Hoffen und Bangen

Kirchenasyl in der Evangelischen Gemeinde Brilon ist beendet

Aus ihrer Sicht war das Kirchenasyl erfolgreich: (v.l.) Pf. Rainer Müller, Pf. Kathrin Koppe-Bäumer, Synodalbauftragte Elisabeth Patzsch, Koordinator ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit Rolf Plauth sowie, stellvertretend für alle, drei der 20 Integrationspaten: Constanze Piontek, Heinz-Otto und Inge Reupke. Foto; Kristin Sens
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Aus ihrer Sicht war das Kirchenasyl erfolgreich: (v.l.) Pf. Rainer Müller, Pf. Kathrin Koppe-Bäumer, Synodalbauftragte Elisabeth Patzsch, Koordinator ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit Rolf Plauth sowie, stellvertretend für alle, drei der 20 Integrationspaten: Constanze Piontek, Heinz-Otto und Inge Reupke.

Brilon. Sechs anstrengende Monate, sechs Monate voller Herausforderungen sind vorbei: für die Libanesin und für die Evangelische Kirchengemeinde Brilon, welche die junge Frau aufgenommen hatte. Anfang Juli ist sie in ihre Erstaufnahmeeinrichtung in Wickede zurückgekehrt, mit der Aussicht auf ein Asylverfahren in Deutschland.

Sechs Monate in Angst und Ungewissheit leben, sechs Monate in Isolation, eingegrenzt auf den Bereich des Evangelischen Gemeindezentrums, der deutschen Sprache nicht mächtig, wären für jeden Menschen eine belastende Situation. Dass es überhaupt erträglich war, ist der Verdienst vieler ehrenamtlicher Helfer aus der Gemeinde und aus Brilon – besonders aus dem Kreis der Migranten und Flüchtlinge die in Brilon leben. Sie kauften für die junge Frau ein, übersetzten, übten mit ihr Deutsch, oder waren einfach nur für sie da, leisteten ihr Gesellschaft, mit Empathie und Sympathie. So pflegten auch Christen mit der Muslimin im Ramadan das abendliche Fastenbrechen. „Es war ein wahrhaftig ökumenisches, interkulturelles Projekt“ unterstrich Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer.

Elisabeth Patzsch, Synodalbeauftragte für Flüchtlingsarbeit im Kirchenkreis Arnsberg, wurde von der Evangelischen Landeskirche mit der Aufgabe betreut, einen Ort für das Kirchenasyl ausfindig zu machen. Neben Brilon gab es noch zwei weitere Gemeinden, die zunächst bereits waren, dann aber doch einen Rückzieher machten, weil sie sich der Aufgabe nicht gewachsen sahen. So wurde aus der „dritten Option“ die „erste Option“, wie Patzsch erzählte. Bereits im Vorfeld hatte sich die Gemeinde, hatte sich der Kirchenvorstand, Gedanken darüber gemacht und im Juni vorigen Jahres war das Presbyterium übereingekommen, grundsätzlich einem Kirchenasyl offen gegenüber zu stehen, sollten es die Umstände erfordern. „Wir standen bereit“, erinnerte sich Koppe-Bäumer.

Dank der in Brilon existierenden Strukturen, wie den Integrationspaten oder dem Verein Kunterbunt, fand sich, unter der Koordination von Rolf Plauth von der Diakonie Ruhr-Hellweg, schnell ein Kreis von rund 20 aktiven Helfern, darunter auch vier aus Olsberg. Sie wechselten sich mit dem Besuchsdienst ab. „Das war sehr wichtig, weil die Frau ja das Haus nicht verlassen durfte“, erklärte Plauth.

Kirchenasyl politisch nicht gewollt

Von Vorteil war auch, dass im Gemeindezentrum, in dem die Libanesin ihr Kirchenasyl bezog, das Café International und das multikulturelle Nähcafé untergebracht sind. Obendrein werden hier für Zuwanderer von der VHS Deutschkurse angeboten. Die mediale Berichterstattung – auch der SauerlandKurier berichtete – habe dazu beigetragen, dass es aus weiten Teilen der Bevölkerung Unterstützung in Form von Spenden gab, betonte die Pfarrerin. „Dadurch entstand unter dem Strich für die Gemeinde keine finanzielle Belastung“, erklärte Pfarrer Rainer Müller.

Den Helferkreis habe sie zuletzt wie eine große Familie empfunden, bekamen die Integrationspaten zurück gespiegelt. Sobald das Asylverfahren – hoffentlich positiv zu ihren Gunsten – beendet sei, wolle sie sich in der Gemeinde mit einem Fest bedanken. „Von unserem Ziel her, war das Kirchenasyl erfolgreich; die Frau wird nicht nach Frankreich abgeschoben“, fasste Plauth zusammen. Ihr Antrag auf ein Asylverfahren in Deutschland war zunächst mit der Begründung abgelehnt worden, sie habe Europa in Frankreich betreten. In Deutschland aber, sind Teile ihrer Familie beheimatet.

Am schwierigsten zu bewältigen waren für die Gemeinde die formalen Hürden, wie Müller berichtete. Denn die Frau war ja nicht „klammheimlich“ versteckt, sondern offiziell ins Kirchenasyl aufgenommen worden. Um ihren Anspruch auf das sechsmonatige Kirchenasyl zu gewährleisten, musste für die Bundesanstalt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein umfangreiches Dossier erstellt werden. „Dafür haben wir ganze fünf Monate gebraucht“, erklärte Koppe-Bäumer. Und die Hürden werden zukünftig noch höher: Wenn dann dem BAMF nicht innerhalb von vier Wochen das Dossier vorliegt, könne sich die Anrechnungszeit auf 18 Monate verlängern, wie die Pfarrer erläuterten. Zudem müsse das Verfahren zwingend über die Landeskirche laufen und es muss eine Begutachtung des BAMF erfolgen.

Für die Geistlichen ist das eindeutig eine politisch motivierte Entscheidung: Kirchenasyl ist nicht gewollt. „Sechs Monate sind schon eine harte Probe – die Verschärfung auf 18 Monate halte ich für sehr bedenklich – vor allem, wenn man sieht, dass 40 Prozent der Asylentscheide vor Gericht als fehlerhaft eingestuft werden“, betonte Plauth.

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