"Gefahrenpotenzial: Tiefrot"

Turm der Evangelischen Stadtkirche Brilon hat keine Zukunft mehr

Dieses Bild wird spätestens in zwei Jahren der Vergangenheit angehören. Der an das Kirchenschiff angebaute Kirchturm wird 2021 abgerissen und durch einen neuen, freistehenden ersetzt (für Vollbild oben rechts klicken).

Brilon - Eine Kirche ohne Kirchturm – das ist wie ein Haus ohne Dach. Eigentlich unvorstellbar. Und doch wird man sich in Brilon an diesen Gedanken zumindest für eine gewisse Zeit gewöhnen müssen, denn der Kirchturm der Evangelischen Stadtkirche ist so marode, dass nur noch ein Abriss infrage kommt.

„Daran führt leider kein Weg vorbei“, erklärt Pfarrer Rainer Müller. Seit 2012 ist er Seelsorger in Brilon und seitdem schwebt das Thema wie das berüchtigte Damoklesschwert über der Kirchengemeinde: „Ich habe immer gewusst, dass wir uns damit intensiv werden beschäftigen müssen; dass wir da ein echtes Problem haben.“ 

Zunächst aber haben sich die Experten mit dem Kirchturm beschäftigt und deren Expertise war ebenso schonungs- wie alternativlos: Der Turm ist nicht mehr zu retten. In den fast einhundert Jahren (gebaut worden ist er 1922) ist das Fugenmaterial derart porös geworden, dass der Kalk buchstäblich aus den Ritzen rieselt. Müller: „Auf einer Skala für das Gefahrenpotential leuchtet die Farbe Tiefrot.“ Aus diesem Grund ist der Turm bereits seit einiger Zeit eingerüstet und eingenetzt, sodass die Verkehrsicherungspflicht erfüllt wird. 

Pfarrer Rainer Müller mit einem historischen Foto der Briloner Stadtkirche.

Inzwischen hat sich das Presbyterium in vielen Sitzungen mit der Zukunft seiner Kirche beschäftigt und sich mit dem Bochumer Architektenbüro Boländer und Hülsmann kompetente Hilfe an die Seite geholt. Die haben erste Entwürfe vorgestellt. Noch im Januar sollen diese präzisiert und mit der notwendigen Kostenschätzung unterlegt werden. 

„Die Entwürfe sind sehr vielversprechend, weil sie uns auch die Chance geben, unsere Kirche, die 1856 errichtet worden ist, ganz neu zu denken“, betont Pfarrer Müller. Der anstehende Abriss des Turmes wird so auch als Chance gesehen, das komplette Gebäude aufzuwerten und auch an die Anforderungen der Zeit anzupassen. So gebe es zum Beispiel eine sehr schöne Front mit schönen Fenstern, die bisher aber durch den 1922 davor gesetzten Kirchturm versteckt werde. 

Städtebauliche Aufwertung

„Städtebaulich“, so der Briloner Pfarrer, „kann das gesamte Areal jetzt deutlich aufgewertet werden.“ Und wenn man schon einmal dabei ist, kann man sich auch gleich noch ganz andere Wünsche erfüllen: etwa einen Raum, in dem man ein Kirchencafé unterbringen kann oder eine vernünftige Toilettenanlage, die Neugestaltung des Innenraumes und des Vorplatzes: „Da ist jetzt vieles denkbar“, sieht Müller reichlich Entwicklungspotenzial. 

Klar ist aber auch: So ganz ohne Kirchturm wird es auch in Zukunft nicht gehen; schließlich müssen ja irgendwo die Glocken hängen – und auch läuten. Nach der aktuellen Planung soll der neue Turm auf einer Fläche von etwa vier mal vier Metern seitlich und damit freistehend von der Kirche als sogenannte Campanile errichtet und knapp zwanzig Meter hoch werden. Das Nebengebäude wird 60 Quadratmeter groß. Rainer Müller ist überzeugt: „Von der Optik her wird das echt sehr schön.“ 

Das alles hat natürlich seinen Preis und wird für die Evangelische Kirchengemeinde in Brilon ein echter Kraftakt, mit dem sie sich in den kommenden Jahren wird beschäftigen müssen. „Ich rechne mit etwa zwei Millionen Euro Kosten“, rechnet Müller hoch. „Wir sind zwar nicht mittellos, aber das können wir alleine natürlich nicht stemmen.“ Man wird auf öffentliche Förderung, Spenden und Fundraising angewiesen sein. Ende Januar sollen die konkreten Pläne vorgestellt werden. Tun sich dort nicht unerwartete Hürden auf, wird das Jahr 2020 für die weitere Planung und Antragstellung genutzt. 

„Ich hoffe, dass wir dann 2021 mit den eigentlichen Arbeiten beginnen und im selben Jahr nach Möglichkeit auch noch fertig werden. Weihnachten 2021 in unser neuen, alten Kirche – das ist doch ein schöner Gedanke“, blickt der Pfarrer hoffnungsvoll in die Zukunft.

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