frage einer Gruppenarbeit. Gezeigt hat sich, dass die Israelis emotionaler verbunden sind mit dem Thema Holocaust, während bei den Deutschen mehr der Zweite Weltkrieg im Vordergrund steht. "Die jüngere Generation diskutiert offener", hat Begleiterin Dina Berdichevsky erfreut beobachtet.

Unfreiwillig sahen sich die Jugendlichen dann bei ihrem Besuch in Dortmund mit dem Thema Rechtsradikalismus konfrontiert, als sie von Neonazis angesprochen wurden, die Werbung für ihre nächste große Demonstration machten. "Das war hart zu sehen. Ich hatte wirklich Angst davor. Wie kann so etwas passieren?", fragte Sharon Kiryati. Vor lauter Redebedarf haben die Ausflügler sogar ihren Zug verpasst. "Die Israelis haben nicht verstanden, dass so etwas in Deutschland erlaubt ist", sagt Stefanie Tilli. Zu einer Konfrontation mit den Rechten kam es nicht.

"Man erkennt keinen Unterschied zwischen den deutschen und den israelischen Jugendlichen. Wir sind weit entfernt von Stereotypen", ist Betreuer Moshe de Garcea aufgefallen, der sich gefreut hat, wie natürlich das Zusammentreffen der Jugendlichen im Austausch verlaufen ist.

"Die sehen genauso aus wie wir", resümiert auch Stefanie Tilli. Auch Maya Bardenstein hat ihr Wissen über die Deutschen ergänzt: "Die Deutschen sind eine glückliche Nation mit großer Kultur, und die Menschen sind wärmer, als ich gedacht habe, freundlich, natürlich." Verband sie früher mit Deutschland als Erstes den Gedanken an den Holocaust, hat sie ihre Eindrücke geändert. Auch Stefanie Tilli bekommt im Herbst die Gelegenheit, neue Eindrücke über Israel zu sammeln.

Hohe Sicherheitsstandards

Mutter Beatrix Tilli freut sich für ihre Tochter und ist ob der politischen Situation vor Ort nicht aufgeregt. "Wir planen das Programm mit größtmöglicher Sorgfalt", sagt Kreisjugendpfleger Christian Schulte-Backhaus. Man stehe in Kontakt zum Auswärtigen Amt, der Botschaft in Israel sowie der örtlichen Stadtverwaltung.

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