Rückblick auf "einmaliges Ereignis"

Virtuelle Hansetage in Brilon gehen in die Geschichte des Hansebunds ein

Auch wenn die Hansetage nicht wie geplant stattfinden konnten, überwog die fröhliche Stimmung während des historischen Ereignisses.
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Auch wenn die Hansetage nicht wie geplant stattfinden konnten, überwog die fröhliche Stimmung während des historischen Ereignisses.

Brilon – „Je länger wir uns von 2020 entfernen, umso historischer werden diese ersten virtuellen Hansetage werden“, unterstrich Brilons Bürgermeister Dr. Christof Bartsch die Einmaligkeit dieses Ereignisses.

„Die Stadt Brilon kann stolz auf sich sein, was sie aus der schwierigen Situation gemacht hat“, sagte anerkennend Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau, Vormann der Hanse. Nach der feierlichen Eröffnung der Hansetage am Donnerstag standen am Freitagvormittag die Delegiertenkonferenz sowie die Unterzeichnung der „Briloner Erklärung“ an. 99 Städte hatten sich bei dieser ersten virtuellen Delegiertenkonferenz zugeschaltet, berichtete der Bürgermeister. Dies unterstreiche den guten Zusammenhalt der Hansestädte, so Lindenau. 

Vor genau 40 Jahren war der Hansebund der Neuzeit im niederländischen Zwolle mit damals 43 Städten gegründet worden. Dieses Jubiläum wurde mit der Briloner Erklärung gewürdigt, welche den Grundgedanken der Hanse wieder aufleben lässt: „Die dem Hansebund angehörende Städte kamen nicht nur durch den Warenhandel zu Wohlstand, sie profitierten auch durch den Austausch von Informationen, Ideen und Wissen.“ 

Von Anfang an verstanden sich die Hansestädte in ihrer Zusammenarbeit „als Orte der lebendigen Demokratie“. 194 Städte aus 16 europäischen Staaten gehören mittlerweile dem Hansebund der Neuzeit an – als jüngstes Mitglied wurde am Freitag die britische Stadt Beverley aufgenommen. 

Zeichen für "geeinigtes und friedliches Europa"

„Durch den lebendigen Austausch der Mitgliedsstädte und de Begegnung der Menschen trägt die Hanse zur Stärkung der Zivilgesellschaft bei und leistet einen wertvollen Beitrag zur Völkerverständigung sowie zur wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und staatlichen Einigung Europas“, heißt es in der Erklärung. Etwas, das in der aktuellen Zeit „wichtiger denn je“ erscheint. „Die Mitgliedsstädte stellen sich gemeinsam den Herausforderungen der Zukunft und setzen ein wirksames Signal gegen Nationalismus und Abgrenzung. Sie übernehmen damit Verantwortung für ein geeintes und friedliches Europa“, lautet es abschließend. 

Dass im Rahmen der Delegiertentagung die Entscheidung fiel, die Hansetage 2035 nach Edinburgh zu vergeben, sei auch ein wichtiges Signal in Hinblick auf den Brexit, so Lindenau. Dieser Hansebund in seiner „ureuropäischen Ausrichtung“ zeigt, dass Europa lebt“, betonte Bartsch. „Wir setzen ein Zeichen in einer Zeit, in der Europa auf dem Prüfstand steht“ so der Bürgermeister weiter. Auch deshalb war es den Verantwortlichen wichtig, die Hansetage in Brilon zumindest virtuell stattfinden zu lassen. 

„Ich habe schon bei den Vorbereitungen gespürt, dass hier in Brilon etwas anders ist als bei sonstigen Hansetagen“, erklärte Lindenau und verwies auf die „vielen unterschiedlichen Menschen“, die sich hier eingebracht haben und schon teils „weit vor den eigentlichen Hansetagen“ aktiv und kreativ geworden sind. Besonders das Projekt mit den Zelten der Begegnung – oder „Zelte der europäischen Verbindung“, wie sie nun offiziell heißen, hat ihn beeindruckt – und offensichtlich nicht nur ihn: „In ganz Europa sind Quadrate für die Tipis gehäkelt worden.“ Als er nach seinem Besuch im vergangenen Herbst nach Lübeck zurückkehrte, hätte schon ein Stapel von bunten Quadraten auf seinem Schreibtisch gelegen. 

