Prozess voller Widersprüche

Missbrauch in Brilon: Audioaufnahmen und Zeugen im Fokus

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Der Angeklagte Dominik H. hörte sich die Zeugenaussagen am dritten Prozesstag an. 

Brilon/Arnsberg. Der Prozess gegen einen 28-jährigen Mann aus Essen ging am Freitag vor der sechsten Großen Strafkammer als Jugendschutzkammer am Landgericht Arnsberg in den dritten Verhandlungstag. Es wurden Zeugen befragt. Dominik H. muss sich wegen sexuellen Missbrauchs in sieben Fällen, davon in zwei schweren Fällen verantworten. Ihm wird vorgeworfen, die damals elfjährige Clara (Name von der Redaktion geändert), das Kind der Lebensgefährtin seines Vaters, 2014 im häuslichen Umfeld in Brilon mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Während der Bruder des Angeklagten Dominik H. diesem eine reine Weste attestierte, bestätigte der erst elfjährige Bruder des Opfers die Taten.

„Wir sind immer im Wald spazieren gegangen, haben viel zusammen gespielt“, sagte der elfjährige Bruder des Opfers vor Gericht. „Dominik und Clara haben sich geküsst, die hatten eine Beziehung. Geschlechtsverkehr habe ich jedoch nicht gesehen. Damit ich Mama und meinem Stiefvater nichts sage, habe ich ein Käppi geliehen bekommen“, so der Junge, der sich jedoch nur bedingt an die damalige Zeit erinnern konnte.

Zuletzt hatte der Angeklagte alle Vorwürfe komplett abgestritten. Er habe das Mädchen nie angefasst, außerdem sei er nie mit ihr alleine gewesen. Er habe stattdessen ein Verhältnis mit der Lebensgefährtin seines Vaters, also der Mutter des Opfers gehabt. Mit dieser habe er auch zusammen Drogen genommen, so Dominik H.

Der Bruder des Angeklagten äußerte sich wie folgt: „2014 haben wir in Brilon zusammengewohnt. Dominik, mein Erzeuger und dessen Freundin mit ihren Kindern. Wir haben viel gezockt, Fußball gespielt, sind ins Kino gegangen und haben uns in der Scheune die erste Etage ausgebaut, damit wir Ruhe vor den anderen Kindern hatten. Übernachtungen gab es dort nicht oft. Das Verhältnis zwischen Dominik und Clara war rein geschwisterlich.“

„Das Verhältnis war rein geschwisterlich“

Der 17-jährige Bruder berichtete weiter, dass das Mädchen in Dominik verliebt gewesen sei und er ihr mehrfach gesagt habe: "Das passt nicht vom Alter". „Da lief nichts zwischen dem Mädchen und meinem Bruder“, so der Bruder des Angeklagten. „Ich traue ihm das auch absolut nicht zu. Es gab weder einen Kusswettbewerb noch hat Dominik das Mädchen angefasst.“ Auf Nachfrage des Gerichts erklärte er weiter, dass es sich bei dem damaligen Kommentar „Dafür gehst du in den Knast, wenn ich auspacke“ lediglich um die Drogengeschäfte seines Bruders gehandelt habe. „Das versucht mein Erzeuger nur gegen mich zu verwenden“, so der 17-Jährige. „Das hatte rein gar nichts mit Clara zu tun. Dominik und die Freundin meines Vaters waren oft alleine in der Scheune.“ Er dachte, da laufe was, denn wer ihre Vorgeschichte kenne, wisse, dass man aus so einem Teufelskreis nicht mehr herauskomme.

Der Angeklagte hatte am zweiten Prozesstag, an dem auch das Opfer unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde, ausgesagt, dass ihn sein Bruder im Mai 2014 mit der Lebensgefährtin seines Vaters inflagranti erwischt habe. Dadurch habe auch sein Vater von dem Verhältnis erfahren. Dominik H. sagte aus, dass das Mädchen daraufhin von seinem Vater unter Druck gesetzt worden sei und deshalb eine Falschaussage gemacht habe. Dies könne er anhand von Telefonaten auf seinem Handy beweisen.

Diese wurde am dritten Prozesstag im Gericht vorgespielt. Darin war die heute 15-jährige zu hören, die in der Audio-Aufzeichnung zugab, nicht missbraucht worden zu sein. „Was sollte ich denn machen. Ich hatte totales Theater, durfte keinen Kontakt mehr zu dir haben. Ich hab das nur gesagt, weil sie sonst keine Ruhe gegeben hätten“, so das vermeintliche Opfer im Audio-Mitschnitt.

In den beiden abgespielten Telefonaten hatte der Angeklagte dem jungen Mädchen mehrfach gesagt: „Sag endlich die Wahrheit. Ich habe dir nichts zu kiffen gegeben und ich habe dich auch nicht angepackt. Du kannst mich mit deinen Anschuldigungen bis zu sechs Jahren ins Gefängnis bringen.“

Dem gegenüber stehen WhatsApp-Nachrichten des Angeklagten, die den angeblichen Missbrauch belegen sollen. Die Echtheit dieser Nachrichten stritt der Angeklagte am zweiten Prozesstag jedoch ab. „Mein Handy lag offen im Haus herum. Jeder hatte Zugriff darauf und hätte die Nachrichten schreiben könne“, sagte Dominik H.

Am dritten Prozesstag wurde zudem ein Gutachten der LWL-Klinik Marsberg verlesen, die dem Mädchen, dass dort stationär behandelt wurde, Anpassungsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen und eine deutliche soziale Beeinträchtigung attestierte. Eine Wiederaufnahme der Therapie wurde empfohlen.

„Ich habe darüber nur gelacht“

Auch die Mutter des Opfers wurde am dritten Prozesstag noch einmal in den Zeugenstand gerufen und auf ihre vermeintliche Affäre mit dem Angeklagten angesprochen. Sie stritt eine sexuelle Beziehung ab, gab jedoch zu, mit dem Beschuldigten in Chatverläufen mehrfach geflirtet zu haben. „Mein Freund unterstellte mir damals, das Kind mit dem ich schwanger war, wäre nicht von ihm, sondern von Dominik. Der Streit eskalierte soweit, dass er mich am Hals packte und vor die Wand warf. Dabei hatte ich kein Verhältnis mit Dominik. Ich hab darüber nur gelacht.“

Nach der Rückkehr der Kinder 2014 aus der Kur auf Nordermey, so betonte die Mutter des angeblichen Opfers am Prozesstag erneut, habe sie ihr Mädchen gefragt, wo Dominik mit seiner Hand war, ob er in ihre Hose oder an ihre Brust gefasst habe und auch, ob sie ihn oral hätte befriedigen müssen.

Weitere Zeugen sollen am 29. Januar, angehört und auch das Urteil gefällt werden.

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