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Stephan Schmidt aus dem Sauerland spricht über sein Leben mit einem Handicap

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Von: Daniela Weber

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Schmidt Handicap
Stephan Schmidt ist in seinem Alltag auf Gehstützen angewiesen. © Daniela Weber

„Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ – ein Spruch, den wohl viele kennen, und der das Lebensmotto von Stephan Schmidt widerspiegelt. Der Briloner leidet seit seiner Geburt an einer spastischen Zerebralparese, einer Störung des Muskelsystems. Trotzdem oder auch gerade deswegen hat der sympathische 35-Jährige in seinem bisherigen Leben nichts unversucht gelassen, um seine Ziele zu verwirklichen. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am heutigen Samstag, 3. Dezember, spricht er über sein Leben mit einem Handicap.

Brilon - „Man kann sich das so vorstellen, dass meine Muskeln in den Beinen permanent angespannt sind. Ich muss immer im Training bleiben, sonst verschlechtert sich meine Mobilität“, erklärt Stephan Schmidt, der in seinem Alltag auf Gehstützen angewiesen ist. Mit gezielter Physiotherapie und Eigeninitiative versucht der Briloner seine Beinmuskulatur zu lockern. „Das kennt ja jeder. Wenn man sich nicht bewegt, dann rostet man ein.“

Training mit dem Heimtrainer

Der 35-Jährige lacht herzlich und ergänzt: „Ich bin sehr engagiert und versuche regelmäßig mit einem Heimtrainer für zusätzliche Bewegung zu sorgen,“ Alleine ist er mit seiner Beeinträchtigung – mit der er offen und ohne einen Funken Wehmut umgeht – in seiner Familie nicht. Denn auch seine Zwillingsschwester Melanie ist betroffen. „Sie hat allerdings eine leichtere Ausprägung. Ursache ist ein Sauerstoffmangel im Mutterleib. Wir haben uns bisher bei allen Problemen, die aufgekommen sind, unterstützt. Das ist mir sehr wichtig.“

Wie verlief die Kindheit von Stephan Schmidt?

Doch wie verlief seine Kindheit? „Ich kenne es ja nicht anders. Ich bin mit der Gehbehinderung geboren. Aber mein älterer Bruder ist nicht betroffen, daher habe ich durch ihn das ,normale’ Leben kennengelernt.“ Schmidt bezeichnet seine Kindheit und Jugend selbst als „geschützten Rahmen“, so ein bisschen wie eine eigene Welt, in der er hauptsächlich mit Menschen zu tun hatte, die ebenfalls ein Handicap haben. „Als Kleinkind war ich in einem Kindergarten mit Förderung, auch meine Schulzeit habe ich auf Förderschulen verbracht. Ich wurde zum Beispiel von einem Beförderungstaxi abgeholt.“

Was ist eine Zerebralparese?

Eine Zerebralparese ist eine lebenslange Erkrankung, die Bewegung oder Koordination beeinträchtigt. Eine der Herausforderungen ist häufig eine schwere Spastik, bei der bestimmte Muskeln kontinuierlich zusammengezogen werden. Eine Zerebralparese wird durch Fehlbildungen des Gehirns verursacht, die vor, während oder kurz nach der Geburt auftreten.

Als Nachteil hat der Briloner diesen Umstand nie empfunden, im Gegenteil: „Ich hatte natürlich – wie jeder andere Mensch – auch meine Clique. Unter den anderen gehandicapten Kindern und Jugendlichen hatte ich einfach immer das Gefühl, ganz normal zu sein.“ Er lächelt und schwelgt weiter in Erinnerungen. Stolz blickt er auf seine Entscheidungen nach seiner Schulzeit zurück: „Meine Lehrer von der Förderschule in Olsberg hatten feste Pläne für mich und zwar eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Aber das wollte ich nicht. Also bin ich – das war schon fast eine Kurzschlussreaktion muss ich gestehen – zum Heinrich-Sommer-Berufskolleg in Olsberg gegangen und habe gefragt, was ich tun muss, um einen Hauptschulabschluss zu kriegen.“

Schulabschluss und Ausbildung

Ein Eignungstest und ein paar Gespräche später, gelang dem motivierten jungen Mann der Weg zu seiner gewünschten Schullaufbahn. „Die Schulzeit war hart und ich habe auch, im wahrsten Sinne des Wortes, manchmal einfach die Bücher an die Wand geschmissen. Aber es hat sich gelohnt. Danach habe ich im Josefsheim eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert. Damit ging ein Traum in Erfüllung.“ Ambitioniert und voller Tatendrang setzte er sich immer neue Ziele und peilte den ersten Arbeitsmarkt an.

Der Sprung dorthin war anspruchsvoll. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und war bei einigen Vorstellungsgesprächen. Einige Arbeitgeber fanden es super, dass ich auf den normalen Arbeitsmarkt wollte, andere scheuten sich. Für mich war klar: Ich möchte wegen meiner Leistung eingestellt werden und nicht weil ich gehandicapt bin.

Stephan Schmidt

Kein leichter Schritt: „Der Sprung dorthin war anspruchsvoll. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und war bei einigen Vorstellungsgesprächen. Einige Arbeitgeber fanden es super, dass ich auf den normalen Arbeitsmarkt wollte, andere scheuten sich. Für mich war klar: Ich möchte wegen meiner Leistung eingestellt werden und nicht weil ich gehandicapt bin.“ Dieser Schritt ist ihm gelungen: Mittlerweile hat er bei der Lebenshilfe Hochsauerlandkreis, die sich für Teilhabe und Inklusion einsetzt, seinen Traumjob gefunden. „Ich liebe es. Ich möchte Menschen mit Behinderung unterstützen, ihre Ziele zu erreichen und zeige ihnen mögliche Wege auf. Ich bin ja der beste Beweis dafür, was man erreichen kann.“

Stephan Schmidt
Gut gelaunt und voller Tatendrang: Stephan Schmidt aus Brilon arbeitet bei der Lebenshilfe HSK. © Privat

Auch privat ist Stephan Schmidt zufrieden, er lebt in einer eigenen Wohnung, trifft Freunde und genießt das Leben. „Klar, ein Großeinkauf ist für mich nicht leicht. Und manchmal bleiben Leute stehen und gucken mich an. Kinder fragen ihre Mütter: ,Warum läuft der Mann so komisch.’ Aber ich kenne das beste Rezept dafür: Humor. Denn mit Humor baut man Barrieren ab.“

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