Geschichte neben Moderne

Essigturm in Brilon-Wald war beim "Tag des offenen Denkmals" ein besonderer Besuchermagnet

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Die zwei ehemaligen Degussaner Hermann-Josef Gottschlich und Manfred Frigger (v.l.) wussten viel aus der alten Zeit zu berichten, als der Essigturm ihr Arbeitsplatz war.

Brilon-Wald - Der markante, sogenannte Essigturm der ehemaligen Degussa Holzkohleproduktion in Brilon-Wald war am Sonntag ein besonderer Magnet im Zuge des Tages des offenen Denkmals; geschichtsträchtig und noch vielen ehemaligen „Degussanern“ als Teil ihres Arbeitsplatzes in wacher Erinnerung.

„Wenn wir mit der heutigen Aktion bestimmt etwas richtig gemacht haben, dann das wir wenigstens 20 ehemaligen Mitarbeitern des Werkes noch einmal ein Stück ihres Arbeitslebens aufzeigen konnten“, erklärte kurz nach Öffnung der Pforten Dr. Christian Dresel, der neue Besitzer des alten Essigturmes und der dazugehörigen Fläche, auf dem der promovierte Physiker ein neues Werk mit Weltmarktführer Know-How aufbaut. 

Doch mit dieser Zahl hatte der sich sehr mit dem Ortsteil Brilon-Wald verbunden fühlende Unternehmer nicht so ganz Recht gehabt, denn es waren in der Mittagszeit weit über hundert Besucher zugegen, die es sich nicht haben nehmen lassen dieses einzigartige Industriedenkmal persönlich in Augenschein zu nehmen. 

Mit viel Überzeugung unterstrich Dresel gegenüber Bürgermeister Dr. Christof Bartsch und Ortsvorsteherin Ariane Drilling: „Wir geben viel Geld aus zur Erhaltung von alten Kirchen. Aber es ist doch genau so wichtig ein Stück Industriegeschichte zu erhalten, in der Tausende von Arbeitern im Laufe der vielen Jahrzehnte den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdient haben.“ 

"Es gibt so Dinge, die vergisst man nie."

Zwei davon, die sich in ihrem Arbeitsleben nie begegnet sind, aber viele Gemeinsamkeiten von Erlebtem zu berichten hatten, sind am Sonntag erstmals zusammengekommen: Als Hermann-Josef Gottschlich, schwerpunktmäßig in der Aktivkohle-Produktion und als Betriebsleiter bis 1993 bei der Degussa tätig, gegenüber dem SauerlandKurier den Aufbau und die Funktion des Essigturms mit der Raffinierung und Destillation des bei der Holzkohleproduktion anfallenden Holzkohleteers zur anschließenden Essiggewinnung erklärte, klinkte sich Manfred Frigger in das Gespräch ein: „Hier habe ich am 3. April 1956 meine Ausbildung zum Starkstrom-Elektriker begonnen. Wie oft bin ich diese vielen Stufen des Turmes hoch und runter gelaufen. Den kleinen Aufzug hier habe ich 1958 mit renoviert und neue Kabel eingezogen. Ich weiß noch, dass nur ein ganz kleiner Motor mit entsprechender Übersetzung das Ganze an einem Seil bewegt hat. Mit einer kleinen Kurbel konnte bei Ausfall der Technik per Hand der Korb bis zur nächsten Etage gebracht werden, damit der Arbeiter dann dort aussteigen konnte.“ 

Anschließend zeigte er in die zweite Etage des mit Stahltreppen und vielen aufeinanderfolgenden Gitterrosten ausgestatteten Essigturms: „Da habe ich an einer elektrischen Bohrmaschine aus Metall den ersten Stromschlag meines Lebens bekommen. Es gibt so Dinge, die vergisst man nie.“ 

Erinnerungen weckte bei den ehemaligen Mitarbeitern auch so manches Bild aus den fünf ausgelegten Fotoalben, das die alten Zeiten nochmals aufleben ließ. Aber auch für die Besucher die erstmals im Essigturm waren, zeigten die vielen, teils bebilderten, Erklärungen was hier einstmals als Industriegeschichte Alltag war. Diese ganzen Eindrücke unterstrich das Glas mit dem Holzteer, das als Geruchsprobe ausgestellt war, mit dem typischen Geruch, der bis in den 60er und 70er Jahren über dem Ortsteil omnipräsent war und bei entsprechen Wind sogar bis nach Petersborn als „Es stinkt von der HIAG“ zu riechen war. 

Auch wenn die Ära der Holzkohleproduktion in Brilon-Wald schon lange Geschichte ist, wird der Essigturm dies als einmaliges Industriedenkmal in Erinnerung halten.

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