„Situation spitzt sich zu“

„Existenzielle Notlage“: Tafel Deutschland schlägt Alarm - so ist die Situation im Sauerland

Die Tafeln beziehungsweise Warenkörbe öffnen auch im Altkreis Brilon bald wieder Ihre Türen für allen bedürftigen Kunden. 
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Die Tafeln beziehungsweise Warenkörbe öffnen auch im Altkreis Brilon bald wieder Ihre Türen für allen bedürftigen Kunden. 

Arme und sozial benachteiligte Menschen in der Pandemie nicht vergessen – diese soziale und gesellschaftliche Herausforderung stellt sich in Zeiten der Corona-Pandemie drängender denn je. Vielerorts nimmt die Zahl der Tafel-Kunden um bis zu 20 Prozent zu. Anlass genug für den SauerlandKurier, die Situation im Hochsauerlandkreis einmal genau unter die Lupe zu nehmen und mit den zuständigen Mitarbeitern der Warenausgabestellen vor Ort über die Problematik zu sprechen. 

Hochsauerland – „Wir sehen bei den Tafeln immer mehr Menschen, die durch die Pandemie in eine existenzielle Notlage geraten sind. Die Situation der Menschen hat sich seit dem Herbst weiter zugespitzt. Ersparnisse sind aufgebraucht, ganze Branchen liegen lahm, nicht alle Betroffenen können die Soforthilfen des Staates beantragen oder das Geld kommt viel zu spät“, schlägt Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, bundesweit Alarm.

Bundesweite Situation

Fast vierzig Prozent der bundesweit über 950 Tafeln verzeichnen im Vergleich zum September 2020 mehr Kunden. Bei weiteren vierzig Prozent der Tafeln ist die Anzahl der Gäste zwar gleichgeblieben, ihre Zusammensetzung hat sich jedoch verändert. Pandemiebedingt bleiben darüberhinaus weitere langjährige Kunden fern und können nicht unterstützt werden.

Betroffen sind vor allem Menschen im ALG-II-Bezug sowie in Kurzarbeit. Ihr Anteil ist nochmals um 35 bzw. 33 Prozent gestiegen. Auch der Anteil der Rentnerinnen und Rentner ist mit 30 Prozent erheblich angestiegen. Merklich gesunken (23 Prozent) ist einer allgemeinen Entwicklung folgend die Zahl der Menschen, die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen.

Im ersten Lockdown im März und April 2020 mussten zwischenzeitlich in Deutschland über 400 Tafeln schließen. Seit vergangenem Sommer sind die meisten Tafeln jedoch wieder geöffnet, sie arbeiten aufgrund der Hygienemaßnahmen allerdings nicht mit vollständigem Angebot und meist mit weniger ehrenamtlichen Helfern. Über 60 Prozent der Tafel-Aktiven sind selbst im Rentenalter und gehören damit zur Corona-Risikogruppe. Sie pausierten oder beendeten ihr Engagement.

Sei über einem Jahr arbeiten auch die Tafeln im Hochsauerlandkreis unter erschwerten Pandemie-Bedingungen. Ihr Fazit fällt jedoch im Gegensatz zum bundesweiten Hilferuf eher gemäßigt aus.

Tafel Arnsberg

„In der Tafel in Arnsberg hat sich trotz Corona und Kurzarbeit tendenziell wenig verändert. Es sind keine Zugänge zu verzeichnen. Wir haben im Durchschnitt 2.000 Kunden“, berichtet Anni Künkenrenken, Vorstand der Tafel Arnsberg. Es sei lediglich eine Verschiebung festzustellen, ältere Menschen seien aufgrund der Pandemie nicht gekommen. Man arbeite sehr gut mit Geschäften vor Ort zusammen. „Wir bekommen beispielsweise viele Kartoffelspenden, davon profitieren dann alle.“ Zudem stehe man in ständigem Austausch mit den anderen Tafeln.

Mescheder Tafel

Ähnlich schätzt die Mescheder Tafel, die 550 Familien (ca. 1500 Personen) aus Bestwig, Eslohe, Schmallenberg sowie Meschede unterstützt, die Lage ein. Leiter Michael Rosenkranz teilt mit, dass sich in Zeiten der Pandemie nicht viel verändert habe. Gleichbleibende Ab- und Zugänge, sehr viele Stammkunden sowie der zwischenzeitliche Lockdown und die seit geraumer Zeit zurückgehenden Zahlen hätten das Alltagsgeschehen nicht beeinflusst. „Business as usual, alles läuft wie vor der Pandemie. Die Ehrenamtlichen sind alle geimpft, sodass der Tafel-Alltag normal ablaufen kann. Wir merken keine Unterschiede durch Corona, da wir hier nicht in den urbanen Strukturen unterwegs sind“, so Michael Rosenkranz.

Warenkorb Caritasverband Brilon

Etwas unsicherer gestaltet sich zurzeit hingegen noch eine Prognose für die Situation im Altkreis Brilon. Uli Schilling, Koordinator der Warenkörbe beim Caritasverband Brilon erklärt: „Bei uns sind die Warenkörbe seit Anfang November 2020 geschlossen. Daher kann ich nur vermuten, dass uns die Verschiebung nach erneuter Öffnung nach dem Lockdown erreichen wird und mehr Kunden kommen werden, die ALG-II beziehen oder Kurzarbeitergeld.“

Zwei Mal mussten die Warenkörbe während der Corona-Pandemie schließen. Während des ersten Lockdown zu Beginn der Pandemie sowie im zweiten Lockdown Ende Oktober 2020. „Das waren harte Zäsuren, die wir aber mit Blick auf den Schutz der meist älteren Ehrenamtlichen sowie der Kunden vornehmen mussten“, ergänzt Caritas-Vorstand Heinz-Georg Eirund.

In den vergangenen Wochen haben wir die Entwicklung der Corona-Zahlen aufmerksam beobachtet und durch die große Impfbereitschaft der ehrenamtlich Engagierten wollen wir in gemeinsamer Verantwortung die Warenkörbe wieder öffnen.

Uli Schilling, Koordinator der Warenkörbe beim Caritasverband Brilon

Erfreulich: Die Caritas-Warenkörbe in Brilon, Olsberg und Winterberg werden ab dem 23. Juni ihre Türen wieder öffnen und wie gewohnt Kunden empfangen. In Winterberg findet die erste Warenausgabe nach der Schließung am neuen Standort am Hagenblech 3 statt. Einen Tag später, am 24. Juni , öffnet die Tafel in Medebach. „In den vergangenen Wochen haben wir die Entwicklung der Corona-Zahlen aufmerksam beobachtet und durch die große Impfbereitschaft der ehrenamtlich Engagierten wollen wir in gemeinsamer Verantwortung die Warenkörbe wieder öffnen“, verdeutlicht Uli Schilling.

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