„Sehe mich als Aussteiger“

Aufbruch nach dem Kirchenaustritt: Pfarrer a.D. Wohlgemuth „ist dann mal weg“

+
Pfarrer a.D. Norbert Wohlgemuth hat sein Amt hinter sich gelassen und ist bereit zum Aufbruch.

Westheim - „Nachdem ich Ende Juli auf eigenen Wunsch vom Paderborner Erzbischof beurlaubt worden bin ist viel passiert“, blickt Pfarrer a.D. Norbert Wohlgemuth zurück. Vor allem das große, sogar überregionale Medienecho hat ihn erstaunt. Auch in Westheim, wohin er nach 30 Jahren Dienst in der katholischen Kirche (davon 18 Jahre im Pastoralverbund Sintfeld Diemeltal und die letzten Jahre in Fröndenberg) zurückgekehrt ist, könne er kaum auf die Straße gehen, ohne von früheren Gemeindemitgliedern angesprochen zu werden. Aufgrund des großen Interesses hat er sich bereit erklärt, mit dem SauerlandKurier ein Gespräch über die Hintergründe seiner Entscheidung und seine Pläne für die Zukunft zu führen.

Den Dienst quittiert hatte der Geistliche, weil ihn nach eigenem Bekunden der Kampf gegen die starren Strukturen und die mangelnde Bereitschaft der Kirche, zeitgemäß zu sein, zermürbt hat. „Ich möchte noch einmal betonen, dass es sich um eine ganz persönliche Entscheidung handelt. Ich musste aussteigen, weil ich drohte krank zu werden an meiner Seele“, erklärt er.

Dabei hätte er bereits früh Vorbehalte gegen die Kirche gehabt: Vor 58 Jahren in Dortmund geboren und aufgewachsen, begann er zunächst ein Maschinenbaustudium in Aachen. Aber die katholische Sozialisation in Kindheit und Jugend (Messdiener und Jugendleiter) bewog ihn dann doch, Priester zu werden.

Nach dem Theologiestudium in Paderborn und Freiburg kam er in sieben verschiedenen Pfarrstellen zum Einsatz, die längste Zeit in Westheim. Reibungspunkte mit der Kirche ergaben sich vor allem in dogmatischen Fragen, so Wohlgemuth: „Dass die Kirche das innere Wesen Gottes zu kennen glaubt und der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes, das ist schon eine unfassbare Anmaßung.“

"Ich bin nicht der Richter der Menschen"

Auch wenn Geschiedene wieder heiraten oder jemand eine gleichgeschlechtliche Ehe führen will, darüber habe er nicht zu urteilen, befand er: „Ich bin nicht der Richter der Menschen.“ Abendmahlfeiern mit Protestanten sah er „nicht als Zeichen des Protestes, sondern als Selbstverständlichkeit“, wie er betont. Auch am frömmelnden, abgehobenen Sprachduktus der Kirche nahm er Anstoß.

„Ich bin trotzdem Priester geworden, weil ich von der Botschaft Jesu überzeugt bin“, erklärt Wohlgemuth. Von innen heraus, dachte er, die Kirche verändern zu können. „Ich habe von Gott einen klaren Verstand bekommen und will den auch einsetzen“, so seine Überzeugung. Lokal und im Kleinen habe er – auch dank guter Mitstreiter –Einiges bewegen und verändern können. 

Katholische Kirche ist "reformunfähig"

So ermutigte er Frauen, sich für mehr Rechte einzusetzen. Freude hatte er auch an der Jugendarbeit. In seinen Predigten sei er manchmal von Applaus unterbrochen worden. „Die Gemeinde ist weiter als die Kirchenleitung“, glaubt der Geistliche.

Allerdings hätten die Veränderungen selten nachhaltig Bestand gehabt. Insgesamt hält er die katholische Kirche für reformunfähig. Auf den Führungsebenen würden die Entscheider sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben. Das zeige sich auch bei dem jetzt eingeschlagenen synodalen Weg der Bischöfe. 

„Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, dagegen anzugehen. Als sich krankheitsbedingte Ausfälle häuften, nahm er dies als Warnsignal. Besonders zugesetzt hat ihm der Missbrauchskandal: „Es hat mich in tiefe Verzweiflung gestürzt. Ich habe mich so sehr dafür geschämt“, bekennt er, auch wenn ihm, nach eigenem Bekunden, in seinem Umfeld keine Vor- oder Verdachtsfälle bekannt geworden seien. Einen konkreten Auslöser für seine Entscheidung gebe es jedoch nicht.

Frei und ungebunden

Sein Abschied von der Kirche ist radikal: „Ich habe den Dienst quittiert und verzichte somit auf alle Pensionsansprüche. In ein weiches, gut gemachtes Bett falle ich, anders als viele glauben, nicht. Ich sehe mich schon als Aussteiger.“ In ein tiefes Loch, wie zu befürchten war, sei er aber nicht gefallen.

Einer der Gründe, warum Pfarrer Norbert Wohlgemuth den Dienst in der katholischen Kirche quittierte, war, dass ihm die Diözese eine – ursprünglich bereits gewährte – längere Auszeit verwehrte. Wie das Erzbistum Paderborn inzwischen erklären ließ, wäre der Zeitpunkt ungünstig gewesen, weil sich Fröndenberg mitten im Prozess zur Schaffung eines großen, pastoralen Raumes befindet.

Sich selbst ein Sabbatjahr gönnen

Dieses sogenannte Sabbatjahr will sich Wohlgemuth nun selbst gönnen. Neben einigen kürzeren Reisen innerhalb Deutschlands mit dem eigenen Wohnmobil und einer bereits schon vorher geplanten Reise mit einer Gruppe seiner ehemaligen Gemeinde nach Rom, plant er, im kommenden Frühjahr auf dem Jakobsweg zu pilgern. „Ich bin dann mal weg“, das kann er nun mit gutem Gewissen von sich sagen. Bereits vor circa elf Jahren war er mit einer Jugendgruppe auf dem Jakobsweg unterwegs und ist seitdem mehrmals kürzere Etappen gegangen.

„Ich bin dann mal weg“, das kann er nun mit gutem Gewissen von sich sagen. Bereits vor circa elf Jahren war er mit einer Jugendgruppe auf dem Jakobsweg unterwegs und ist seitdem mehrmals kürzere Etappen gegangen.

Pilgerwege, wie dieser berühmte nach Santiago de Compostela, dienen vielen Menschen, die ihr bisheriges Leben hinterfragen und eventuell eine neue Richtung einschlagen wollen, als Ort der Sinnsuche. 

Danach will er sich als freier Redner seinen Unterhalt verdienen. Ich habe bereits jetzt schon eine Reihe von Anfragen für private Feste, wie Firmenjubiläen, Taufen, Trauungen oder Bestattungen“, freut er sich. Viele Menschen, die keine Kirche bei ihrer Feier haben wollen, aber dennoch in sie eine tiefere Bedeutung legen, buchen dafür private Redner“, erklärt Wohlgemuth und denkt, da durchaus eine Marktlücke gefunden zu haben. Vielleicht wird er auch ein Buch schreiben. 

Zeit für Reisen, Sport und Freunde

Zudem genießt er es, mehr Zeit für seine privaten Interessen zu haben, wie Fahrrad fahren, Tischtennis spielen, Schwimmen, Schach spielen und Lesen. „Ich habe immer gern gelesen, vor allem Sachbücher. Jetzt erst habe ich aber angefangen, auch Romane zu lesen“, erzählt er. 

Vor allem aber freut er sich darauf, Kontakte zu pflegen: „Ich kenne so unglaublich viele Menschen, die mich bisher hauptsächlich durch mein Amt wahrgenommen haben, durch das was ich habe – und nicht was ich bin.“ 

Dieses neue Maß an Freiheit, so völlig bar aller Verpflichtungen (sogar auf Haustiere verzichtet er bewusst) lässt ihn sichtlich aufleben. 

So ganz lässt sich das mediale Echo, welches sein Ausstieg hervorgerufen hat, nicht abschütteln. So will ihn ein Fernsehteam auf seiner Pilgerreise begleiten. „Aber egal, ob das zustande kommt, ich fahre auf jeden Fall“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare