Starke Frauen - auch im Sauerland

Ausstellung „Mütter des Grundgesetzes“ macht zurzeit in Marsberg Station

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Die Ausstellung „Mütter des Grundgesetzes“ macht Station im Museum der Stadt Marsberg. Eröffnet wurde sie durch SPD-Europaparlamentarierin Birgit Sippel, Museumsleiter Heiner Duppelfeld, Schirmherr MdB Dirk Wiese und den Vorsitzenden des Fördervereins Historisches Obermarsberg Detlev Steinhoff.

Obermarsberg - „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Ein Satz, der heute selbstverständlich erscheint - und es doch längst nicht ist. Wie hart dieser Satz 1949 erkämpft werden musste, darüber informiert die Wanderausstellung „Mütter des Grundgesetzes“, welche nun in Marsberg Station macht. Am Freitag wurde sie durch Schirmherr Dirk Wiese eröffnet; zu sehen ist sie bis einschließlich 16. November im Museum der Stadt Marsberg, Eresburgstraße 38.

Dirk Wiese machte in seinem Grußwort auf das „starke Ungleichgewicht“ aufmerksam, das im Parlamentarischen Rat, welcher das Grundgesetz vorbereitete und beschloss, herrschte. Dort waren - 30 Jahre nach Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen in Deutschland - unter den insgesamt 65 Mitgliedern nur vier Frauen. Ohne die Beharrlichkeit und Durchsetzungskraft von Helene Weber, Elisabeth Selbert, Frieda Nadig und Helene Wessel hätte es den Artikel 3 so nicht gegeben. 

Museumsleiter Heiner Duppelfeld legte in einem kurzen Referat die Begleitumstände und die historische Entwicklung bis zur Verabschiedung des Grundgesetzes dar, ausgehend von den durch die Potsdamer Konferenz beschlossenen Grundsätzen. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates seien dabei keineswegs repräsentativ für die Nachkriegsbevölkerung gewesen, weder vom Bildungsstand her (Beamte und Akademiker, davon über die Hälfte Juristen), noch von ihrer Gesinnung. Während die breite Mehrheit den Nationalsozialismus nur für eine „schlecht umgesetzte Idee“ gehalten hätte, hätten die Ratsvertreter sich dagegen als „erfahrene Demokraten“ ausgewiesen. 

In der Ausstellung werden, nach einer einführenden Darstellung von Struktur und Wirken des Parlamentarischen Rates und einem kurzen historischen Abriss über Frauenrechte, die vier weiblichen Mitglieder des Parlamentarischen Rates einzeln vorgestellt. 

"Norm, auf die wir weiter hinarbeiten müssen"

Die Juristin Elisabeth Selbert, geboren 1896 in Kassel, gehörte später der SPD-Fraktion des hessischen Landtags an. Sie gilt als die „Texterin“, der wesentliche Formulierungen zu verdanken sind. Als der Gleichheitsgrundsatz am Widerstand der Männer zu scheitern drohte, initiierte sie einen breiten öffentlichen Protest. 

Frieda Nadig, geboren 1897, lagen die Themen Jugendfürsorge und Gesundheitspflege besonders am Herzen. Die Herforderin saß ab 1947 für die SPD im nordrhein-westfälischen Landtag, ab 1949 im Bundestag. Die Ausstellung verlieh ihr den Titel der „Umsetzerin“. Mit Helene Weber trat sie für eine gesetzlich verankerte Lohngleichheit ein; etwas, das wir bis heute nicht erreicht haben. Sie mahnte immer wieder die konsequente Umsetzung des Gleichberechtigungsartikels an. 

Auch Helene Weber stammte aus Westfalen. Geboren 1881 in Elberfeld, gründete und leitete sie später eine Soziale Frauenschule des Katholischen Deutschen Frauenbundes in Köln. Als Abgeordnete der Weimarer Nationalversammlung war sie die erste Ministerialrätin der Weimarer Republik. Im Reichstag übernahm sie später den Fraktionsvorsitz für die Zentrumspartei. Ab 1946 saß sie für die CDU im ersten Nordrhein-Westfälischen Landtag, ab 1949 im Bundestag. Sie galt als die „Netzwerkerin“. Den ursprünglich außerparlamentarischen Grundsatz der Gleichberechtigung übernahm sie in die parlamentarische Debatte. 

Mit der Dortmunderin Helene Wessel gehörte eine weitere Westfälin dem Viererteam an. 1898 geboren, war sie war bereits Mitglied des Preußischen Landtags gewesen. 1949 wurde sie zur Ersten Vorsitzenden der Zentrumspartei gewählt - die erste Frau überhaupt, die ein derartiges Spitzenamt ausübte. Später saß sie für die SPD im Bundestag. Die Ausstellung weist ihr die Rolle der „Unbequemen“ zu; sie lehnte selbst in der Endfassung das Grundgesetz ab, weil ihr wichtige Elemente fehlten. Ihr zentrales Anliegen war der Schutz von Ehe und Familie im Grundgesetz, insbesondere Schutz und gesellschaftliche Fürsorge für Mütter. 

Nachdem eine Fülle von Resolutionen und Briefen die Mitglieder des Parlamentarischen Rates erreicht hatte, stimmte dieser am 18. Januar dem Gleichheitsgrundsatz zu. Am 8. Mai, dem Jahrestag der Kapitulation, wurde das Grundgesetz bei 53 Ja und 12 Neinstimmen endgültig beschlossen, am 23. Mail verkündet und in Bonn unterzeichnet. 

Ergänzt wird die Ausstellung durch einige Tafeln mit regionalem Bezug: Unter dem Titel „Starke Frauen im Sauerland“ wird das Leben und Wirken der Schwesterngemeinschaft der Salvatorianerinnen zwischen 1923 und 1986 in Obermarsberg beschrieben. Sie eröffneten eine Nähschule, einen Kindergarten sowie eine Krankenstation. Etliche Obermarsberger, so auch Detlev Steinhoff, haben noch gute, persönliche Erinnerungen an diese Schwestern. 

Duppelfeld mahnte, wie zuvor es auch bereits Wiese getan hatte, dass der Grundsatz der Gleichberechtigung noch immer nicht erfüllt ist, sondern „eine im Grundgesetz verankerte Norm, auf die wir weiter hinarbeiten müssen“.

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