Landgericht bricht Verhandlung ab

Prozess gegen mutmaßlichen Bäckerei-Räuber wird neu aufgerollt

 Ein Urteil im Prozess um den Raub in der Bäckerei vom  24. Oktober 2018 wurde nicht gefällt.
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Ein Urteil im Prozess um den Raub in der Bäckerei vom 24. Oktober 2018 wurde nicht gefällt.

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Bäckerei-Räuber wird neu aufgerollt. Das Landgericht Arnsberg hat die Verhandlung abgebrochen.

Höingen – Ins Klischee passte er so überhaupt nicht, der 28-jährige frühere Enser, der am 24. Oktober 2018 um 6.25 Uhr – als die Kasse also nur Wechselgeld enthielt – mit einem langen Küchenmesser die Bäckerei Jürgens in Höingen überfallen haben soll.

Weder entpuppte er sich als stiernackiger Schwerverbrecher noch als verwahrloster Junkie. Ein schmaler, ordentlich gekleideter und frisierter junger Mann nahm vielmehr Platz auf der Anklagebank im Arnsberger Gericht – so als käme er direkt von seinem Schreibtisch in einer deutschen Amtsstube.

Landgericht bricht Verhandlung ab: Drogen, Alkohol und Jobs

Zweieinhalb Jahre dauerte es, bis der Fall am Montag, 17. Mai, zur Hauptverhandlung kam, obwohl der vermeintliche Täter schon früh ermittelt worden war, nachdem sich der Angeklagte einen Monat nach der Tat im Rausch seiner damaligen Freundin offenbart haben soll.

Zu der Verzögerung kam es dadurch, dass das Schöffengericht in Soest den Fall ablehnte, da das zu erwartende Strafmaß seine Befugnisse sprengen würde, so die Begründung.

Zu einem Urteil kam es auch am Montag nicht. Vielmehr muss der Fall zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal komplett neu aufgerollt werden. Immerhin hatte der Angeklagte diesen langen Zeitraum offenbar genutzt, um sein Leben auf die Reihe zu bringen.

Denn natürlich spielten Drogen eine Rolle bei der Tat. Aus ordentlichen Verhältnissen stammend, habe er schon mit elf oder zwölf Jahren begonnen, Cannabis zu rauchen, und in den Folgejahren wirklich alles außer Heroin ausprobiert, gerne auch an einem einzigen Abend eine ganze Flasche Wodka getrunken. Andererseits hat er seit seinem Realschulabschluss fast durchgängig gearbeitetin den verschiedensten Orten und in den unterschiedlichsten Jobs. Das Gericht überraschte er damit, dass er nicht mehr in Arnsberg lebe, sondern in Osnabrück. Dort arbeite er als Gärtner zur Probe und wolle in dem Betrieb eine Ausbildung machen. Durch hohe Schulden bei der Krankenkasse ist er privatinsolvent.

Clean sei er seit einem Klinikaufenthalt vor zwei Jahren, als er sich freiwillig für sechs Wochen einer stationären Therapie unterzog. Sein Leben lang habe er mit psychischen Problemen zu kämpfen gehabt, wegen einer möglicherweise falschen ADHS-Diagnose sei er als Jugendlicher ohne Erfolg mit allen möglichen Medikamenten vollgestopft worden, vermutlich sei er in Wirklichkeit Borderliner. Zum Tatzeitpunkt dagegen habe er täglich Drogen konsumiert und zwei Monate zuvor habe er seine Anstellung verloren.

Während er sich umfänglich zu seiner Vorgeschichte und aktuellen Situation äußerte, wollte er keine Angaben zur Tat machen. Zwar hoffte sein Anwalt, ein Geständnis könnte vielleicht doch eine Bewährungsstrafe erwirken. Doch die Hoffnung nahmen ihm Gericht und Staatsanwalt. Denn ins Urteil einbezogen werde eine noch ausstehende einjährige Freiheitsstrafe. Damit falle die Gesamtstrafe höher als drei Jahre aus, eine Bewährung ist hier nicht mehr möglich.

Landgericht bricht Verhandlung ab: Ex-Partnerin hat Erinnerungslücken

Aussagefreudiger war die Bäckereifachverkäuferin, die sich an jenem Morgen mit dem Küchenmesser konfrontiert sah. Dergestalt vermummt, dass nur die Augen und Hände des Täters sowie seine weiße Hautfarbe zu erkennen gewesen seien, habe er wissen wollen, wo sich der Tresor befinde. „Wir haben gar keinen Tresor, nur eine Kasse“, habe sie ihm entgegnet. Er habe verlangt, dass sie sie öffnete. Sie habe noch versucht, ihn davon abzubringen, da sich ja nur Wechselgeld darin befinde, doch ohne Erfolg. Er griff in die Kasse, entnahm die Scheine, wie an jedem Morgen nur 95 Euro, habe gesagt, er müsse das tun, und rannte davon. Ein Höinger, der von draußen Zeuge des Überfalls wurde, versuchte noch, ihn zu verfolgen, verlor ihn jedoch bei der Schule aus den Augen. Ein Nachbar sah den Angeklagten gegen 6.35 Uhr im Treppenhaus, konnte jedoch nicht sagen, ob er gerade kam oder ging.

Psychische Folgen habe sie nicht davon getragen, so die Verkäuferin. Zwar hätte sie die Kasse nicht geöffnet, hätte er nicht das Messer in der Hand gehalten. Doch davon, dass er tatsächlich zustechen würde, sei sie nicht ausgegangen.

Was zum Abbruch der Verhandlung führte, war die Aussage der damaligen Partnerin des Angeklagten. Was sie damals, Ende 2019, der Polizei gegenüber zu Protokoll gegeben habe, werde schon der Wahrheit entsprechen, meinte sie zwar. Doch aufgrund ihrer damaligen Drogensucht und familiärer Probleme habe sie eine Therapie gemacht, aufgrund derer sie alles vergessen habe. Daran, dass ihr Ex ihr damals gestanden habe, eine Bäckerei überfallen zu haben, und dies auch ausgesagt zu haben, könne sie sich daher nicht mehr erinnern.

Auch nicht daran, dass ihr Ex sie schon einmal körperlich verletzt haben soll. „Das glaube ich Ihnen nicht“, bohrte der Staatsanwalt nach. Er beantragte daher, den Polizeibeamten zu laden, der beide damals vernommen hatte, das Gericht gab im Recht.

Landgericht bricht Verhandlung ab: Suche nach neuem Termin

Und damit beginnen die Probleme: Innerhalb der drei Wochen, in denen das Gericht die Verhandlung fortsetzen kann, ohne komplett abbrechen zu müssen, fand sich kein freier Termin. Also wurde tatsächlich abgebrochen.

Zu einem neuen, bislang noch nicht bekannten Termin werden alle Zeugen also noch einmal neu gehört werden müssen – und dann sicherlich auch der Polizeibeamte.

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