Die meisten Freunde der Hanse konnten an den Hansetagen in Brilon nur virtuell teilnehmen. Einige aber hatten sich dennoch persönlich auf den Weg gemacht. Treue Anhänger der Hanse sind zum Beispiel der Lübecker „Hanse-Radler“ Hans Potratz und der Hamburger Heinrich Schuster, die seit über 30 Jahren keine Hansetage ausgelassen haben. „Solange ich krabbeln kann, werde ich die Hansetage besuchen“, versprach Potratz. „Die Absage der Hansetage in Brilon hat mich tief getroffen. Die große Enttäuschung kann ich gut nachempfinden“, sagte Schuster. 

Einige kleine und große Hanseaten haben sich auch persönlich und in traditioneller Montur auf den Weg nach Brilon gemacht.

Aus Salzwedel kamen zudem mit Enrico Dannies und Michael Klingbeil zwei Mitglieder der Historischen Stadtwache in voller Montur. Wer nicht persönlich kommen konnte, der schickte Grußworte und Gastgeschenke. „Wir haben seit dem 17. März ganz viele Trostpflaster erhalten“, so Bartsch. „Da ist sehr viel Herz mit rüber gekommen“, berichtete Michael Kahrig vom Briloner Hanse-Team. 

Während von der Eröffnung bis zur Schlussfeier zahlreiche Events digital gestreamt wurden, fanden einige Ereignisse dennoch auch live statt: So wurden die drei Tipis aufgebaut und konnten besucht werden. Viele versuchten, die von ihnen gehäkelten Quadrate wiederzufinden. Zu festen Uhrzeiten erklang die Hansefanfare auf der Rathaustreppe, am Samstag fand der „Hanse-Move“ im Kreishauspark statt und am Sonntag gab es einen „Drive-In“ auf dem Marktplatz, wo man an drei Stationen eine „Hanse-Wundertüte“, die Broschüre „Heimatliebe“ und Selbstgefertigtes vom Verein Kunterbunt erwerben konnte – gemäß dem Motto der Briloner Hansetage: „Hanse – Heimat – Handgemacht“. 

Bereits innerhalb der ersten Stunde rollten über 300 Autos durch den Drive-In – die Überraschungsbeutel fanden reißenden Absatz und mussten schnell nachgepackt werden. Alt-Bürgermeister Franz Schrewe kam unter anderem vorbei sowie die erste Garde der Scharfenberger Schützen, welche eigentlich just Schützenfest gefeiert hätte – diese kam Fähnchen schwenkend mit Marschmusik angerollt. Viele Briloner machten sich auch zu Fuß auf den Weg zum Marktplatz, nicht wenige in historischen Gewändern. 

„Es ist fürchterlich, dass nach all den vielen Vorbereitungen die Hansetage nun ausfallen“, bedauerte die Petersbornerin Elisabeth Steinkemper. Ihre ganze Familie war bereit mitzuhelfen, ob als Schilderträger, an einem der Stände oder bei Schulprojekten. „Das ganze Jahr freut man sich schon darauf und es ist sehr traurig, wenn man die Leute nicht wiedersieht. Es ist wie ein großes Familientreffen“, erklärten Eris und Reinhard Weis, die seit 1996 regelmäßig mit dem Bürgerbus aus Herford zu den Hansetagen reisen. Kurz darauf trafen sie doch noch eine Dame aus Soest, die sie bereits von anderen Hansetagen kennen. Bei allem Bedauern überwog jedoch die fröhliche Stimmung und man war sich sicher: Diese virtuellen Hansetage werden „in die Papiere eingehen“ und unvergessen bleiben.

Einmaliges Ereignis in Brilon: Die "Ersten Virtuellen Hansetage" in Bildern

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