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Akut, aber noch auffangbar

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Marsberg nimmt im Hochsauerlandkreis unfreiwillig eine Topposition ein: In den vergangenen vier Jahren haben drei Praxen mit vier Hausärzten geschlossen, ohne dass diese personell ersetzt wurden. Laut einer Statistik (Stand: 3. Dezember 2011) der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe fallen bis 2020 in Marsberg 64 Prozent der Ärzte weg. Doch Martin Rörig, der seit 26 Jahren als Allgemeinmediziner in Marberg praktiziert, sieht noch keinen Grund, um schwarzzusehen.

Unbestritten ist, dass viele Rahmenbedingungen den Beruf als Hausarzt für Nachwuchsmediziner heute unattraktiver werden lassen. Die nicht medizinischen Tätigkeiten haben zugenommen, beispielsweise ist der bürokratische Aufwand immens gestiegen. Die Angst vor Regressen schreckt ab. Der Druck, wirtschaftlich zu arbeiten, hat sich erhöht. Die Mediziner sehen sich für Mehrarbeit bestraft, denn bislang warteten Abzüge, wenn sie mehr Patienten behandelten, als die vorgeschriebene Durchschnittsfallzahl erlaubt. Seit kurzem fallen aufgrund mehrerer Anträge die Honorarabschläge allerdings weg. Dass die Ärzte in Westfalen weniger Mittel pro Patient zugewiesen bekommen als in anderen Regionen, stößt auf Unverständnis. "Zudem führen gesellschaftliche Entwicklungen dazu, dass es für junge Menschen auf dem Land nicht mehr so attraktiv ist wie früher", ergänzt Rörig.

In Marsberg liegt das Durchschnittsalter der elf Hausärzte bei 60 Jahren. Sechs Hausärzte praktizieren in der Kernstadt, die übrigen sind auf die Ortschaften verteilt. "Innerhalb der nächsten fünf Jahre werden einige in Rente gehen", so Rörig. "Aber das alles kann noch auffangbar sein." In Hallenberg sei die Lage derzeit deutlich akuter (siehe Infokasten).

"Ein wunderschöner Beruf"

Und dass sich die Lage in Marsberg derzeit im sauerländischen Vergleich so problematisch darstellt, "ist, glaube ich, reiner Zufall", so Rörig. Zumal Marsberg mit einem eigenen Krankenhaus und der verkehrsgünstigen Lage Pluspunkte sammelt.

Denn bei allem Negativen, das die Mediziner derzeit in Atem hält, dürfe man den Blick für das Positive nicht aus den Augen verlieren. "Es ist ein wunderschöner Beruf, den ich immer wieder ergreifen würde", sagt der Marsberger Allgemeinmediziner. Vieles sei schon zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen getan. "Auch wenn ich das neue Notfallsystem noch für optimierbar halte, ist seitdem die Arbeitsbelastung bedeutend geringer geworden", berichtet der 56-Jährige. Auch die neue Möglichkeit des Jobsharings und die Abschaffung der Residenzpflicht würden dem Job des Landarztes wieder mehr Attraktivität verleihen. Damit sich ein Arzt nicht gleichzeitig an allen Fronten abarbeiten müsse, schlägt Martin Rörig mit Blick auf den Kostendruck, die Bürokratie und die Effektivitätssteigerung vor, die Strukturen ein wenig zu verändern.

Dabei bringt der Mediziner konkrete Denkanstöße in die Debatte. "Nicht jede Tätigkeit muss von einem Arzt übernommen werden", wirbt Rörig dafür, die Aufgaben aufzusplitten. So könnten sich Arzt-Angestellte um die Abrechnungen kümmern, während der Arzt weiterhin die Patientengespräche führt und Diagnosen stellt. Gelernte Krankenschwestern - unter der Verantwortung des Arztes - könnten derweil rausfahren, um beispielsweise vor Ort Verbände zu wechseln, Blutzucker oder den Blutdruck zu messen. "Heute können wir uns noch nicht vorstellen, welche Möglichkeiten und Modelle es in zehn Jahren gibt", sagt der 56-Jährige. Diese Positionen müssten aber in der Praxis integriert sein und bezahlt werden, fordert er.

Verständnis hat der Akademiker dafür, dass die Ressourcen für das Gesundheitswesen nicht unerschöpflich sind. "Wir haben das leistungsfähigste Gesundheitssystem der Welt. Das Geld dafür muss irgendwoher kommen. Da muss man verstehen, dass heutzutage für gewöhnliche Krankheiten wie Schnupfen weniger übrig bleibt. Ansonsten muss man bereit sein, mehr für Medizin auszugeben." Aber wenn es für Patienten teurer werden würde, könne man verlangen, dass auch in anderen Bereichen eingespart wird, sprich in Verwaltung und Bürokratie.

Beispielsweise lohne ein Blick ins Nachbarland Frankreich: Hier sind 8.000 Mitarbeiter bei den Krankenkassen beschäftigt, in Deutschland dagegen 140.000. "Wie machen die Franzosen das?", regt der Marsberger Arzt an, sich "eine Scheibe abzuschneiden." Und die Schweiz punktet bei Medizinern mit einer anderen Idee: Mit besonderem Service lockt man hier beispielsweise Mediziner, indem dem Partner aktiv bei der Jobsuche geholfen wird.

Medizinische Fakultät in Bielefeld

"Ärzte siedeln sich oft in einem Radius von 100 bis 150 Kilometern um eine Universitätsstadt an", erklärt Rörig. Warum also nicht eine medizinische Fakultät in Bielefeld installieren. "Das wäre ein großer Schritt nach vorne. Davon könnte auch das Sauerland profitieren."

Genauso könnte sich der Marsberger vorstellen, den Medizinstudenten seinen Job im Rahmen eines vorgeschriebenen Praktikums in einer Landarztpraxis schmackhaft zu machen.

"Ich habe Vertrauen, dass das alles geregelt wird", zeigt sich Martin Rörig zuversichtlich, dass der Ärztemangel in Marsberg wie auch in anderen ländlichen Kommunen innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre in den Griff bekommen werden kann.

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