"Kinder sind motorisch viel fitter"

Erfahrungsaustausch: Erzieherinnen aus Gudenhagen lernten Kindergartenalltag in Israel kennen

Auf den ersten Blick optisch nicht sehr ansprechend, jedoch offensichtlich mit einem hohen Spielwert für die Kinder sind die Außengelände der Kindergärten, die Sarah Pohl und Anne Müller in Israel besucht haben.

Gudenhagen-Petersborn – Auf Einladung des Hochsauerlandkreises waren die Erzieherinnen Sarah Pohl und Anne Müller vom Kindergarten Gudenhagen Anfang Mai zu einem einwöchigen Erfahrungsaustausch in Israel und lernten den dortigen Kindergartenalltag kennen. Wieder zurück in Deutschland, berichteten sie ihren Kolleginnen und Erzieherinnen und Eltern anderer Einrichtungen davon.

Insgesamt reisten vier Erzieherinnen aus dem Kreis mit ihrer Koordinatorin Else Garske nach Tel Aviv; Platz wäre für fünf gewesen. Aus Brilon war zum ersten Mal jemand beteiligt. 

Vom Flughafen aus wären es eigentlich anderthalb Stunden Fahrzeit zu ihrem Bestimmungsort Megiddo gewesen, doch ihre Fahrerin verfuhr sich – und so erlebten sie sogleich ihr erstes Abenteuer. Dort endlich angekommen, lernten sie ihre jeweiligen Ansprechpartner kennen und erlebten zum ersten Mal die berühmte Gastfreundlichkeit im Nahen Osten. 

Anne Müller und Sarah Pohl erzählten anschaulich interessierten Kolleginnen von ihren einwöchigen Aufenthalt in zwei israelischen Kindergärten.

Am nächsten Tag ging es in ihre Einrichtung; jede Erzieherin war einem anderen Kindergarten zugeteilt, wo sie die Woche verbringen würden. Sarah Pohl „landete“ im Kindergarten Kallanit, einer aus drei Häusern bestehenden Einrichtung, wo sie von der Gruppe der ältesten Kinder sehr offen und neugierig begrüßt wurde. In ihrer Gruppe waren 14 Kinder, jede Gruppe wurde nur von einer professionellen Erzieherin geleitet, unterstützt von Assistenten. 

Weder die anderen Erzieherinnen noch irgend eins der Kinder sprach Englisch - und sie natürlich kein Hebräisch oder Arabisch, die Verständigung klappte aber mit Händen und Füßen. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie sich ausländische Kinder bei uns fühlen müssen“, sagte sie nachdenklich. 

Neu war für sie, in einer religiös geprägten Einrichtung zu arbeiten. Schultern und Knie hatten stets bedeckt zu sein und so musste ihre sommerliche Kleidung überwiegend im Koffer bleiben. 

„Die Inneneinrichtung des Kindergartens war ähnlich wie bei uns, mit Tischgruppen und besonderen Spielecken“, beobachtete sie. Auch der Tagesablauf war ähnlich, mit gemeinsamem Frühstück, Stuhlkreisen und sehr viel Freispiel. Anders als bei uns, brachten sich die Erzieherinnen wenig in die Aktivitäten der Kinder ein, diese spielten weitgehend für sich. 

Geringere Reizüberflutung

Die Kinder brachten ihr Frühstück in Tupperdosen von zu Hause mit – der Inhalt unterschied sich allerdings sehr: Anstelle von Wurst- oder Käsebroten gab es Pitabrot, Salate und Gemüse. Frühmorgens ging es nach draußen und, den klimatischen Bedingungen geschuldet, spätestens mittags wieder nach drinnen. 

Das Außengelände war für Sarah Pohl zunächst ein Schock: „Das glich eher einer Müllhalde.“ Ausrangierte Haushaltsgeräte, Töpfe, Pfannen, Kanister – sogar eine alte Mikrowelle – sowie improvisierte Klettermöglichkeiten, kaum Grün, wenig Farben. 

Darin unterschied sich auch der Kindergarten in Ramat-HaShofet, den Anne Müller besuchte, nicht. Sie war einer U-3-Gruppe zugeteilt. Sie stellte jedoch fest, dass dies kein Zeichen von Armut war, sondern ein bewusstes Konzept: „Trash Garden“ hieß bei ihr der Außenbereich; also Müll-Garten. 

