Vergessene Montanregion

Die 'Alte Hütte' bei Gudenhagen auf einer Ansichtskarte von 1937.

Das Sauerland galt lange als rückständigste Provinz Westfalens. Nicht nur in der Forschung wegen der schlechten Quellenlage. Selbst die Sauerländer hatten über die Zeit vergessen, welche Rolle ihre Region im Eisenerzbergbau und Eisenhüttenwesen einnahm. Schon im 18. Jahrhundert wurde die wirtschaftliche Bedeutung des kurkölnischen Sauerlands von Zeitgenossen unterschätzt.

"Alles, was nur den Namen von Kunst, Fleiß und Industrie hat, ist in dem Herzogtum Westfalen in einem schlechten Zustand", schrieb etwa 1797 der Leutnant und spätere Generalfeldmarschall Karl Friedrich von Knesebeck über seine Reise durch das kurkölnische Territorium des Herzogtums Westfalen.

Abschätzende Worte, die ein negatives Bild des Sauerlands verbreiteten: von einer miserablen Verwaltung und einer trägen, im rückwärtsgewandten Katholizismus verhafteten Bevölkerung, die ihre zahlreichen Bodenschätze nicht nutzte. Wie die Wissenschaftler inzwischen rekonstruiert haben, beruhten diese polemischen Bemerkungen auf religiös-konfessionellen Vorurteilen. Brilon ist nicht nur Ackerbürgerstadt, sondern auch ein bezeugter Wirtschaftsstandort und das mit einer sehr langen Tradition.

2000 Jahre Bergbau in Brilon

Man kann heute von 2000 Jahren Bergbau in Brilon ausgehen: Nachweislich wurde hier Blei schon im ersten Jahrhundert nach Christus abgebaut und verhüttet, vielleicht sogar schon um Christi Geburt. Ob dies von den Germanen oder den Römern initiiert wurde, ist nicht sicher. Eine große Industrie für Kupferbergbau und Verhüttung ist für das frühe Mittelalter in Marsberg belegt, ebenso ein "Exportschlager". Auch im Galmei-Bergbau spielte die Region eine Rolle, auch wenn die Anfänge bisher nicht zu datieren sind.

Im 16. und frühen 17. Jahrhundert blühte der Bergbau auf Eisenerz. Das Sauerland punktete mit seinem Wald- und Eisenerzvorkommen. Der Abbau am Eisenberg zählte zu den bedeutendsten in Westfalen. Archäologische Untersuchungen belegen, dass Ursprünge des Erzabbaus und der Eisenverhüttung im Sauerland schon wesentlich älter sind. Die jüngsten Ausgrabungen am Eisenberg in Olsberg 2010 festigten den Rang Olsbergs als eine der ältesten Bergbaustätten im Sauerland. Früher verhüttete man das Eisen in kleinen Rennfeueröfen, produzierte eher für das heimische Handwerk.

Die Revolution in der Eisenindustrie startete mit der Nutzung von Wasserkraft im Hüttenwesen. Ein Hochofen - die Briloner "Alte Hütte" - wurde beispielsweise im Schmelterfeld in Gudenhagen betrieben - die Ersterwähnung datiert auf 1562. Das Interesse von Archäologen zog die Alte Hütte auf sich, 1992/93 wurden hier Ausgrabungen vorgenommen. Derzeit wird das Bau- und Bodendenkmal zu einer bergbaulichen Begegnungsstätte hergerichtet. Weitere Hütten gab es in Alme, Bredelar, Bontkirchen, Brilon, Brilon-Wald und Messinghausen. Prominent auch die Olsberger Hütte. Unternehmer im Bergbau waren das Kloster Bredelar, die Stadt Brilon, Adlige und Bürgerliche aus Brilon und Olsberg. Auch ausländische Investoren lockte es. Niederländer stellten im Gebiet zwischen Brilon und Marsberg Gusswaren, Kanonenkugeln und Geschütze zu Kriegszwecken her und exportierten sie über die Weser.

Auch wenn die abseitige Lage der Region und die schwierige Anbindung an die Verkehrs- und Vermarktungsachsen eine hohe Spezialisierung der Handwerker verhinderte und das Sauerland den Weg in die industrielle Welt nicht mitvollzog, so entwickelten sich dennoch leistungs- und konkurrenzfähige Gewerbe.

Das erzeugte Roheisen ging als Halbfertigware in den Handel oder wurde im Sauerland durch hausindustrielle Kleinschmiede, die sich im Umfeld der Hüttenwerke angesiedelt hatten, zu Endprodukten verarbeitet. Ein prominentes Beispiel war etwa die Nägelherstellung in Bruchhausen an den Steinen.

Olsberger Hütte bis heute Bestand

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte in der Region ein Hüttensterben ein, da viele Anlagen veraltert und nicht mehr konkurrenzfähig waren. Die Gewerkenfamilien Unkraut/Kropff entzogen sich 1823 mit dem Umbau der Olsberger Hütte dem Untergang der Sauerländer Montanindustrie. Sie hatten sich gegen den Umzug ins Ruhrgebiet entschieden und sich im "Gewerkenvertrag" (1822) verpflichtet, über 50 Jahre lange all ihr Kapital in den Olsberger Standort zu stecken. 1825 hatte man hier die modernste Hütte Westfalens. Heute ist sie die letzte existierende. Zwar schloss der Briloner Eisenberg 1916, die Theodorshütte im Kloster Bredelar liegt seit 1931 still, 1963 wurde in Adorf die letzte Eisengrube geschlossen. Dennoch sind die Spuren des Bergbaus präsent. Den Olsberger Philippstollen kann man besichtigen, ein Themenweg "Gewerkenweg" ist in Arbeit, der Briloner Eisenberg und die Alte Hütte sind Ausflugsziele, und das Museum Haus Hövener am Marktplatz ist ab 18. Juni für die Öffentlichkeit geöffnet.

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