Dorfporträt

„Einer für alle, alle für einen“ in Waltringen

Das Lieblingsmotiv der Waltringer und symbolisch für den Ort: ein Fachwerkgebäude und im Hintergrund die St.-Marien-Kapelle.
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Das Lieblingsmotiv der Waltringer und symbolisch für den Ort: ein Fachwerkgebäude und im Hintergrund die St.-Marien-Kapelle.

Ein Dorf geprägt von Wohnbebauung und regem Vereinsleben ist Waltringen. Zehn Vereine und Gruppierungen stellt der mit 630 Einwohnern sechstgrößte Ort der Gemeinde Ense.

Waltringen – „Waltringen ist ein sehr schönes, aber auch nicht ganz günstiges Dorf in der Gemeinde Ense. Nein! Nicht wegen der vielen Einkaufsmöglichkeiten oder der Grundstückspreise, sondern wegen des Vereinslebens“. Diese treffende Beschreibung entstammt der Feder von Uwe Schäfer und Anja Schriek, die anlässlich des 50. Jubiläums der Gemeinde Ense ihren Ort vorstellten. „Für einen Ort dieser Größenordnung haben wir ein reges und hohes Vereinsaufkommen“, betont Hubert Kersting. „Einer für alle, alle für einen“, nimmt Lena Westhoff auch aus Sicht der jüngeren Generation Bezug auf den Zusammenhalt untereinander.

Mit Haut und Haaren kann der westlichste Ortsteil seine Bürger „gefangen nehmen“. Freimütig erzählt Guido Stahlberg, Brudermeister der St.-Marien-Bruderschaft, von seinem persönlichen Ankommen als Waltringer. 2008 der Liebe wegen in Waltringen reingeschnuppert, zog es ihn ein Jahr später schon ins Schützenwesen.

Lebendiges Dorf

Nur sieben Jahre nach seinem Eintritt wurde der ehemalige Lüdenscheider zum Brudermeister gewählt. „Ich bin super dankbar, dass das Dorf es ermöglicht“, konnte er sich das dörfliche Leben früher so gar nicht vorstellen. „Man bekommt soviel zurück“, betont er das menschliche Miteinander und mag sein Engagement für den Ort nicht missen. Feierlichkeiten und gemütliche Zusammenkünfte lassen Waltringen zu einem lebendigen Dorf werden, feiert man gern gemeinsam. Zweimal jährlich stattfindende Seniorennachmittage und natürlich das Schützenfest werden von den Schützen organisiert, oder mit anderen Vereinen Festivitäten wie Osterfeuer, Maifeiertag, Karneval oder Sängerfest.

Der traditionsreiche Schützenverein, dessen Geschichte bis ins Jahr 1690 zurückverfolgt werden kann, ist nicht die einzige Möglichkeit, in Waltringen mittendrin zu sein. „Mir ging es ums Ankommen“, hat der ehemalige Werler Romanus Bartels vor über 30 Jahren seinen Weg über den Heimatverein in die Gemeinschaft von Waltringen gefunden.

Mit Leidenschaft Waltringer (von links); Hubert Kersting, Romanus Bartels, Professor Harald Becker und Lena Westhoff..

Zwei Chöre in einem Ortsteil

Die Sportfreunde Waltringen decken ein sportliches Angebot für Männer und Frauen sowie Jung und Alt ab. Auf dem am östlichen Ortsrand gelegenen Vereinsgelände ist der Fußball mit Senioren- und Jugendmannschaften zu Hause. Zudem sind die Tanzgruppen für unterschiedliche Altersklassen in Waltringen, „mit Einzugsgebiet über die Dorfgrenzen hinaus“ so Vorsitzender Christian Brunnberg, bekannt. Gymnastik für Damen gibt es im Sängerheim. Womit man auch gleich bei der nächsten Besonderheit des Vereinswesens ist. Waltringen schafft es in Zeiten von Chorauflösungen, das gesangliche Miteinander aufrecht zu erhalten. Gleich zwei Chöre, der Frauenchor „Musica“ Waltringen und der MGV „Eintracht“ Waltringen, unterbreiten Angebote für das musikalische Hobby.

Geprobt wird im 1932 erbauten, früheren Vereinshaus, dem heutigen Sängerheim direkt an der Schützenhalle. Ganz nebenbei können sie mit dem Waltringen-Lied auftrumpfen, eine Hommage an den am nördlichsten Ruhrbogen gelegen Ort. „Wal, Wal, Waltringen, Du bist mein Ideal! Wal, Wal, Waltringen, Du schönes Dorf im Tal...“, sagt der Refrain allein schon viel über die Identifikation der Waltringer aus.

Erlöse fließen in Spenden und Requisiten

Bereits seit 35 Jahren steht für eine Gruppe Laiendarsteller fünf Monate im Jahr zweimal wöchentlich „üben und nochmal üben“ auf dem Programm. Vor Ostern wird jährlich ein neues Theaterstück von der Theatergruppe Waltringen dargeboten. „Es macht uns Spaß und ist natürlich auch ein Gemeinschaftsfaktor“, verweist Christian Linke, Vorsitzender der Gruppe, darauf, dass man gern auch mal gemütlich beieinander sitzt. Der Erlös der Aufführungen fließt zurück in die notwendigen Anschaffungen wie Requisiten oder neue Stücke. Zudem unterstützt man mit Spenden die örtlichen Vereine.

Ein besonderes Beispiel bürgerlichen Engagements ist sicherlich der Kapellenverein. Er vereint Bürger, die für Erhalt der St.-Marien-Kapelle einstehen. Erst im vergangenen Jahr hat man eine kostenintensive Innenrenovierung umgesetzt.

Gute Kontakte in die Nachbarorte

Dass für sämtliche Generationen etwas dabei ist, zeigt das weitere Angebot in Waltringen. Unter dem Dach der Schützen findet man noch die Avantgarde und die Sportschützen. Die katholische Landjugend (KLJB) trifft sich im Jugendraum der Kapelle. Eine Eltern-Kind-Gruppe hat sich im Raum der Freiwilligen Feuerwehr zusammen gefunden, die ihr Domizil in einem Wohnhaus hat. Auf den ersten Blick gar nicht als Feuerwehrstandort zu erkennen, ist hier ein Teil des Löschzugs drei der Freiwilligen Feuerwehr Ense mit einem Fahrzeug ansässig.

Der Kaninchenzuchtverein W362 und die Taubenzüchter ergänzen in tierischer Hinsicht das Ausleben unterschiedlichster Hobbys. Romanus Bartels weiß: „Jeder Bürger in Waltringen ist in mehreren der vielen Vereinen“, egal ob aktiv oder passiv.

Aber auch über die Ortsgrenzen hinaus schaut man in Waltringen. Kontakte entstehen allein schon durch die ganz Kleinen, die im Nachbarort Hünningen die Grundschule besuchen. Auch ein Kindergarten ist dort. In weniger als fünf Minuten ist man im Hauptort Bremen für die Dinge des täglichen Lebens. Hofbauern mit Fleisch- oder Eierangebot gibt es vor Ort. Eine Tischlerei ist im Ort ansässig. Außerdem trägt man mit dem mittelständischen Unternehmen Severin am Ortsrand das Label „Made in Waltringen“ in die Welt hinaus.

Ortsbildprägender Hof

Romanus Bartels kann zusammen mit Clemens Tillmann viel aus der Historie berichten. Gewachsen aus einem Bauerndorf vom Waltringer Weg/Wickeder Straße her sieht man noch viele ältere Häuser, während in den Seitenstraßen gepflegte Wohnbebauung den Charakter des Dorfes prägen. „Waltringen war schon immer recht groß“, die jüngsten Baugebiete wie etwa „Am Klei“ wurden vor einigen Jahren angelegt. Eine gelungene Nachnutzung eines traditionsreichen Gebäudes ist sicherlich die alte Volksschule von 1859. Der Künstler Professor Harald Becker hat sich 1974 nach eigener Aussage „bewusst für die Räumlichkeiten entschieden“. Sie gaben alles her, was der Maler für sein Arbeits- und Wohnumfeld erwartete.

Als ortsbildprägendes Gebäude kann man den Hof Brunnberg bezeichnen, der auf Aufzeichnungen bis 1536 zurückblicken kann. Das älteste Gebäude ist mit großer Wahrscheinlichkeit der 1270 erstmals erwähnte Keggenhof der Familie Antonius Nölle. Beide Höfe werden heute noch bewirtschaftet.

Treffpunkt für viele: die Halle der Marien-Schützen

Sächsischer Namensursprung

Waltringen wird erstmals erwähnt in einem Heberegister des Klosters Werden im 12. Jahrhundert. Als einer, der diesem Kloster Abgaben liefern musste, wird Elo tho Waltarichuson genannt. Der Name weist auf sächsischen Ursprung hin und bedeutet etwa „zu den Häusern des Walter“, kann Romanus Bartels ausführen. Ein weiteres traditionsreiches Gebäude ist das einen knappen Kilometer vom Ortskern entfernte Rittergut Oevinghausen. Bis 1281 kann man die Ursprünge auf den Grafen von Werl zurückverfolgen. Das Anwesen mit seinem wunderschönen, gepflegten Gutshaus befindet sich heute in Privatbesitz.

Auch die Kriegswirren gingen an Waltringen nicht vorbei. Zehn Häuser fielen dem Artilleriebeschuss zum Opfer, es wurde geplündert, auch die Marien-Kapelle wurde getroffen. Schon zu dieser Zeit bewies man Gemeinschaftssinn, wurden die Häuser gemeinsam aus Steinen der Steinkuhle am Haarweg wieder aufgebaut. Das in späteren Jahren die „Feinde“ von einst auch Gutes taten, beweist der Sportplatz. Die Alliierten halfen mit schwerem Gerät, den Sportplatz zu begradigen, musste man doch sonst häufiger den Ball aus der Ruhr angeln, weiß Bartels zu erzählen.

Autobahn und Flugplatz sind allgegenwärtig

Waltringen kann aber auch Natur auf seinen 5,53 Quadratkilometern Gesamtfläche verweisen. Mit der Nähe zur Ruhr sind viele Gänse und Schwäne auf den umliegenden Feldern zu beobachten. Mit dem von der Gemeinde Ense initiierten Bürgerwald werden die durch Waldschäden kahlen Flächen eine Aufforstung erfahren. Dort und rundherum, zum Beispiel mit der Straße „Am Wald“, säumen wenig befahrene Wirtschaftswege den Ort und laden zu herrlichen Spaziergängen ein.

Anders sieht es da bei der Ortsdurchfahrt aus. Die Wickeder Straße ist eine viel befahrene Durchgangsstraße, auf der, zum Ärger der Anwohner, Verkehrsteilnehmer oft die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht einhalten. Was auch die kleinen Handicaps des Dorfes sind. Die sehr nah am westlichen Ortsrand gelegene Autobahn ist oft deutlich zu hören. Woran man im ersten Moment bei der Lage des Ortes kaum denkt, ist zudem Fluglärm. Mit dem Flugplatz in Echthausen hat man am Wochenende mit Flugschülern und angebotenen Rundflügen „im Sieben-Minuten-Takt“ ein Flugzeug über seinem Garten, so Bartel. Die Beschwerden sind bei den gewählten, politischen Vertretern angekommen und es soll Abhilfe erarbeitet werden.

Eine Besonderheit sei noch erwähnt. Mit den acht Häusern in Vierhausen hat man einen Ortsteil im Ortsteil, dessen Mitbürger sich, wenn auch typografisch abgelegen, Waltringen verbunden fühlen.

Idyllisch gelegen präsentiert sich das Dorf.

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