Schnell bemerkten die beiden Deutschen, dass die Kinder sich mit dem was vorhanden war sehr kreativ und ausdauernd beschäftigten. Auch wenn beim Herumklettern der Kinder ihre Alarmglocken schrillten, blieben die israelischen Erzieherinnen stets gelassen. Sie bemerkten bald: „Die Kinder sind motorisch viel fitter als bei uns.“ 

Auch selbständiger: Bereits die Zweijährigen zogen sich alleine die Schuhe an. Positiv fiel Anne Müller auch auf, dass es nicht so viel Lärm und Geschrei gab: Die Kinder wirkten entspannter und disziplinierter. 

Im Innenbereich erfuhr sie, dass die Kinder keinen freien Zugang zu den Spielsachen hatten, sondern dass die Erzieherin jeweils eine Kiste, einem bestimmten Thema entsprechend, zur Verfügung stellten. Auch hier gab es viel Selbstgemachtes oder Haushaltsgegenstände, wie zum Beispiel eine Kiste mit Deckeln in den unterschiedlichsten Formen und Farben. 

Gerade für die Kleineren fand sie dies, im Vergleich zur Reizüberflutung in den hiesigen Kindergärten, förderlich und wohltuend. „Das ist etwas, das wir unbedingt bei uns auch mal ausprobieren wollen: Weniger Spielzeug und dies gezielter für einen bestimmten Zeitraum einsetzen“, so Pohl. 

Nicht wissend, wohin sie kommen würde, hatte Müller ein Tier-Memory als Geschenk mitgebracht. „Das war natürlich für eine U3-Gruppe nicht geeignet“, bedauerte sie. Die Erzieherin habe das Puzzle aber sehr geschickt so eingesetzt, dass es auch für die Kleinen eine Bereicherung war. 

Ungewohnt war für die Brilonerinnen, dass jeder Kindergarten und fast jedes Privathaus einen eigenen Bunker besitzt. „Angst hatten wir aber zu keinem Zeitpunkt“, versicherten beide. 

"Ein Babyhaus, das wünschen wir uns auch hier"

Eine Besonderheit erlebten die beiden Erzieherinnen, denn während ihres Aufenthalts wurde zum einen ein Gedenktag für die gefallenen Soldaten gefeiert, sowie der israelische Unabhängigkeitstag, der ihnen einen freien Tag für einen Ausflug nach Tel Aviv bescherte und eine Einladung zu einer großen Familienfeier im Haus von Sarah Pohls Kontaktperson. 

Viel Freizeit blieb den beiden ansonsten nicht. Sie arbeiteten zwar immer nur einen halben Tag im Kindergarten, nachmittags standen aber meist weitere Ausflüge und Besichtigungen an. So lernten sie die altertümliche Stadt von Meddino kennen, fuhren aber auch zum See Genezareth oder nach Jerusalem. Bei der rasanten Fahrt auf einer engen, gewundenen Straße hoch zum Ölberg stockte ihnen der Atem. „Wir haben schon gut was erlebt“, fasste es Müller zusammen. 

Am letzten Tag lernten sie noch eine besondere Einrichtung kennen, ein Baby-Haus, in dem junge Mütter mit ihren Babys Kontakt zu anderen Eltern knüpfen können und zudem auch Beratung und Hilfe finden. „Das wünschen wir uns auch hier“, waren die beiden begeistert. 

Zum Abschluss ihres Aufenthaltes gab es eine Reflektionsrunde mit allen Erzieherinnen und dem Bürgermeister im Rathaus, wo sie ihre Beobachtungen mitteilen konnten. 

Im Oktober werden ihre beiden israelischen Kolleginnen zum Gegenbesuch in den Kindergarten Gudenhagen kommen. „Wir würden dann aber gerne mit ihnen auch andere Kindergärten in Brilon besuchen“, schlug Pohl vor. Da sie selbst in Brilon in einer U3-Gruppe arbeitet, hatte sie es etwas bedauert, nicht auch andere Einrichtungen kennengelernt zu haben. 

Insgesamt zogen die beiden ein positives Fazit: „Wir würden jederzeit wieder dorthin fahren.“ Nur die strengen Sicherheitskontrollen bei der Ausreise seien sehr stressig gewesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare